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Kantinen-Test: Sparfüchse sagen "Mahlzeit"

Leuchtstoffröhren an den Decken, Kollegentratsch, Schlange stehen: Kantinen haben nicht den besten Ruf. Doch in Zeiten der Krise können sie auch für Fremdesser eine gute und günstige Alternative sein. stern.de-Autorin Marina Kramper hat in Hamburg getestet, wie's in Kantinen schmeckt.

An der Kasse steht ein handgeschriebenes Pappschild in schönstem Behördendeutsch: "Nichtbehördenesser, die nicht in den Genuss der Behördensubventionen kommen, haben unaufgefordert ihren Mehrbetrag zu entrichten." Die Kantine der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt liegt im vierten Stock eines riesigen Behördenkomplexes, der sich quer durch die Hamburger City, vom Axel-Springer Platz bis zur Stadthausbrücke, zieht. Hier essen nicht nur Beamte. Denn viele Kantinen sind nicht mehr nur den Angestellten vorbehalten, sie sind öffentlich zugänglich.

In Kantinen essen heißt: Schnell, günstig, nicht mit dem besten Ruf ausgestattet. Rund 37 Prozent aller Angestellten besuchen jeden Mittag eine Werkskantine, der Rest verteilt sich auf mitgebrachte Stullen, den Gang zum Bäcker oder umliegende Restaurants. Laut einer Umfrage der Männerzeitschrift "Men's Health" finden 41 Prozent aller Kantinenesser das Essen nur mittelmäßig. Richtig gut speisen 20 Prozent und richtig schlecht sagen immerhin 7 Prozent. Kantinenessen ist nicht in jedem Fall so schlecht wie sein Ruf. Wer günstig seinen Mittagstisch einnehmen will, für den kann manche Kantine sogar ein wahres Schlemmerparadies sein.

Küchenchef Jens Carstensen aus der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt bekocht seine Beamten mit einer 14-köpfigen Crew. An guten Tagen gehen bis zu 900 Mahlzeiten über den Tresen. Entspannte und freundliche Menschen begegnen dem Fremdesser in den Hallen der Entwicklungsbehörde. Der Weg zur Kantine im vierten Stock oder zu den Toiletten wird geduldig und freundlich erklärt. Jeden Mittag stehen fünf warme Gerichte zur Auswahl, gut ein Viertel der Besucher kommen von draußen. Carstensen weiß, dass sich auch mal Citybummler in die Beamtenflure verirren. Zweimal pro Woche gibt es panierten Seelachs mit Kartoffeln in allen Salatvariationen. Der Fisch ist saftig gebraten und der Kartoffelsalat schmeckt. Gericht zwei, der Putensalat mit exotischer Früchtesauce und Brot ist eher für Diätwillige zu empfehlen, man will dann ohnehin nicht zuviel essen.

Sehen und gesehen werden

Wesentlich eleganter aber nicht besser speist man im Verlagshaus Axel-Springer. Die Kantine, die in einem Anflug von Selbsterkenntnis "Paparazzi" heißt, ist seit vier Jahren auch für Normalsterbliche und nicht nur für Angehörige der schreibenden Zunft zu entern. Stabile, durchsichtige Drehtüren verhindern an sämtlichen Seitenausgängen das Eindringen Unbefugter in die Hallen des geschriebenen Wortes. Immerhin die Hälfte aller täglichen Benutzer kommen von draußen. "Laufkunden aus der Stadt sind es eigentlich weniger, die Meisten kommen aus den umliegenden Büros", weiß der Kantinenbeauftrage Thomas Roehr.

Dabei bietet die Springerkantine eine gute Möglichkeit, sich Journalisten mal aus der Nähe zu betrachten. Nicht nur das Ambiente ist eleganter als in der Behörde, das gilt, grob gesagt, auch für das Styling der Menschen. Küchenchef Walter Cialka und sein Stellvertreter Ralph Pechmann füttern die täglich einfallende Meute mit 24 Mitarbeitern, über 1.800 Mahlzeiten gehen jeden Tag durch die Schleusen der Kassen. Herr Pechmann kommt aus der Hotellerie und kochte früher im Royal Meridian an der Hamburger Außenalter.

Das Speisenangebot ist vielfältig. Ein Pastastand bietet jeden Tag Pastavarianten. Ein beliebter Mittagssnack ist das im Wok gegarte Gemüse. Die frittierten Gnocci mit Gemüse und saurer Sahne versanken ein bisschen in der Tiefe des Einheitsgeschmackes, der Schweinelendenbraten mit geschmortem Kohlgemüse und Serviettenknödeln in Majoranjus sprang ambitioniert ins Auge, war aber ein Opfer des langen Liegens geworden.

So schmeckt's bei Gericht

Wer die Kantine im Hamburger Strafjustizgebäude betreten will, muss erstmal die Hosen runterlassen. Eine Personenkontrolle wie an den Flughäfen mit Handykonfiszierung schleust den hungrigen Besucher in das denkmalgeschützte Gebäude. Dafür ist das Essen der Mannschaft rund um den Koch Jürgen Diehr eine positive Überraschung: Es schmeckt wie frisch und selbst gekocht! Die Räume der Kantine unterteilen sich in Profis und Laien. Nur Richter und Anwälte haben den Blick auf den Hof des Untersuchungsgefängnisses, der weltliche Rest guckt beim Essen auf den Innenhof des Strafjustizgebäudes.

Kocht der Chef deshalb so gut, weil die Henkersmahlzeit für die, die vor der Verhandlung stehen, die letzte Mahlzeit in Freiheit bedeuten kann? Herr Diehr hat eine andere Deutung: "Bei uns essen 95 Prozent des Stammpersonals. Und die müssen wir bei der Stange halten. Wenn das Essen nicht schmeckt, bleiben die einfach weg und wer soll sonst hier essen?" Das Hühnerfrikassee auf Reis war ausgezeichnet und der Gemüsebratling auf Ratatouillegemüse aromatisch und mit Kräutern gewürzt, nicht verkocht und ebenso lecker. Ein Beweis, dass Kantinenessen nicht notwendigerweise unbefriedigend sein muss.

Fazit:

Sicherlich kann die Kantinenspeisung nicht das stilvolle "Essengehen" ersetzen. Aber: In Krisenzeiten kann es Sinn machen. Beim Mittagstisch in Kantinen kann man jedenfalls kräftig sparen. Die Kantinenpreise liegen überall zwischen 2 Euro und maximal 5 Euro 50. Dafür hat man dann auch ein großes Stück Fleisch auf dem Teller und isst allemal gesünder und leckerer als im Fast-Food-Restaurant.

Marina Kramper