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Ehrenamt als Grenzerfahrung "Vielen Menschen tut es gut, vor dem Tod Gesellschaft zu haben"

Sterbebegleiter betreuen Menschen vor dem Tod
Beruhigend: Die meisten menschen haben Angst vor dem Tod – auch Sterbebegleiter. Allerdings kann es helfen, in seinen letzten Tagen nicht allein zu.
© Norbert Försterling / DPA
Für die meisten ist der Tod immer noch ein Tabuthema – und das, obwohl er jeden früher oder später einmal ereilt. Der Grund: Viele haben Angst. Manche haben sie allerdings überwunden und begleiten Menschen in ihren letzten Lebenstagen. Mit zwei von ihnen hat der stern gesprochen.

Die Angst vor dem Tod ist weit verbreitet. Die letzten Lebenstage in Gesellschaft zu verbringen kann helfen, diese Angst zu überwinden. Deutschlandweit engagieren sich laut dem Deutschen Hospiz- und Palliatvverband e.V. mehr als 120.000 Menschen hauptberuflich oder ehrenamtlich für sterbende Menschen. Sie sind Begleiter der Sterbenden und zuweilen auch Berater für die Angehörigen. Veronica Benites und Karin Dannemann engagieren sich seit mehreren Jahren ehrenamtlich beim Hospizdienst der Bremischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz e.V. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse haben sie im Interview mit dem stern geschildert.

Frau Benites, Frau Dannemann, Sie begleiten Menschen in ihren letzten Lebenstagen. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Veronica Benites: Wir gestalten ihre letzten Tage so angenehm wie möglich, sind für die Menschen da. Es geht dabei um ganz Alltägliches, wir gehen spazieren, lesen die Zeitung oder schauen fern. Sterben ist ein natürlicher Prozess, das versuchen wir den Menschen zu vermitteln. Und gleichzeitig zeigen wir ihnen, dass man jede Minute des Lebens mit schönen Momenten füllen kann, damit man etwas hat, wofür man dankbar sein kann.

Das hört sich sehr schön an. Warum ist der Tod trotzdem ein Tabuthema?

Benites: Die Leute haben einfach Angst. Wenn ihnen etwa eine Krebsdiagnose gestellt wird, dann stellen viele fest, dass sie noch nicht alles geschafft haben, was sie sich für das Leben vorgenommen haben. Die meisten wollen das plötzliche Ende nicht wahrhaben, das macht den Sterbeprozess schwierig. Und andere stellen fest, dass sie plötzlich alles, was sie haben, verlieren werden.

Karin Dannemann: Ich denke viele haben auch Angst vor dem Sterbeprozess selbst. Habe ich Schmerzen, was kommt da überhaupt auf mich zu? Diese Ungewissheit und die eigene Endlichkeit, das macht jedem Angst – auch mir.

Und trotzdem haben Sie diese Angst irgendwie überwunden oder zumindest unterdrückt, sonst würden Sie sich nicht ehrenamtlich als Sterbebegleiterinnen engagieren. Wie sind sie dazu gekommen?

Dannemann: Ich habe meine Mutter in ihrem letzten Lebensjahr sehr eng begleitet, nachdem sie eine Krebsdiagnose erhalten hatte. Erstaunlicherweise sind wir uns in dieser Zeit noch einmal nähergekommen und haben trotz allem viele fröhliche Stunden zusammen verbracht. Ich selbst hatte Brustkrebs und wurde deshalb bereits mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Viele Dinge im Leben kann man erst nachempfinden, wenn man selbst betroffen ist. Als ich dann in der Zeitung auf eine Anzeige für den Hospizkurs der Bremischen Schwesternschaft e.V. stieß, habe ich beschlossen, mich dort ehrenamtlich einzubringen.

Benites: Ich sehe wegen meines Berufs regelmäßig Menschen sterben und begleite sie eigentlich auch bis zum Schluss. In Peru, wo ich ursprünglich herkomme, war ich Krankenschwester. In Deutschland habe ich als Altenpflegerin gerarbeitet. Gerade hier habe ich gemerkt, dass sich die Bewohner wünschen, dass jemand für sie da ist. Aber das kann man im normalen Berufsalltag in dem Umfang nicht leisten. In Peru habe ich außerdem eine prägende Erfahrung gemacht und als ich eine Anzeige für den Hospizdienst der Schwesternschaft in der Zeitung sah, habe ich beschlossen, das ehrenamtlich zu machen.

Was war das für eine Erfahrung?

Benites: Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, sah ich, wie ein Mann auf offener Straße erschossen wurde. Es hat ungefähr zehn Minuten gedauert, bis er starb. In der Zeit saß ich neben ihm. Er hatte Angst vor dem Tod und bat um Hilfe. Aber am Ende hat er es akzeptiert und sagte nur noch, ich solle ihn nicht allein lassen. Das ist mir in Erinnerung geblieben. Vielen Menschen tut es gut, wenn sie kurz vor dem Tod Gesellschaft haben.

Was motiviert Sie beide dazu, Menschen im Sterbeprozess zu begleiten?

Benites: Es ist eine schöne und sinnvolle Arbeit. Man merkt sofort, dass man dabei etwas Gutes tut und darum geht es ja auch im Leben. Gleichzeitig bekomme ich viele positive Rückmeldungen von den Menschen.

