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Champagner: Champagner nur aus feinsten Gläsern

Angeblich sind ja Bauchnabel das Schärfste. Aber wie die aktuelle Mode zeigt: Nur aus den allerwenigsten Nabeln möchte man auch wirklich Champagner schlürfen. Also bleibt nur das Zweitschärfste. Und das heißt Lobmeyr.

Das Leben? Es kann so schön sein. Auf der anderen Seite É Betreten wir den Schauraum einer Glashütte. Handwerkerschauräume - argh! In 99 von 100 Fällen bergen sie Panoptika des Grauens, Freakshows voller Beispiele dafür, was geschieht, wenn Zauberlehrlinge allein sind, wenn Fachleute machen dürfen, was ihr Hirn gebiert. Wenn sie ausführen, wofür Eigensinn sie zahlt. Wehe, wenn sie losgelassen! Waffenschauen, Erotikmessen und Handwerkerschauräume... Ohne Politik, ohne Moral, ohne den Willen zur klaren Form, ohne Vorstellung davon, was als Form auch sinnvoll ist, feiert das Hässliche Triumphe.

So in der "Evelyn-Glashütte" in Amberg in der Oberpfalz. Fassungslos und stumm starrt der Betrachter auf die Beweise, in welch obszöne Formen Glas gezwungen werden kann, gebogen, gezogen, geblasen, verdreht, gefärbt, gezwackt und geschnitten. Klobige Gläser, albtraumhafte Vasen, koboldesker Nippes - gedemütigte Materie, präsentiert mit sadistischer Nonchalance.

Vom Elend des Handwerks zum Glanz: Am selben Ort, in der "Evelyn-Glashütte", ist zugleich das äußerst Zarte zu Hause, das Verletzliche. Dieselben Handwerkerhände lassen Gläser feinster, filigranster und klarster Machart entstehen. Gehauchte Stücke, wie sie leichter kaum vorstellbar und nur ganz selten zu finden sind.

Und was bewirkt diese Höchstleistung so plötzlich? Bestes Design, strenge Kontrolle, anständige Bezahlung - vorgegeben, ausgeübt und geleistet von einem Auftraggeber, der sich mit keinem geringeren Titel als dem des Verlegers schmückt. Glasverleger - mal gehört?

Etwa hundert Glasmacher

gibt es noch in Deutschland, meist in der Gegend des Bayerischen Waldes. Ihre Betriebe sind modern, sie sind bar jeder Romantik, und sie müssen knallhart rechnen. Die meisten schaffen es trotzdem nicht. Die Maschinenkonkurrenz macht sie kaputt. Ihre Technik ist bewundernswert, es wird sie aber bald nicht mehr geben, wenn ihre Kunst nicht wertgeschätzt und angeschafft wird von denen, die es sich leisten können.

Wie aufgezogen, mit hurtiger Gemächlichkeit vollziehen diese Leute die immer gleichen Handgriffe, mit denen sie einen zähen Tropfen Glutmasse in flüchtig-zarte Form bringen; einen honigträgen Fluss aus Quarzsand, Pottasche, Soda, Kalk und Bruchglas vom Vortag - gebrodelt bei 1400 Grad, geläutert bei 1450, über Nacht gekocht und siedend abgekühlt auf 1120 bis 1140 Grad. Am Punkt der größten Hitze dann eine Art Opfer: Der Meister steckt eine Kartoffel auf eine Stange und rührt damit die Glassuppe durch - eine Minute wüsten Brodelns, und die Knolle ist verdampft, rückstandslos, unter Mitnahme und Austreibung aller restlichen Unreinheiten, die sich noch in der Rohmasse befunden haben könnten.

