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Badeunfälle DLRG-Einsatzleiter Frank Villmow: "Ertrinken ist ein stiller Tod"

Ein Mann steht am frühen Morgen auf einem Steg des Badesee Plüderhausen.
Im vergangenen Jahr sind in Deutschland laut DLRG mindestens 299 Menschen ertrunken (Symbolbild)
© Marijan Murat / Picture Alliance
Seit drei Jahren sinkt die Zahl der tödlichen Badeunfälle in Deutschland. DLRG-Einsatzleiter Frank Villmow geht in diesem Sommer von einer Wende zum Schlechteren aus. Im Interview mit dem stern erklärt er die größten Gefahren und wichtigsten Baderegeln.

In den ersten Tagen des Sommers zieht es wieder viele Menschen an den Badesee, ins Freibad oder an die Ostseeküste. Die Lust auf eine Abkühlung im Wasser wird allerdings auch in diesem Jahr immer wieder durch Meldungen von tödlichen Badeunfällen getrübt. Im Interview mit dem stern erklärt der Leiter der DLRG-Verbandskommunikation, Frank Villmow, wie man sich am besten vor einem Badeunfall schützen kann und anderen Schwimmern aus einer Notsituation hilft.

Der 57-jährige Villmow ist noch immer als Rettungsschwimmer, Bootsführer und Ausbilder in der Wasserrettung Berlin und an der Küste aktiv. Als Einsatzleiter hat er die aktuelle Situation täglich im Blick. Er sorgt sich um die Zukunft der Rettungsschwimmer:innen in Deutschland und prognostiziert für diesen Sommer mehr tödliche Badeunfälle als in den vergangenen Jahren.

Herr Villmow, die Badesaison ist bereits seit einigen Wochen eröffnet, doch grade bei den derzeitigen sommerlichen Temperaturen zieht es viele an Seen und Küste. Worauf muss man achten, wenn man jetzt ins Wasser will?

Das Wichtigste ist, die klassischen Baderegeln zu beachten. Wenn man die beachten würde, wäre Baden auch eine sehr sichere Sportart.

Was gehört zu den klassischen Baderegeln?

Es beginnt damit, dass man sich nicht überschätzen sollte. Es ist besser, wenn man den See oder das Gewässer nicht überquert, sondern immer nur in Ufernähe in den als sicher gekennzeichneten Badezonen schwimmt. Fahrwasserstraßen sind niemals zu queren und schnell fließende Flüsse wie der Rhein sollten für das Baden tabu sein. Zudem sollte man bei Gewittern nicht schwimmen gehen und nicht überhitzt ins Wasser springen. Ein Sprung ins kalte Wasser kann zu Problemen mit dem Kreislauf führen. Das wäre dann der klassische Fall von reingesprungen und nicht wieder aufgetaucht. Auf unser Website finden Sie die wichtigsten Regeln, die jeder im Kopf haben sollte.

Wie erkenne ich, ob ein Gewässer sicher ist?

Die meisten Unfälle ereignen sich nicht im Freibad oder an der Küste, sondern in Binnengewässern und Flüssen. Überraschenderweise verzeichnen wir die meisten Badetoten in Deutschland in Bayern, wo es eine Vielzahl an kleinen, unbewachten Seen gibt.

Eine sichere Badezone sollte durch die entsprechenden Flaggen gekennzeichnet sein. Die Anwesenheit von Rettungsschwimmern wird meist durch eine rot-gelbe Flagge gekennzeichnet. Bei zusätzlicher gelber Flagge sollten jedoch nur geübte Schwimmer ins Wasser gehen. Eine rote Flagge bedeutet Lebensgefahr.

Diese Flaggen werden meist an den Küsten verwendet, aber auch im Binnenland finden wir sie immer öfter. An den Binnenseen sind die Badestellen oftmals anders gekennzeichnet, zum Beispiel mit Boje oder Schwimmleinen. Oft ist das Wasser in Binnenseen trübe, sodass man nicht sehen kann, wie schnell das Wasser tief wird. Das ist insbesondere für Kinder und Nichtschwimmer eine große Gefahr. Grade in Binnengewässern sind die Ufer oft flach, bevor es plötzlich steil in die Tiefe geht. Am wichtigsten ist, dass Rettungsschwimmer vor Ort sind, die in einer Notsituation eingreifen könnten. Auch sie können nach Gefahren im jeweiligen Gewässer befragt werden.