Frau Dannemann, was haben Sie für sich mitgenommen?

Dannemann: Früher dachte ich immer, dass am Totenbett alles geklärt wird, der Sterbende in Ruhe geht und die Familie zufrieden ist. Versöhnung am Sterbebett, sozusagen. Dass das nicht immer der Fall ist, war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse. Persönlich habe ich das zwar noch nicht erlebt, aber es ist wichtig zu wissen, dass es in manchen Familien Verwerfungen gibt – auch über Generationen hinweg. Das müssen wir Sterbebegleiter akzeptieren.

Zwei Sterbebegleiterinnen berichten
Veronica Benites (l.) ist eigentlich Pflegefachfrau in der Onkologie. Seit 2014 enaggiert sie sich ehrenamtlich beim Hospizdienst der Bremischen Schwesternschaft. Karin Dannemann engagiert sich seit 2018 als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Zuvor hat sie ihre Mutter begleitet.
© Renate Veith/Hospizdienst der Bremischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz e.V.

Vorhin sagten Sie, dass man viele Dinge erst nachempfinden kann, wenn man selbst betroffen war. Was muss man können, um dieses Ehrenamt auszuüben?

Dannemann: Für mich war es sehr hilfreich, dass ich meine Mutter begleiten konnte. Das hat mir die Angst genommen. Aber das ist ganz individuell. Man muss aber dazu bereit sein, sich mit dem Tod und dem Sterben auseinanderzusetzen. Ich erlebe das gerade in meinem Freundeskreis. Wir werden alt, Krankheit und Tod werden aktueller und trotzdem scheuen sich die meisten davor, sich damit auseinanderzusetzen. Für mich persönlich ist das aber sehr wichtig, vor allem wenn man diese Arbeit ehrenamtlich ausüben möchte.

Muss man für dieses Ehrenamt religiös sein?

Dannemann: Ich selbst bin es nicht. Aber ich denke, dass es den Sterbenden hilft, wenn sie an etwas glauben.

Benites: Religiöse Menschen haben die Hoffnung, dass es nach dem Tod weitergeht. Das nimmt die Angst vor der Ungewissheit, die viele haben. Ich selbst bin religiös und erlebe häufig, dass Menschen, die sich vom Glauben abgewandt haben, am Ende wieder zurückfinden. Manchmal führe ich auch Gespräche mit Sterbenden, die einen anderen Glauben haben als ich. Das finde ich sehr angenehm. Hin und wieder werde ich auch gefragt, was nach dem Tod passiert. Dann kann ich den Leuten natürlich nur sagen, woran ich glaube und worauf ich hoffe. Ich sage dann, dass wir uns in einer anderen Welt wiedersehen werden.

In Filmen wir die Sterbebegleitung oft sehr emotional dargestellt. Ist das in der Praxis auch so oder müssen Sie professionell bleiben?

Benites: (lacht) „Professionell“ klingt eher befremdlich, weil es in solchen Situationen darauf ankommt menschlich zu bleiben. Wenn die Sterbenden weinen, dann weine ich manchmal mit ihnen. Oft nehme ich sie auch in den Arm. Man merkt in solchen Momenten intuitiv, was richtig ist. Umarmungen tun meist gut, weil sie entspannen und zeigen, dass jemand da ist, der sich in die Lage hineinversetzen kann. Oft braucht es keine Worte, dann reicht es einfach, da zu sein.

Sind Sie auch Ansprechpartner für die Angehörigen?

Benites: Kurz vor dem Tod habe ich häufig das Gefühl, eher für die Angehörigen da zu sein. Viele sind sehr verzweifelt, wissen nicht, was sie tun können oder sollen. Viele wollen auch einfach nur reden und dann erkläre ich ihnen, dass der Tod zum Leben dazugehört. Manche beruhigt das und viele sind einfach nur dankbar, dass man sich Zeit für sie nimmt.

Wie gehen Sie mit so vielen Abschieden um? Sie trauern doch bestimmt auch?

Dannemann: Schon ein bisschen, aber nicht so, wie man um ein Familienmitglied trauern würde. Es ist schon eine gewisse Distanz da, auch wenn der Mensch einem ans Herz gewachsen ist.

Benites: An alle Menschen, die ich begleitet habe und die gegangen sind, habe ich schöne Erinnerungen. Wenn ich zurückdenke, muss ich meistens lächeln. Gerne erinnere ich mich an die Witze, die ich mit einem krebskranken Mann gemacht habe. Einen Tag vor seinem Tod haben wir noch gescherzt und er musste lachen wie lange nicht mehr. Und man nächsten Tag war er gegangen. Solche Erinnerungen sind ein Grund, warum ich diese Arbeit mache.

Besuchen Sie die Menschen danach noch auf dem Friedhof?

Dannemann: Ich gehe privat gern auf Friedhöfen spazieren. Auch wenn ich auf Reisen bin, gehe ich immer zu so einer Ruhestätte, weil man dort so viel über die Kultur und die Menschen lernen kann. Letztens war ich am Grab einer Dame, die ich zwei Jahre lang betreut habe. Sie hat jetzt endlich einen Grabstein bekommen und ich stand davor und habe mit ihr geredet.