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Teil 17: Österreich wird rot!

1985, Weinpansch-Skandal: Die Winzer im Mozart-Land stehen vor dem Ruin und setzen danach auf Rotwein statt Weißwein. Heute zeigt sich, dass diese Umstellung das Beste war, was uns Genießern passieren konnte

Österreich: Mozartkugeln, Walzerkönig und Radetzkymarsch. Stimmt. Aber Österreich hat auch Wein – und was für welchen: Sauvignon blanc aus der Steiermark, Grünen Veltliner von der Wachau und Heurigen aus Wien. Dann gibt es noch das Burgenland. Bis vor 20 Jahren war diese Region rund um den Neusiedlersee ein Garten Eden für Süßweinspezialitäten. Allerdings ist es seit dem Glykolskandal von 1985 (Weine wurden mit dem Frostschutzmittel "lieblicher" gemacht) mit dieser Tradition so gut wie vorbei, weil die Manipulationen den Ruf der edelsüßen Spezialitäten ziemlich angekratzt haben. Doch die Winzer hier haben eine Antwort gefunden: Sie machen jetzt Rotwein! Erich Giefing aus dem Dorf Rust ist einer von ihnen. Mit seiner Lieblingssorte Blaufränkisch – in Deutschland wird die Traube Lemberger genannt – räumt er einen Pokal nach dem anderen ab. "Das ist die ernsthafteste Rotweinsorte Österreichs", sagt er. Aus Blaufränkisch entstehen vitale, tieffruchtige und würzige Weine, die in der österreichischen Rotweinrenaissance eine bedeutende Rolle spielen – entweder reinsortig wie in unserem Fall oder als Cuvée-Partner mit anderen roten Sorten wie Zweigelt, Cabernet und Pinot noir.

Giefings Wein kommt mittelschwer und schön fruchtig daher, duftet nach Zwetschgen, Gewürznelken und einem Hauch Eichenholz. Im Mund macht er richtig Druck und zeigt kompakte Gerbstoffe, noch zwei, drei Jahre wird er sich von seiner besten Seite zeigen. Wenn es um Essen und Trinken geht, sind die Österreicher Patrioten mit einem todsicheren Gespür dafür, welche Sorten mit ihren Spezialitäten harmonieren. Das Völkergemisch der ehemaligen Donaumonarchie grüßt mit einem Potpourri aus Gulasch, Palatschinken, Mehlspeisen, Knödeln und Polenta. Und was empfiehlt Winzer Giefing zu seinem Rotwein? "Eine Rindsroulade mit gebutterten Nockerln. Oder ein Paprikasch, eine Gulaschvariante, wie wir sie im Burgenland lie ben, vom Schwein mit viel Rahm und Paprika."

Ganz im Osten Österreichs, eine knappe Autostunde von Wien entfernt, liegt das Weinbaugebiet Burgenland mit seinen Unterregionen. Das Mittel- und Südburgenland ist die Hochburg für Blaufränkisch, im Norden, an den Hängen des Neusiedlersees, entstanden die edelsüßen Weine und brachten den Winzern Ruhm und Wohlstand. Nun stehen auch hier die Sorten Blaufränkisch, Zweigelt, Sankt Laurent und Pinot noir in der ersten Reihe, neben internationalen Stars wie Cabernet, Merlot und Syrah. Sie alle mögen das trocken-heiße Sommerklima auf den kalkreichen Hanglagen des Neusiedlersees. Im Sommer mildert der 276 Quadratkilometer große See die heißen Winde aus der ungarischen Puszta. Und im Winter verwandelt er sich in ein Paradies für Schlittschuhläufer. Und die letzten Eisweinliebhaber.

Fabian & Cornelius Lange / print