Mythos
Hat Hugo Boss wirklich den Look der Nazis erfunden?

  • von Ralf Raths
Schwarz als Farbe der Uniform: Auf diesem Bild von 1933 präsentiert sich Heinrich Himmler, Chef der SS, mit anderen Mitgliedern der "Schutzstaffel".
Schwarz als Farbe der Uniform: Auf diesem Bild von 1933 präsentiert sich Heinrich Himmler, Chef der SS, mit anderen Mitgliedern der "Schutzstaffel".
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Die SS-Uniform gilt bis heute als Symbol des NS-Regimes. Der vermeintliche Erfinder: Hugo Boss. Aber wie tief steckte die Marke wirklich im Uniformgeschäft der Nazis?

Die Ästhetik des Nationalsozialismus hat bis heute eine große Wirkung. Das gilt insbesondere auch für die Kleidung. Starke Farben, klare Symbole, typische Uniformen: Die Inszenierung der Ideologie im öffentlichen Raum war für das Regime ein wichtiges Werkzeug zur Erreichung der politischen Ziele und wurde sehr erfolgreich eingesetzt. 

Die schwarzen Uniformen der SS sind dabei zu einem besonderen Symbol des Nationalsozialismus geworden. Ihre Farbe ist für Uniformen bis heute ungewöhnlich und wird im westlichen Kulturkreis mit Tod und Gefahr in Verbindung gebracht. Zusammen mit einem klassisch-eleganten Schnitt lösen sie bis heute bei vielen Menschen Reaktionen aus.  

Die anhaltende Wirkung der Uniformen wird häufig auch mit der These begründet, sie seien vom deutschen Textilunternehmer Hugo Boss (1885–1948) oder zumindest seinen Designern entworfen worden. Aber stimmt das auch? 

Ralf Raths ist wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Panzermuseums Munster
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Der Historiker Ralf Raths ist wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Panzermuseums Munster und betreibt einen erfolgreichen Youtube-Kanal ("DasPanzermuseum").

Sicher ist: Der wirtschaftliche Aufstieg der kleinen Firma ist unmittelbar an den Aufstieg des Nationalsozialismus gekoppelt gewesen. Die Firma Hugo Boss produzierte seit den frühen 1920er Jahren Berufsbekleidung. Uniformen waren zu dieser Zeit noch kein erfolgversprechendes Geschäftsfeld, weil die Weimarer Republik eher zivil auftrat und auch die Armee auf rund 100.000 Mann gedeckelt war. Es gab keinen nennenswerten Absatzmarkt für Uniformen. 

Mit dem Aufkommen paramilitärischer Massenorganisationen wie der SA oder dem Roten Frontkämpferbund entwickelte sich eine starke Nachfrage nach Uniformen, und die Firma Hugo Boss lieferte vermutlich ab 1928 auch an die NSDAP und ihre Untergliederungen. Darauf deuten zumindest verschiedene Quellen hin.

Das Reich wird „uniformiert“

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde die deutsche Gesellschaft „uniformiert“: Immer mehr Uniformen wurden eingeführt, weil immer mehr Organisationen nach militärischen Ideen umgeformt wurden. Spätestens ab 1934 ist belegt, dass die Firma Hugo Boss an diesem Geschäft teilnahm, Hugo Boss selbst war bereits 1931 in die Partei eingetreten. Während anfangs Uniformen für die Partei und deren Gliederungen wie die SA geliefert wurden, nahm das Geschäft völlig neue Dimensionen an, nachdem 1935 die Aufrüstung der Wehrmacht begonnen hatte. Millionen Männer mussten nun eingekleidet werden, und die Firma Hugo Boss richtete sich nun ganz auf die Herstellung aus: 1938 wurden alle anderen Produktionen eingestellt.  

Hugo Boss – eine Karriere mit Wehrmachtsuniformen

Mehrere Jahre produzierte die Firma Uniformen für Partei und Armee in großer Zahl und wuchs dadurch enorm: Während Hugo Boss in den 20ern und frühen 30ern weniger als 30 Angestellte hatte und 1931 nur knapp dem Konkurs entging, stiegen die Zahlen ab 1935 deutlich. 1944 hatte die Firma über 300 Angestellte. Davon waren bei weitem nicht alle freiwillig dort: Ungefähr 140 Menschen leisteten im Verlauf des Weltkrieges bei Hugo Boss Zwangsarbeit. 

Es waren vor allem Frauen, die meist aus Polen und der Sowjetunion, aber auch Belgien, Frankreich und den Niederlanden nach Deutschland verschleppt wurden. Ferner waren 40 französische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz bei Boss eingeteilt.  

1943 kam das Wachstum an sein Ende: Die immer schlechtere Kriegslage führte dazu, dass Uniformen unwichtiger wurden. Die immer knapper werdenden Rohstoffe und die Arbeitskraft sollten lieber in Waffen fließen, auch wenn die Soldaten sie dann ohne richtige Uniform einsetzen müssten. 

1943 sollte Boss seinen Betrieb daher beenden, aber das passierte dann doch nicht. Ende 1944 wurde verfügt, dass eine Rüstungsfirma Teile der Hallen und der Arbeitskräfte der Firma Boss übernehmen sollte. Doch dies scheint vor Kriegsende nicht mehr umgesetzt worden zu sein.  

Hugo Boss hat seiner Firma also mit der engen Bindung an den Nationalsozialismus erst ihr wirtschaftliches Überleben gesichert und dann ein massives Wachstum beschert – nicht zuletzt durch den Einsatz von Zwangsarbeit.  