Ein Weinglas ist eine Trinität aus Kelch, Stiel und Fuß, in drei getrennten Arbeitsgängen ausgeführt und doch nahtlos und unerkennbar ineinander fließend. Ein Wunder fast, ein Kunststück jedenfalls, ausgeführt mit stählernen Blasrohren, Formenblöcken aus Hartholz, schweren Scheren und - wichtig - Wasser. Letztlich wird Glas auf Wasserdampf geformt, das Holz berührt es nie.

Ein langes Blasrohr aus Stahl - die Pfeife - wird durch die Ofentür in den Glasfluss gestochen, eine walnussgroße zähe Kugel an der Luft wie ein Kaugummi angeblasen, am nassen Modellholz unter Drehen vorgeformt und dann in einer wassernassen Hohlform ausgeblasen. Der Kelchboden wird erneut geflammt, ein weiterer Glastropf darangesetzt, zu einem Stiel ausgezogen und am Ende angeplättet. Darauf kommt ein dritter Tropf, der wieder zwischen nassem Holz unter Drehen geweitet wird, bis er als Glasfuß dienen kann.

Ein ruhiger Wettlauf mit der Zeit - denn nur sekundenlang ist Glas in einem Zustand der Formbarkeit, zwischen Zerrinnen und Erstarren. Dann kühlt das Glas zwei Stunden in einem Kühlofen von 400 auf 60 Grad ab. Anschließend wird die Glaskugel angeritzt und der obere Haubenteil abgesprengt.

Ein mundgeblasenes Glas

verhält sich zu einem Fabrikglas wie Audrey Hepburn zu den Kreischdohlen aus den Fernsehvorabendserien. Doch zu der Ehre, eine Hepburn nach der anderen zu schaffen - edel, liebenswert, perfekt balanciert -, muss der Handwerker gezwungen werden. Für "Evelyn" trägt der Zwang zum Glück den Namen Lobmeyr.

Die Firma Lobmeyr existiert seit 1823, und zwar in Wien. Einst belieferte sie den kaiserlichen Hof. Heute findet sie ihre Kunden von Tokio bis New York. Sie hat nie eine eigene Hütte besessen, sondern vergibt ihre Aufträge an ausgesuchte Betriebe, denen sie ihre Vorstellung diktiert. Gegen gutes Geld und unter Überlassung pingeligst zu befolgender Formschablonen lässt Lobmeyr so genanntes Musselin-Glas blasen. Es ist härter und anspruchsvoller als Bleiglas, jedoch noch feiner auszuformen. Jedes Teil ist so fein und ohne jegliche Dickstellen, dass der Benutzer im Wesentlichen nur noch Wein in der Hand hält, durch einen Hauch von Form gehalten.

Für ein so flüchtig-feines Getränk wie Champagner ist so ein Glas eigentlich das einzig zumutbare Gefäß. Was mindestens albern klingt, vielleicht sogar vermessen - bis man einmal aus so einem Glas getrunken hat. Dass solch makellose Schönheit gepflegt werden will, versteht sich - mit feinen Poliertüchern und nur folgenden Tags sowie nüchternen Kopfes.

In der Hütte haben

20 Menschen jedes Glas einmal in der Hand und schauen kritisch hin. Zwischen 10 und 30 Prozent der Gläser überleben den Qualitätscheck nicht. Ist die Ware in Wien ausgepackt, lässt Lobmeyr-Chef Leonid Rath noch einmal rund zehn Prozent der Gläser zurückgehen. Der Rest kommt in den Verkauf oder wird - wo möglich und gewünscht - durch die Graveure der Firma noch einmal verfeinert.

Was kostet der Spaß? Das Glas fängt im Preis bei 35 Euro an, der Durchschnitt liegt bei 50 Euro - nicht wenig Geld, aber nicht viel mehr, als die bekannten mundgeblasenen Marken kosten. Lobmeyrs Schauraum auf der Kärntner Straße in Wien ist alles andere als ein Panoptikum des Grauens, eher ein Blick ins himmlische Jerusalem. Aus der Ferne zu sehen unter www.lobmeyr.at.

Bert Gamerschlag / print