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"Golden Days Before They End": Ein Hoch auf die Eckkneipe!

Es gibt noch immer das kleine Glück ums Eck - es wird nur immer seltener: Für den Bildband "Golden Days Before They End" haben Klaus Pichler und Clemens Marschall 70 Wiener Kneipen porträtiert.

Die kleine  in unserer Straße
da wo das Leben noch lebenswert ist
dort in der Kneipe in unserer Straße
da fragt dich keiner was du hast oder bist


Schon Peter Alexander besang 1976 in seinem Schlager "Die kleine Kneipe" das kleine Glück, das Gaststätten zu spenden vermögen. Die einfache Eckkneipe, die Kaschemme, in der man für ein paar Stunden bei Bier und netten Gesprächen die Alltagssorgen vergisst. In Wien werden diese Lokale oft Tschocherl genannt, es sind Orte wo es nichts zu essen gibt, sondern wo ausschließlich getrunken und geraucht wird, wo es eher schlammelig als schick ist.

Die Postkarten dort an der Wand in der Ecke
das Foto vom Fußballverein
das Stimmengewirr die Musik aus der Jukebox
all das ist ein Stückchen Daheim


Für den Bildband "Golden Days Before They End" haben sich der Fotograf Klaus Pichler und der Journalist Clemens Marschall vier Jahre lang ins Wiener Nachtleben gestürzt und 70 solcher Kneipen und Beisln porträtiert.

Du wirfst eine Mark in den Münzautomaten
schaust anderen beim Kartenspiel zu
und stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke
und bist gleich mit jedem per Du

Der dabei entstandene Bildband trägt stark nostalgische Züge. Es ist ein Blick zurück in eine vergangene Ära. Denn die große Zeit dieser Art von Kneipe scheint unwiederbringlich vorbei zu sein. "Ein Drittel der Wiener Tschocherl, die wir seit April 2012 für unser Buchprojekt regelmäßig besucht haben, gibt es heute nicht mehr", sagt Klaus Pichler der "Süddeutschen Zeitung".

Man redet sich heiß und spricht sich von der Seele
was einem die Laune vergällt.
Bei Korn und bei Bier findet mancher die Lösung
für alle Probleme der Welt

Es gibt viele Gründe, weshalb sich diese Art von Gaststätte auf dem Rückzug befindet. Die Arbeitswelt hat sich geändert, mit der klassischen Arbeiterklasse stirbt das traditionell proletarische Publikum dieser Kneipen aus. Zudem hat sich über die Jahrzehnte der Alkoholkonsum von öffentlichen Orten stärker ins Private verlegt. Viele jüngere Menschen meiden diese Art von Lokal, bevorzugen stattdessen hippe Bars.

Wer Hunger hat der bestellt Würstchen mit Kraut
weil es andere Speisen nicht gibt
Die Rechnung die steht auf dem Bierdeckel drauf
doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.

Das alles trägt zu der melancholischen Stimmung bei, die "Golden Days Before They End" umweht: Es ist in Blick zurück mit Wehmut. Die Autoren haben wohl recht: Die goldenen Tage - sie werden nicht mehr wiederkommen.


Der Bildband "Golden Days Before They End" von Clemens Marschall und Klaus Pichler ist im Verlag Edition Patrick Frey erschienen, umfasst 250 Seiten und kostet 52 Euro.

Die zitierten Zeilen sind Peter Alexanders Lied "Die kleine Kneipe" entnommen, das in Österreich unter dem Titel "Das kleine Beisl" veröffentlicht wurde. Die deutschsprachige Version wurde von Michael Kunze getextet, der Song stammt im Original aus dem Holländischen: "In 't kleine café aan de haven" wurde von Vader Abraham gesungen und komponiert.

Peter Alexander singt "Die kleine Kneipe"/ "Das kleine Beisl"

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