Im letzten Jahr sind laut DLRG-Statistik 299 Menschen in Deutschland beim Baden ertrunken. Was sind die häufigsten Ursachen?

Die häufigste Ursache ist in der Regel Selbstüberschätzung. Viele Leute schwimmen weit raus, nur um dann zu merken, dass sie keine Kraft mehr haben. Grade natürliche Binnengewässer werden immer wieder unterschätzt. Auch die Schwimmfähigkeit der Menschen hat massiv nachgelassen, dazu kommen oft Alkohol und Drogen. Seit Sommerbeginn hatten wir leider einige tragische Unfälle, die zu größten Teilen hätten vermieden werden können. Wenn sich eine Person unter Wasser befindet, hat man nur wenige Minuten Zeit, diese zu retten. Deshalb muss es dann sehr schnell gehen.

Auf der einen Seite erlernen generell immer weniger Menschen im Kindheitsalter das Schwimmen, auf der anderen gibt es noch immer viele Menschen mit Migrationshintergrund, die keinen Zugang zu vernünftigem Schwimmtraining bekommen. Wasser ist ein gefährliches Medium. Sich darin zu bewegen, muss gelernt sein.  

Wie erkenne ich, dass sich eine andere schwimmende Person in einer Notsituation befindet?

Ertrinken ist nicht wie im Film, wo Leute laut um sich schlagen und schreien. Ganz im Gegenteil, sie versinken ganz ruhig und unbemerkt. Ertrinken ist ein stiller Tod. Bei Kindern kommt erschwerend hinzu, dass ihr Oberkörper im Verhältnis schwerer ist als bei Erwachsenen. Wenn der Kopf eines Kindes, welches nicht schwimmen kann, einmal unter Wasser ist, kommt es in der Regel von allein nicht wieder hoch.

Ein mögliches Ertrinken kann man daran erkennen, dass sich die Person immer langsamer bewegt und der Kopf immer häufiger unter Wasser taucht. Ohne ein geschultes Auge fällt das an einer belebten Badestelle nicht auf.

Wie muss ich mich in so einer Gefahrensituation verhalten?

Man sollte immer versuchen, andere Personen an der Badestelle auf eine Notsituation aufmerksam zu machen. Wenn ich sehe, dass jemand Probleme hat, seinen Kopf über Wasser zu halten, spreche ich Personen an, die um mich herum sind. Jeder kann helfen, auch wenn er "nur" den Notruf über 112 absetzt. Ansonsten ist jedes Mittel recht, um die gefährdete Person gemeinsam zu retten. Der Schwimmer muss mit dem Kopf aus dem Wasser, um atmen zu können – das ist das Wichtigste.

Wenn jemand für einen längeren Zeitraum unter Wasser war, muss er sofort ins Krankenhaus, damit ein sekundäres Ertrinken – also der Tod durch Folgen des Wasseratmens – verhindert werden kann. Zum sekundären Ertrinken kann es auch noch Stunden danach kommen, deshalb ist eine Vorstellung im Krankenhaus unbedingt notwendig. 

Frank Villmow DLRG
Frank Villmow, 57, ist seit über 50 Jahren in der DLRG aktiv. Seit 1976 engagiert sich Villmow als Rettungsschwimmer, Bootsführer und Ausbilder in Berlin und an der Küste. 1990 übernahm er die Rolle als Einsatzleiter in Berlin. Inzwischen leitet er die Verbandskommunikation im Bundespräsidium. 

Wie verhalte ich mich, wenn mir weit entfernt vom Ufer die Kräfte ausgehen?

Wir empfehlen immer, nicht weit raus zu schwimmen, sondern sich 20 bis 50 Meter parallel zum Ufer aufzuhalten. Auch so kann man lange Strecken schwimmen, kommt aber in der Regel wieder sicher an Land.

