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Hacienda Santa Teresa in Venezuela: Dieser Rum wird von (Ex-)Kriminellen gemacht

Alberto Vollmer macht Rum. Den besten Venezuelas. Seine Arbeiter haben nicht alle eine weiße Weste, sie sind Kriminelle. Nur so kann sich Vollmer auf Rum konzentrieren - und dabei die Kriminalitätsrate senken. 

Santa Teresa

In der Hacienda Santa Teresa arbeiten um die 50 ehemalige Straffällige

Invasion, Überfall, Waffe am Kopf, Insolvenz, Schulden, Verhöre, Kriminelle, korrupte Polizei und Politiker. Es klingt wie der perfekte Plot für eine neue Netflix-Serie. Ein bisschen wie Narcos. Nur dass es in dieser Geschichte nicht um einen Serien-killenden Drogenbaron geht, sondern um Alberto Vollmer (der auf der guten Seite der Geschäftswelt steht). Vollmer hat sich einer Spirituose verschrieben: Rum. Und das in fünfter Generation.

Ende der 90er Jahre stand es nicht gut um die Hacienda Don Santa Teresa, 60 Kilometer westlich von Caracas, der Hauptstadt Venezuelas. Damals verkaufte und vertrieb das Unternehmen 260 Produkte. Es war nicht immer ganz klar, ob die Firma jetzt ein Produzent oder ein Importeur ist. "Wir haben zu diesem Zeitpunkt Zweidrittel unseres Kapitals verloren und hatten Schulden in Millionenhöhe", sagt Alberto Vollmer, der aus einer der reichsten Familien Venezuelas stammt, im Gespräch mit dem stern. Also tat er das einzig Richtige: Er veränderte alles. Von ursprünglich 850 Mitarbeitern blieben nur noch 150 übrig. Von 260 Produkten nur noch 17. Vollmer wollte sich ganz auf das Kernprodukt der Hacienda konzentrieren: Rum. In nur drei Monaten konnte das Unternehmen ein Wachstum von 25 Prozent verzeichnen. Ein Erfolgserlebnis, das Vollmer nicht nur wachsen ließ, sondern ihm wohl auch heute, viele Jahre später, das Selbstbewusstsein schenkte, das er an den Tag legt.

Überfälle, politische Unruhen und Rum

Wirtschaftlich ging es für den Rum-Produzenten bergauf, aber schon seit der Gründung der Hacienda im Jahr 1796 wurde die Familie Vollmer immer wieder vom Unglück verfolgt. Kurz nachdem Alberto die Hacienda wieder auf Erfolgsspur gebracht hatte, überfielen im Februar 2000 500 einheimische Familien das Land der Familie Vollmer. Politische Unruhen machten es möglich. Sie forderten Wohnraum auf 3000 Hektar Land, das zur Hacienda gehörte. Man könnte jetzt denken: Alberto hätte versucht, die Menschen per Haftbefehl abführen zu lassen. Aber nein. Er vertraute nicht auf Gewalt, sondern auf eine andere Qualität: Mitgefühl.

Vollmer hat vor der Übernahme der Hacienda jahrelang in den Slums von Caracas gearbeitet. Er kannte den Slang der untersten Schicht seines Landes und begegnete den Familien auf Augenhöhe. Ihm war klar: Wenn er Armut bekämpfen möchte, muss er investieren. Also reichte der Rum-Produzent den Invasoren die Hand und machte es möglich, dass 100 Familien Häuser auf seinem Land bauen konnte. Für die anderen Familien fand er – gemeinsam mit der Regierung – eine andere Lösung. "Mir war klar, dass wir in die Community investieren müssen, sodass so etwas nicht wieder passieren würde", sagt Vollmer ernst. 

Alberto Vollmer (rechts) weiß, wie er mit den sozial Schwächeren umgehen muss. Er hat jahrelang in den Slums von Caracas gearbeitet.

Alberto Vollmer (rechts) weiß, wie er mit den sozial Schwächeren umgehen muss. Er hat jahrelang in den Slums von Caracas gearbeitet.

Das Projekt Alcatraz

Nur drei Jahre später der nächste Rückschlag: Eine kriminelle Gang wollte die Destillerie überfallen und entwendete einem Sicherheitswächter seine Waffe. Zum Glück ist nichts weiter passiert. Der Security gelang es, die Jugendlichen zu überwältigen und ihnen Handschellen anzulegen. Davon wollte Vollmer aber nichts wissen. Er wollte mit den Gang-Mitgliedern sprechen und bot ihnen zwei Optionen an: Entweder würde er die Polizei rufen und ihnen das weitere Geschehen überlassen, oder aber die Jugendlichen lassen sich darauf ein, drei Monate auf der Hacienda zu leben und zu arbeiten. Sie würden nichts verdienen, aber kostenloses Essen bekommen und einen Platz im Job-Training-Programm von Vollmer. Das Projekt Alcatraz war geboren.

Seit diesem Tag lebt das Resozialisierung-Projekt von Alberto Vollmer. Er beschäftigt durchgehend auch Mitarbeiter, die eine kriminelle Vergangenheit hinter sich haben. In ihrer Freizeit spielen sie Rugby. Momentan arbeiten um die 50 (ehemalige) Kriminelle in der Rum-Fabrik. Ein positiver Nebeneffekt: Die Kriminalitätsrate rund um die Ortschaften der Hacienda sank dadurch rapide. Das Unternehmen floriert indes weiter und verzeichnet mittlerweile wieder 650 Mitarbeiter.

Mit den ruhigen Zeiten währt es aber nicht lange. Wer sich mit dem politischen Weltgeschehen in Venezuela auskennt, weiß, dass die Lage auch heute nicht einfach ist. Auf die Frage, wie Vollmer sich trotz der Unruhen, der ewigen Achterbahnfahrt, immer noch auf Rum konzentrieren kann, hat er eine einfache Antwort: "Ich bin ein Optimist". Es gehe nicht anders, es müsse weitergehen. Auch wenn bereits einige seiner Mitarbeiter das Land verlassen, Vollmer macht weiter. Und vielleicht entspricht der Charakter des Venezuelaners auch ein bisschen den Eigenschaften seines Rums: "smooth, dry and balanced", also geschmeidig, trocken und ausgewogen.