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Gutes aus dem Küchengarten: Jedem Stadtteil seinen Garten – Teil 2

Und so ging es weiter, damals im 2013er Jahr, als ich an einem Wochenende die Gemeinschaftsgartenprojekte in Graz besuchte:

Am Samstag ging es dann für mich zur Saatgutbörse am Lendplatz in Graz. Der Zufall wollte es, dass gerade an diesem Wochenende für Urban Gardening und Schutz des Saatgutes bzw. gegen Gentechnik und Patente auf Pflanzen demonstriert wurde. So war am Lendplatz auch ein Stand von Global 2000 dabei um Unterschriften gegen die Patente auf Pflanzen zu sammeln.

Bei den Ständen bot sich mir ein buntes Treiben. Dazu gesellte sich der Eindruck, dass hier Leute am Werken sind, die ihre ersten Erfahrungen in der Saatgut-Gewinnung machen. Eine Art kindliches Staunen, wie etwas wächst, wie aus kleinen Samen richtige Pflanzen werden, schwang bei vielen hier mit. Nicht nur bei den Besuchern dieses Marktes, auch bei den Verkäufern von Saatgut selbst.

Vielfalt an Sorten am Saatgut-Tag am Lendplatz in Graz.

Bei den Bohnensorten gab es reges Interesse - viele der hier angebotenen Arten kannte ich nicht. Mein Begleiter, Kamillo Hörner - er ist mein "Bohnenmann" und vermehrt selbst alte Sorten - kannte einige davon. Und er fand eine Sorte, die noch vor wenigen Jahren in Ungarn erhältlich war. Dann kam der Beitritt Ungarns zur EU und ein Jahr darauf waren diese und viele andere Sorten verschwunden, erzählte er mir. Das berichtete uns auch die Verkäuferin dieses Saatgutes am Stand am Lendplatz.

Sollte uns das nicht zu denken geben? Dass Sorten verschwinden. Wer profitiert wohl davon, alte Sorten nicht mehr zuzulassen? Ich denke, die Antwort wissen wir hier alle...

Im Anschluss besuchte ich den "Mutter Erde"-Garten in Straßgang, im Süden von Graz. Dieser wurde als Gemeinschaftsgarten für sozial Schwache an einem ganz besonderen Ort angelegt. Das gesamte Gartenareal liegt auf dem letzten Abschnitt des Plabutschtunnels, auf einer Autobahn. Mit der Herausforderung, dass man nur rund 40 cm Boden zur Verfügung hatte, man alles in Hochbeetkulturen ziehen muss und man keine Bäume setzen kann. Auch die Bewässerung muss sparsam erfolgen - kräftiges Mulchen schützt die Pflanzen vor dem Austrocknen. Regenwasser wird in Behältnissen aufgefangen und gehortet.

Benjeshecke im Vordergrund. Mutter Erde Garten, Graz.

Benjes-Hecken (im Bildvordergrund) grenzen die einzelnen Gartenareale ein. Und in der Mitte dieses Gartens, der vor rund fünf Jahren entstand, gibt es eine Feuerstelle. Hier wird gemeinsam gekocht, gelebt.

Anneliese Scherz ist die Frontfrau dieses Projektes. Der soziale Aspekt steht bei diesem Permakultur-Garten an erster Stelle. Und die Ernteüberschüsse werden an den Vinzimarkt (ein Sozialmarkt) in Graz weitergegeben.

Unter dieser Gartenfläche fahren Autos. Er liegt auf der Ausfahrt der A9 Autobahn vor dem Verteilerkreis Graz West.

Anneliese meinte zu mir, der Bedarf für einen weiteren Garten dieser Art wäre in Graz durchaus gegeben. Und alle Gartenprojekte haben sich jetzt im Verein "Alles Garten" vernetzt. Einfach um für neue Projekte das Wissen zur Verfügung zu stellen, auf was bei solchen gemeinschaftlichen Gartenanlagen im öffentlichen Raum geachtet werden muss.

Jeder der hier aktiven Gärtner hat eine Geschichte, ein bewegtes Leben. Das Arbeiten im Mutter Erde Garten wirkt auf die Menschen, meint Anneliese. Der Garten bringt neuen Sinn ins Leben der Personen.

Die Kids pflanzen hier gerade Erdbeeren.

Wir sitzen auf einer der Bänke an diesem sonnigen Samstag Mittag und sprechen über den Boom des Urban Gardenings hierzulande. "Die Leute wachen jetzt auf, dass wir durch den Konsumwahn klein und mundtot gehalten werden", erklärt mir Anneliese. Das Leben bestünde nicht aus Konsum. Der Garten ist aber ein kleines Stück Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Das wäre der eigentliche Sinn der Sache, meint sie.

Die Pflanzen und das Saatgut werden gespendet, selbst gezogen und vermehrt. Dieses Projekt verfügt über keinerlei finanzielle Mittel und entsteht aus sich heraus. Aus Spenden und dem, was die Menschen, die dieses Stück Garten bewirtschaften, mitbringen.