Wenn man merkt, dass einem beim Schwimmen die Kräfte ausgehen, sollte man in jedem Fall auf sich aufmerksam machen und zum Ufer winken. Danach sollte man sich in eine Ruheposition begeben und möglichst normal weiteratmen. Früher hat man das den 'toten Mann' genannt. Ein Körper, der einen normalen Auftrieb hat, bleibt an der Oberfläche. Ruhe bewahren ist das Wichtigste.

Aus ihrer Jahresstatistik geht hervor, dass hauptsächlich Männer durch Badeunfälle versterben. Warum ist ertrinken so männlich?

Tatsächlich sind es über 80 Prozent. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Übermut und Selbstüberschätzung, Drogen und Alkohol. Gerade bei älteren Leuten setzt mit den Jahren ein falsches Selbstbild ein. Die sagen 'Ich bin hier seit 40 Jahren über den See geschwommen, ich kenne mich hier besser aus als die jungen Rettungsschwimmer' und geraden dann in eine Notsituation. Da sind Frauen deutlich realistischer.

Die Zahl der Badetoten ist in den letzten Jahren stetig zurückgegangen. Wie erklärt die DLRG diesen erfreulichen Trend?

Prävention und Ausbildung sind die wichtigsten Mittel gegen das Ertrinken. Wenn ein Nichtschwimmer unter Wasser ist, muss alles perfekt laufen, um ihn zu retten. Die Zeit ist hier unser größter Feind. Die Pandemie hat alles verändert. Wir konnten in den letzten Jahren deutlich weniger ausbilden, aber auch die Badestellen waren weniger belebt.

Leider merken wir aber bereits jetzt, dass sich dieser Trend im Sommer 2022 mit Sicherheit umkehren wird. Die Anzahl der Nichtschwimmer in Deutschland steigt seit Jahren. Zudem haben wir aufgrund der Corona-Pandemie etwa 70.000 Kindern weniger das Schwimmen beibringen können – und das sind nur die Zahlen der DLRG. Auch in den Schulen konnte kaum Schwimmunterricht gegeben werden. Außerdem haben wir ein riesengroßes Problem mit der Infrastruktur, weil 80 Hallen- und Freibäder pro Jahr schließen. Jedes Bad, das geschlossen wird, verhindert, dass Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung stattfinden können.

Macht sich dieser Rückgang in der jetzigen Saison bemerkbar?

Durch die Pandemie haben wir sowohl Rettungsschwimmer als auch Ausbilder auf den Wachstationen und den Schwimmbädern verloren. In der Pandemie haben viele Menschen ihr Freizeitverhalten verändert. Die Arbeit beim DLRG ist ein Ehrenamt. Rettungsschwimmer, welche wir in der Pandemie verloren haben, haben inzwischen neue sportliche Hobbys gefunden. Die Leute bekommen wir nur sehr schwer zurück – wenn überhaupt.

Sie haben bereits angesprochen, dass immer weniger Kinder in Deutschland schwimmen lernen. Wie hat sich ihre Arbeit mit Kindern und Eltern verändert?

Zuerst betonen wir als DLRG immer, dass das Seepferdchen, welches viele als erstes Schwimmabzeichen ansehen, nur der erste Schritt ist, um ein sicherer Schwimmer zu werden. Es soll zeigen, dass sich ein Kind bei optimalen Bedingungen kurzfristig über Wasser halten kann. Diese Art der Wassergewöhnung kann nützlich sein, aber ermöglicht noch kein selbstständiges Schwimmen im See oder Freibad.

Wenn Kinder im Wasser sind, muss man in der Nähe sein. Das heißt nicht in 50 Metern Entfernung auf der Picknickdecke, sondern in Zugriffnähe an der Wasserkante. Besonders Kinder sind durch einen stillen Tod im Wasser gefährdet.

Wir empfehlen allen Eltern daher, dass ihr Kind zumindest ein Bronze-Abzeichen (früher Freischwimmer) besitzt. Es sollte in der Lage sein, mindestens 15 Minuten im freien Wasser, wo auch mal eine Welle kommt, sicher zu schwimmen.

Schwimmen ist eine tolle Freizeitbeschäftigung, wenn man sich an die Baderegeln hält und ein sicherer Schwimmer ist.

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