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Vertuschter Missbrauchsskandal Doppelt so viele Opfer wie bisher bekannt – Erzbistum Köln in der Vertrauenskrise

Vertuschter Missbrauchsskandal: Doppelt so viele Opfer wie bisher bekannt – Erzbistum Köln in der Vertrauenskrise
Sehen Sie im Video: Priester Christof May kritisiert die katholische Kirche.




In seiner Predigt vom 4. Oktober 2020 kritisiert Priester Christof May unter anderem die Haltung seiner Kirche zu wiederverheirateten Geschiedenen, zu Homosexualität und zur Rolle der Frau. 
Weiter führt May aus, dass die Katholische Kirche sich nicht als Türsteher verstehen solle – auch in Bezug auf die Rolle der Frau in der Kirche. 
Auch auf die Situation wiederverheirateter Paare kommt May in seiner Predigt zu sprechen. 
Die Pfarrei St. Blasius teilt die Predigt auf Facebook. Das Video wird über 1200 Mal geteilt. Wohl auch, weil May in seiner Predigt solch deutliche Worte findet. 
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Die Zahl der Missbrauchsopfer im Erzbistum Köln soll laut einem Bericht deutlich höher als bislang bekannt sein. Während Kardinal Woelki selbst Fehler bei der Aufarbeitung eingesteht, haben katholische Frauenrechtlerinnen Protest-Thesen an mehrere Kirchen genagelt.

Das Amtsgericht in Köln kann sich vor Anfragen kaum noch retten. Viele wollen aus der katholischen Kirche austreten, seitdem ein Bericht enthüllt hat, dass die Anzahl der Täter und Opfer im Missbrauchsskandal um das Erzbistum Köln mehr als doppelt so hoch ist, wie bisher angenommen. Am Freitag brach deswegen kurz nach der Freischaltung zusätzlicher Termine sogar ein Server zusammen. Es habe eine "sehr hohe, gleichzeitige Zugriffszahl" gegeben, wie ein Gerichtssprecher mitteilte. Wegen der anhaltend hohen Terminnachfrage für Kirchenaustritte will das Amtsgericht sein Angebot deutlich aufstocken.

Nach Bekanntwerden der hohen Opferzahlen gestand der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki Fehler bei der Aufarbeitung ein – und entschuldigte sich. "Sicher habe ich hier auch Schuld auf mich geladen", sagte Woelki in einem am Wochenende verbreiteten Video. "Das alles tut mir von Herzen leid."

Rund 230 Beschuldigte und mehr als 270 Opfer

Vier Wochen vor der Vorlage eines Rechtsgutachtens zum Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln wurden nun erste Zahlen zu Tätern und Opfern bekannt, die um mehr als das Doppelte über den bisherigen Angaben des Erzbistums liegen. Wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" am Samstag berichtete, kam die von Woelki unter Verschluss genommene Studie der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu ähnlichen Ergebnissen wie das Ersatzgutachten des Kölner Strafrechtlers Björn Gercke. 

Das Münchner Gutachten nennt nach Information der Zeitung rund 230 Beschuldigte und mehr als 270 Opfer. Gercke bestätigte dem "Kölner Stadt-Anzeiger" für das von ihm im Auftrag des Erzbistums erstellte Ersatzgutachten die zuvor bereits vom "Spiegel" genannten Zahlen von rund 200 beschuldigten Klerikern und rund 300 Opfern. "Es dürften die abschließenden Zahlen sein", sagte Gercke der Zeitung. Die bloßen Zahlen sind ohne Erläuterungen jedoch nur bedingt aussagekräftig.

In seinem Fastenhirtenwort sprach Kardinal Woelki von "tiefen Rissen", die durch das Erzbistum gingen. Diese dürften nicht einfach "übersprungen" oder "zugekittet" werden. "All das bewegt und bedrückt mich sehr", fuhr Woelki fort. Er versprach eine transparente und konsequente Aufklärung der Missbrauchsvergehen im Erzbistum Köln. Der Kardinal steht selbst auch unter Verdacht, Missbrauchsvorwürfe gegen einen mittlerweile verstorbenen Priester vertuscht zu haben. Woelki wies diesen Vorwurf jedoch zurück.

Thesen-Proteste von Frauenrechtlerinnen: "Haben Nerv getroffen"

Aus Protest gegen die Zurückhaltung des Missbrauchsgutachtens hat die katholische Reforminitiative "Maria 2.0" am Sonntag Thesenpapiere an Kirchentüren in mehreren deutschen Städten aufgehängt. Die Aktionen im Stile Martin Luthers gab es unter anderem in München, Würzburg, Augsburg, Köln, Mainz und Freiburg. "In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern", lautet die erste These. 

Schon 2019 hatte "Maria 2.0" die katholische Kirche mit einem Streik aufgemischt. Die feministische Bewegung setzt sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche ein. Sie kämpft gegen sexuellen Missbrauch, Machtmissbrauch, den Pflichtzölibat und für eine offenere Sexualmoral.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete Anfang Februar, dass sich die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre mit "Maria 2.0" befasse. Die Reformerinnen sehen sich nach den Berichten über eine Beobachtung durch den Vatikan in ihrer Arbeit bestätigt. "Das ist ein Ritterschlag", sagte die Mitgründerin der Bewegung, die Münsteranerin Lisa Kötter. "Es zeigt doch, dass wir einen Nerv getroffen haben." Im Jahr 1517 hatte Martin Luther mit seinen 95 Thesen die Reformation und die Spaltung in die katholische und evangelische Kirche eingeläutet. 

"Wir können nicht von heute auf Morgen die Kirche ändern"

Als Reaktion auf die Proteste sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, er verstehe die Unruhe, die viele Gläubige in der Kirche verspürten. "Wir wissen darum, dass es Veränderungen bedarf. Deshalb hat die Deutsche Bischofskonferenz den Synodalen Weg ins Leben gerufen." Der Synodale Weg ist ein Reformprozess, der sich unter anderem mit der katholischen Sexualmoral und der Position der Frauen in der Kirche beschäftigt.

"Protest ist sicherlich ein legitimes Mittel", sagte Kopp. "Aber wir können nicht von heute auf Morgen die Kirche ändern, sondern müssen das in einem guten und von Vertrauen geprägten Dialog tun." Dazu gehöre auch das Gespräch mit dem Vatikan. Die Kirche in Deutschland werde bei Fragen von weltkirchlicher Relevanz keinen Sonderweg ohne Rom gehen.

les DPA AFP

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