Eklat beim Kirchentag Kirchlicher "Personenkult ist missbrauchsfördernd"

Die Missbrauchsdebatte hat auf dem Ökumenischen Kirchentag zu einem Eklat und massiver Kritik an der katholischen Amtskirche geführt.

Das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche hat am Freitag in mehrfacher Hinsicht für Unruhe gesorgt. Während die Vorermittlungen gegen Walter Mixa, den ersten unter sexuellen Missbrauchsverdacht geratenen deutschen Bischof, eingestellt wurden, kam es auf dem Ökumenischen Kirchentag in München zu einem Eklat um den Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen. Eine Opfer-Initiative störte die zentrale Veranstaltung zu dem Thema, und mehrere Redner kritisierten die Amtskirche massiv. Unterdessen traf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am frühen Nachmittag zu ihren Kirchentagsauftritten auf dem Münchner Messegelände ein und erhielt neben einzelnen Pfiffen viel Beifall der dicht gedrängten Teilnehmer.

"Ich bin über den Verlauf der Veranstaltung ziemlich erschrocken, weniger über die Störung als über die Statements zum Thema", sagte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Stephan Ackermann (Trier). Der Vertreter einer Opfer- Initiative hatte auf dem Messegelände den Auftakt der Gesprächsrunde über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche lautstark gestört. Zuvor waren Flugblätter mit Porträtfotos von Missbrauchsopfern von Priestern auf dem Hallenboden vor dem Podium ausgelegt und von Kirchentagshelfern umgehend aufgehoben worden. Rund 6000 Menschen begleiteten in der überfüllten Halle die emotional aufgeheizte Debatte immer wieder mit starkem Applaus, aber auch Unmutsäußerungen direkt gegen Ackermann.

Auf dem Podium forderten der Jesuitenpater Klaus Mertes, Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, und der katholische Theologe und Psychologe Wunibald Müller unter großem Applaus die Einführung des Frauenpriestertums und die Abschaffung des Zwangszölibats. Außerdem übte Müller ungewöhnlich scharfe Kritik an der Amtskirche: "Wir haben in den vergangenen 20 Jahren in der Kirche einen Personenkult entwickelt, der missbrauchsfördernd ist." In der Kirche fehle zudem eine offene Gesprächskultur. Es drohten schnell disziplinarische Konsequenzen oder es werde die Loyalität zur Kirche infrage gestellt.

Auch das gemeinsame Abendmahl, dessen Fehlen vor allem an der Kirchenbasis als Belastung für die Ökumene empfunden wird, war erneut Thema. Der evangelische Landesbischof in Bayern, Johannes Friedrich, forderte die katholische Kirche auf, zumindest die Eucharistische Gastfreundschaft zu akzeptieren. Dies würde insbesondere das Leid in konfessionsverschiedenen Ehen aufheben, wo die Partner derzeit offiziell getrennt zum Abendmahl gehen müssten. Friedrich, der auch Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ist, sieht dafür keinen Klärungsbedarf mehr: "Es fehlen nur die Taten."

Für den frühen Freitagabend war in Vermeidung theologischer Konflikte um das Sakrament des Abendmahls eine orthodoxe Vesper an 1000 Tischen in Münchens Innenstadt geplant, bei dem die Christen unterschiedlicher Konfessionen gesegnetes Brot teilen dürfen.

Als Mitglied der Regierungskoalition sprach auf dem Kirchentag Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) zu sozialen Folgen des Klimawandels - und ordnete Deutschland international die Rolle des Antreibers zu. "Wir sollten nicht mehr Vorreiter, sondern Antreiber sein - sonst reiten wir voraus und die anderen folgen uns nicht."

Merkel, vor deren erstem Auftritt die Zuschauer bereits stundenlang Schlange gestanden hatten, sollte zunächst zum Thema "Hoffnung in Zeiten der Verunsicherung" sprechen.

DPA DPA

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