Teil 21 Erster ist nicht Bester


Wein aus dem Beaujolais heißt nicht automatisch "Primeur" - die schnelle Ware ist nur was für Studenten. Für Erwachsene: der gereifte Morgon

Unser Wein der Woche stammt aus dem südlichen Zipfel des Burgunds, dem Beaujolais. Diese Landschaft nördlich von Lyon ist untrennbar mit dem "Beaujolais Primeur" verbunden. Alljährlich darf er ab dem dritten Novemberdonnerstag verkauft werden. Dann werden Millionen Flaschen in wenigen Tagen in die ganze Welt geliefert, um den großen Durst zu löschen, den der Primeur-Hype vor allem bei Abiturienten und anderen Abgängern auslöst. Der Nouveau, wie der Primeur auch genannt wird, entsteht mit der "Macération Carbonique", der Kohlensäure-Maischung. Dazu werden die Trauben der Sorte Gamay - sie ist hier vorherrschend - in druckfeste Tanks gefüllt. Ein Drittel platzt auf, Saft tritt aus und beginnt zu gären, und wie bei jeder Gärung entsteht Kohlensäure. Die Kohlensäure steigt auf und sorgt für Überdruck im Tank. Die unversehrten Trauben gären deshalb nur in ihrem Inneren, der Druck der Gärungskohlensäure verhindert das Aufplatzen der Schalen. Durch diesen intrazellulären Gärprozess entstehen die typischen Aromen, die bei Primeur an reife Birnen und Bananen erinnern können.

Dass es sich bei diesem blutjungen Rotwein, sagen wir es diplomatisch, um etwas leichtere Ware handelt, soll hier nicht unter den Teppich gekehrt werden. Es geht aber auch anders, wie unser Morgon beweist. Auch er ist qua Herkunft ein Beaujolais, kommt aber aus einer der zehn Edelappellationen und darf sich deshalb "Cru" nennen. Im Gegensatz zum Turbo-vergorenen Primeur ist der Morgon nach dem Prinzip Entschleunigung produziert.

Die kargen, verwitterten Granit- und Schieferböden bringen niedrige Erträge und sorgen so für konzentrierte Trauben, die der Kellermeister von Château de Pizay traditionell verarbeitet: Die angequetschten Trauben werden langsam mit den Schalen vergoren und dabei bewegt. Die Fasslagerung sorgt dann für einen entspannten und reifen Rotwein. Entsprechend mehr springt bei unserem rubinroten Morgon für Nase und Gaumen heraus: eine satte Kirschfrucht, ein Hauch Unterholz, reife Pflaumen und Blütendüfte. Der Wein ist füllig, dabei samtweich und endet in feiner Himbeerfrucht. Seine Eleganz wird in den nächsten drei Jahren viel Unterhaltung bieten - vor allem zu jeder Art von kurzgebratenem Rindfleisch mit geschmorten Zwiebeln, zu Kartoffelgratin mit Pilzen oder einer gebratenen Dorade. Und natürlich zu Weichkäse wie cremigem Chaource, vollfettem Brillat-Savarin oder reifem Brie. Im Sommer empfiehlt sich eine Trinktemperatur um die 16 Grad.

Das Beaujolais liegt am Rande einer Bergkette in idyllisch gewellter Hügellandschaft. Diese Weinregion ist das Hauptquartier der Rebsorte Gamay, mit der in Frankreich rund 35 000 Hektar bestockt sind, 70 Prozent davon stehen im Beaujolais-Gebiet. Aus dem Norden der Region stammen die besten Weine, die zehn Crus. Neben Morgon sind das St-Amour, Juliénnas, Chénas, Moulinà- Vent, Fleurie, Chiroubles, Régnié, Brouilly und Côte de Brouilly. Darunter rangieren die Beaujolais Villages, ordentliche Mittelklasseweine, die meist an einen Ort gebunden sind. Die Basis bildet einfacher Beaujolais wie etwa der Primeur.

Cornelius und Fabian Lange print

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