HOME

Nie wieder ...: ... fertig abgepackten Fabrikglühwein

Da sind sie schon wieder, die Weihnachtsmärkte mit Riesenrad und Karussell und - Glühweinständen. Warum nur trinken wir deren Zeug so bedenkenlos?

Ein Stand in einer x-beliebigen Fußgängerzone. Dezember, Abend, etwa zehn Grad, Regen. Ein Kunde kommt.

"Einen Glühwein, bitte."
"Mit oder ohne?"
"Mit oder ohne was?"
"Schuss."
"Was für'n Schuss?"
"Äh ..."
- Glühweinstandbetreiber hält eine Flasche hoch und blickt selbst neugierig aufs Etikett; er hatte einfach schnell nur gekauft, was billig beim Großhandel stand, und liest jetzt -
"Freibeuter Rum."
"Gut, mit."
"Drei Euro."

Kunde zahlt. Standbetreiber brummt "Mhm", sackt Geld ein (3 Euro sind 6 Mark. Sie erinnern sich? 6 Mark! Für 0,2 Liter), tritt ein paar leere Tetrapackboxen an die Seite und füllt mit plödderndem Geräusch aus einem Einweckkessel Flüssigkeit in einen Plastikbecher.

Herüber reicht er eine stechende, heiße, angetrübte Rotweinbrühe. Sie schmeckt bitter, was von massig Zucker und einem Aromensatz überlagert ist, wie man ihn aus bayerischen Gewürzsträußchen kennt, wenn sie künstlich eingesprayt sind.

Warum trinken wir so was? Leute, das Zeug ist doch Gammelwein. Schon mal von einem Gammelweinskandal gehört? Nö. Es gibt ihn nicht, weil der Skandalstoff legal verkauft wird, jeden Tag und jeden Abend vom 1. Advent bis zum 23. Dezember. Absatz findet er auf den Weihnachtsmärkten und nachts in den Eingangsbereichen der Kaufhäuser, bei den Obdachlosen.

Anders als beim Gammelfleisch ist unser Gammelwein kein überlagertes Produkt - er schmeckt nur gammelig und ist zumindest nicht im gängigen Wortsinn überlagert, nur olfaktorisch.

Das Zeug hat auch keinen Gefrierbrand. Den haben die Konsumenten, und zwar am Hirn. Jeder weiß es: Kaum dass das Geld im Kasten klingt, der Kopfschmerz durch die Kehle rinnt. Trotzdem rennen alle hin und saufen das Zeug - argh!

Es ist gar nicht so schwer, anständigen Glühwein zu-zubereiten. Ich sag Ihnen gleich, wie's geht.

Zuvor ein Exkurs: Wein zu würzen war schon in Rom und bei den Griechen gängig. Auch das Erhitzen ist nicht neu. In Nordeuropa haben die Leute winters schon lange warmen Alkohol getrunken, Warmbier und Glühwein bei uns, "mulled beer" und "mulled wine" in England.

Dann brachten britische Seeleute aus Indien Punsch mit, ein aus fünf oder mehr (Sanskrit: pantscha = fünf) Zutaten gemischtes Heißgetränk, anfangs auf Arrak-, also Palmschnapsbasis.

Punsch und Glühwein sind eine Kunst. Carl Georg von Maaßen ("Weisheit des Essens", 1928) widmet ihnen ein ganzes Kapitel. Aber schon vor 80 Jahren gab es Schludereien. Maaßen klagt:

"Aus billigen Weinen, zu schlecht, sie unvermischt zu trinken, lässt sich kein trinkbarer Punsch herstellen. Düstere Gespenster drohen am anderen Morgen aus allen Ecken, grausame Folterinstrumente in dürren Knochenhänden schwingend. Ich gehe um die Weihnachtszeit herum Leuten vorsichtig aus dem Wege, von denen mir Gefahr droht, dass sie mich zu einem Punsch aus einem fertig gekauften Punschextrakt einladen könnten."

Ich habe noch auf keinem Weihnachtsmarkt anständigen Glühwein angetroffen, aus sauberen Zutaten selbst und so bereitet, dass er sein Geld wert ist. Schauen Sie unter die Theke - da steht der fertig gekaufte Glühwein kartonweise, die Standbetreiber erhitzen das Zeug nur noch und halten die Hand auf. Gut 20 Fabriken setzten in kalten Wintern bis zu 50 Millionen Liter der Plörre ab.

Wie geht es besser? Für guten Glühwein nehmen Sie keinen dunklen tanninigen Rotwein (die Gerbstoffe werden beim Erhitzen bitter), sondern eher helle, brillant funkelnde Burgundersorten. Deutscher Spätburgunder ist gar nicht schlecht. In den gehören keine Extrakte, nur ganze Zimtstangen und Nelken, ein Drittel frisch gebrühter Tee (wenn man Rum zufügen will), wenig Zucker und einige Zitrusscheiben. Glühwein nur auf 70-80 Grad erhitzen, nie kochen.

Im Einkauf kosten 10 Liter Glühwein circa 8 Euro. 10 durch 0,2 mal 3 Euro macht 150 Euro, abzüglich Rum. Mit Kopfschmerz und Faulheit lässt sich verdammt gut verdienen.

Bert Gamerschlag / print
Themen in diesem Artikel