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Gutes aus dem Küchengarten: Sind „Local Food“ und „Urban Garden“ nur etwas für New York?

In Metrololen wie New York und Mumbai sind "Local Food" und "Community Garden" wichtige Trends - in Berlin ist das Thema offenbar noch nicht angekommen. Angelika Wohofsky fragt sich, warum.

Der wärmste November seit Beginn der Aufzeichnungen. Skiopenings werden abgesagt, weil es schlichtweg keinen Schnee gibt, nicht einmal Kunstschnee kann erzeugt werden. Das Opening-Event wird als "Beach-Party" abgewickelt.

Im Küchengarten wachsen Kresse, Radieschen, Spinat und Salat. Die Rauke treibt aus, Minze und Oregano setzen frische Triebe an. Die Singvögel lassen sich beim Futterhäuschen nur ab und an blicken, es scheint ihnen viel zu mild zu sein. Von Winter keine Spur.

Bis heute erntete ich aus meinem Minigarten 48 Kilogramm Gemüse und Pflückobst. Die Kräuter nicht mitgerechnet. Mein Minigarten ist ein kleiner Küchengarten, entlang einer Hauswand angelegt in einem städtisch geprägten Umfeld. Er ist so gesehen ein "Urban Garden", ein Stadtgarten.

Wenn Temperaturanstieg und Wetterkapriolen weiter zunehmen, wird es für landwirtschaftliche Betriebe mit Monokultur und industriellen Anbaumethoden immer schwieriger, gute Ernten einzufahren. Und es ist bekannt, dass aus Böden immer mehr Mineralstoffe ausgewaschen werden, wir täglich in der Größe mehrerer Fußballfelder fruchtbaren Boden verlieren. Weil unsere Städte wachsen, wir Flächen versiegeln, wir industriell die Böden bearbeiten.

Es gibt einen Index des BMW Guggenheim Lab über die 100 meist diskutierten Trends in den Städten Berlin, New York und Mumbai. Wenn über etwas gesprochen wird, dann ist das Thema bereits bei den Menschen angekommen. Das setze ich pauschal voraus. Sonst würde ja das Thema nicht diskutiert und als "most talking urban trend" erkannt werden.

Sehe ich mir diesen Index an, dann fällt auf: In New York City und Mumbai sind Klimawandel und "Community Garden" ein Thema. In Mumbai sind diesem Kontext sogar drei weitere Trends zugeordnet: "Food Distribution, Food Education" und "Urban Farming". Auch New York verzeichnet einen weiteren Trend dazu, nämlich "Local Food".

Was ist da los? Ist Berlin noch zu grün, zu reich, zu wohlhabend?

Mir fällt weiters auf, der Begriff "Urban Garden" ist als "most talking urban trend" in Berlin nicht präsent. Dort scheint man nicht über lokale Lebensmittelversorgung, "Urban Farming" zu diskutieren. Dafür über viel Technisches, viel Konzeptionelles.

Wie soll ich damit umgehen? Ich schreibe anscheinend über ein Thema, das (noch) nicht im Trend der deutschen Metropole, dem "New York Westeuropas" angekommen ist. Schließlich zeigt die Entstehung der Gemeinschaftsgarten-Kultur in New York City oder auch beispielsweise in Detroit, dass Stadtviertel erst darnieder liegen, bevor sie von den Stadtgärtnern und Stadtfarmern entdeckt werden.

Mein Urban Garden bei Einzug ins Haus.

Klimawandel hin oder her. Fakt ist, es wird insgesamt wärmer und unbeständiger. Extremereignisse nehmen zu. Das sagen meine Studienkollegen, die heute mit Klimaforschung ihr Geld verdienen.

Fakt ist aber auch, je mehr Unbeständigkeit beim Wetter, desto mehr Unsicherheit auch für Ernten und für den Anbau von Lebensmitteln. Je größer die Einheiten ihrer Produktion, desto größer auch die Ausfälle, wenn solche eintreten.

Mein Urban Garden bei Wachstums- und Erntephase.

Ulrich Hoffmann, UN-Berater für Handel und Entwicklung und internationaler Fachmann für Welternährung und Landwirtschaft meint: Die Menschheit wird von Kleinlandwirtschaften heute schon zu 70 Prozent ernährt. Die Zukunft liegt in biologisch betriebener Kleinlandwirtschaft und der Gartenwirtschaft, nicht in der Agroindustrie. Diese vernichtet vielmehr fruchtbare Böden, so Hoffmann. Es führt kein Weg an ökologischer Bewirtschaftung und am Kleinbäuerlichen, der Gartenwirtschaft vorbei, sagte er zu mir persönlich im Anschluss eines Vortrages im Vorjahr.

Und damit bin ich auch beim Urban Garden, bei Kleinformen der städtischen Landwirtschaft und bei Gemeinschaftsgärten, bei biologischer und naturnaher Produktion. Beim Small is Beautiful, beim Weniger ist Mehr. Bei größerer Resilienz, wenn Wetterkapriolen eintreten sollten und Ernten vernichten.

Und warum Stadt? Weil mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung bereits in Städten lebt. Wir in Zukunft alle in Städten oder urban geprägten Räumen leben werden – selbst Tirol begreift sich von planerischer Seite bereits als Stadt und nicht mehr als ländlicher Siedlungsraum.

Leben in der Stadt und eine lokale Lebensmittelversorgung gehören einfach zueinander. Diese wird auch von Niko Paech als eine der tragenden Säulen der Post-Wachstumsökonomie bezeichnet. New York City und Mumbai haben das wohl, laut Index des BMW Guggenheim Lab, schon verstanden.

Liebe Leserinnen und Leser, seht euch bitte diese Trends an und schreibt mir eure Gedanken dazu, was ihr mit einer solchen Liste verbindet. Schreibt mir bitte, wie das Gemeinschaftsgärtnern und Stadtgärtnern, wie die Selbstversorgung aus solchen Küchen- und Nutzgärten bereits in euren Leben angekommen ist. Wie ihr das Thema in eurem Umfeld wahrnehmt. Vielen Dank!