Aber die Firma war nur eine unter vielen Firmen, die Partei und Militär beliefert haben. Nicht weniger als 15.000 Betriebe und 75.000 Schneidermeister lieferten Uniformen. Das Unternehmen von Hugo Boss war nicht einmal Marktführer in dieser Gruppe. 

Auch bei der schwarzen SS-Uniform hatte Boss nicht die Rolle, die ihm hinterher oft nachgesagt wurde. Weder er selbst noch seine Firma hat die Dienstkleidung von Hitlers elitärer „Schutzstaffel“ gestaltet, auch keine andere Uniform dieser Zeit. Die Erzählung, Boss habe die Wehrmachtsuniformen entworfen, ist ebenfalls reine Legende.  

Externe Designer und Betriebe hatten überhaupt keinen Einfluss auf die Gestaltung der Uniformen im Nationalsozialismus – weder auf die Uniformen der Partei und ihrer Gliederungen noch auf die Uniformen der Streitkräfte. Der gesamte Prozess der Gestaltung, von ersten Entwürfen bis zur detaillierten Festlegung von Materialien, Farben und Schnitten, lag bei den Organisationen selbst. 

Die Uniform der SS ging dabei in zwei Schritten aus der Uniform der SA hervor. Anfangs war die SS noch eine Unterabteilung der SA. Ihre Angehörigen trugen daher grundsätzlich auch zunächst einmal eine SA-Uniform, deren hervorstechendes Merkmal das sogenannte Braunhemd war. 

Während allerdings Kappe und Schlips bei den SA-Leuten ebenfalls braun waren, waren sie bei der Untergruppe der SS-Leute ab 1927 schwarz – hier tauchte die Farbe erstmals auf. In den Folgejahren bekam die SS-Uniform immer mehr schwarze Elemente, zum Beispiel, indem hier die SA-typische braune Hose durch eine schwarze ersetzt wurde. 

Das sind die Erfinder SS-Uniform

1932 entwarfen dann die SS-Angehörigen Karl Diebitsch und Walter Heck gemeinsam die komplett schwarze Uniform als logischen Schlusspunkt dieser Entwicklung. Die offiziell als „Dienst- und Paradeanzug“ eingeführte Uniform ist jenes ikonische Kleidungsstück, das bis heute mit der SS in Verbindung gebracht wird. 

Heck und vor allem Diebitsch waren für eine ganze Reihe von Gestaltungen verantwortlich, die bis heute bekannt sind. So war es Walter Heck, der 1929 das Symbol des Doppelblitzes als Logo der SS entworfen hat. Dabei sollen gestalterische Gründe im Vordergrund gestanden haben. Eine tiefere Bedeutung als Sig-Runen hatte das Zeichen nicht; diese ist erst später hinzugedichtet worden. Karl Diebitsch entwarf eine ganze Reihe von Standarten, Abzeichen und Symbolen für die SS, darunter auch den bekannten SS-Dolch. Der Reichsführer-SS Himmler war von seiner Arbeit so begeistert, dass er 1939 dafür sorgte, dass Diebitsch von Hitler zum „Professor“ ernannt wurde.  

Buch: Hugo Boss, 1924 - 1945
Roman Köster's Hugo Boss, 1924-1945: die Geschichte einer Kleiderfabrik zwischen Weimarer Republik und „Drittem Reich“ ist mit 117 Seiten im Verlag C.H.Beck erschienen, erhältlich ist es u.a. bei Anbietern wie Amazon
© Verlag C.H.Beck

Nachdem die neue, schwarze Uniform akzeptiert worden war, musste sie aber noch hergestellt und verkauft werden. Die „Reichzeugmeisterei“ der NSDAP in München war die zentrale Stelle, die Uniformen beschaffte, lagerte und verteilte. Darüber hinaus tat sie dies auch für Ausrüstung, Seitenwaffen wie Dolche und Schwerter, Musikinstrumente und die zahllosen Parteiabzeichen.  

Die Behörde war von großer wirtschaftlicher Wichtigkeit, weil sie die Aufträge zur Herstellung all dieser Dinge ebenso vergab wie die Lizenzen zu deren Verkauf. Sie unterstand daher direkt dem Reichsschatzmeister der NSDAP, dessen Dienststelle bei Kriegsende die größte Verwaltungseinheit der Partei war.  

Die Behauptung, dass Hugo Boss die schwarze SS-Uniform entworfen habe, ist also gleich in mehrfacher Hinsicht unhaltbar. Erstens hatten externe Designer grundsätzlich keinen Einfluss auf die Entwürfe der großen Organisationen des Deutschen Reiches. Zweitens ist klar erkennbar, dass die schwarze Uniform kein einzelner gestalterischer „Geniestreich“ war, sondern sich über viele Jahre entwickelt hat. Drittens wissen wir heute genau, wer das Design am Ende abgeschlossen und vorgelegt hat.  

Hugo Boss und seine Firma haben an diesem kreativen Prozess keinerlei Anteil gehabt, im Gegenteil: In der Zeit, als all dies passierte, war der Betrieb Hugo Boss eine kleine, um das Überleben kämpfende Firma für Berufskleidung. Der Erfolg kam erst später – auch wenn er dann sehr eng mit dem NS-Regime verbunden und signifikant von Zwangsarbeit getragen war. 

Weiterführende Literatur:

Elisabeth Timm: Hugo Ferdinand Boss (1885-1948) und die Firma Hugo Boss. Eine Dokumentation. Kostenlos abrufbar