Es gibt diese Tage, da will ich im Bett bleiben. Morgens 6.45 Uhr, ich in Verhandlung mit dem Kissen: Nicht aufstehen, fordert es. Auch tagsüber geht das gerade so. Das Bett lockt, da ist Ruhe, Frieden, stressfreie Zone. Ach, dieses heilige Rechteck, wo keine Erwartungen gestellt, keine Probleme gelöst, keine Strategien ersonnen werden, um mit irgendeinem Menschen oder einer Situation besser zurechtzukommen. Alle Sorgen binde ich draußen an, mit Seemannsknoten. Hey Welt, raunen die Bettkanten drohend, dies ist die Grenze: bis hierher und nicht weiter. Mein Bett als sicherer Ort. Ich sollte mich viel öfter und auch zu unorthodoxen Zeiten dorthin verkriechen, denke ich – und mache es dann nicht.
Das Gefühl der Woche: ins Bett wollen
Vielleicht, weil Bett-Sehnsucht als schlechtes Zeichen gilt? Schließlich erzählen Menschen, die mit Depressionen per Du sind, oft davon, morgens nicht aus dem Bett zu kommen. Sie bleiben liegen, weil schon das Aufstehen wie eine Aufgabe wirkt, die sie nicht bewältigen können – geschweige denn den Rest des Tages. In der Tat ist das „Morgen-Tief“ ein bekanntes Symptom von Depressionen – allerdings eines von mehreren. Erst wenn Hoffnungslosigkeit, innere Leere, Schuldgefühle und Riesen-Erschöpfung dazukommen und wenn dieser ungute Mix länger als zwei Wochen anhält (auch unabhängig vom Alltag, etwa im Urlaub), dann, ja dann sollte man sich selbst freundlich bei der Hand nehmen und mal zum Arzt schleppen.
Wer also sein Bett sehr liebt, ist noch kein Fall für den Therapeuten, sondern genießt den weichen Rückzugsort: Die Teilnehmerin ist vorübergehend nicht erreichbar. Herrlich! Doch apropos sorgenfrei, es bleibt leider ein Problem: Mit zunehmendem Stress, zunehmendem Alter und zunehmender Beklopptheit der Welt fällt es mir schwerer, das Bett als sicheren Ort zu verteidigen. Immer öfter schlüpfen Bedenken und Ängste unter der Absperrung durch und drehen grinsend am Grübel-Karussell. Schneller, schneller! Total unverschämt, aber unverschämt ist ja heutzutage vieles, und keinen kümmert’s.
Was also tun? Atmen hilft, sagt meine Yoga-Lehrerin Judith, die mich seit zehn Jahren in himmlische Erschöpfungszustände treibt. Anfangs verdrehte ich innerlich die Augen. Klar, Atmen hilft! So wie Verdauen und Schwitzen und Zehennägel-wachsen-Lassen. Ich kann ja gar nicht anders! Pupsen hilft auch, oder was?! Trotzdem hat Judith recht. Gegen Grübeln hilft Fühlen. Körper statt Geist. Atmen, gleich spüren, gleich entspannen. Natürlich ist das leicht gesagt und funktioniert nur, wenn man es häufig übt. Dann aber ist die Wirkung verblüffend. Wenn ich spätabends vom Yoga-Kurs nach Hause komme, brauche ich zum grübelfreien Einschlafen kein Buch und kein Ritual, keinen Drink und keinen Trick. Licht aus, Wiedersehen.
Meine Kinder kennen und teilen meine Bett-Liebe, und vor ein paar Tagen fragte mein älterer Sohn, 13, wie viele Betten ich in meinem Leben eigentlich schon hatte. Das Kind liebt Zahlen, also zählte ich. Und kam auf 16 Betten von der Wiege bis heute, in denen ich in meinem Elternhaus, bei Gastfamilien, in Studentenwohnheimen, gemieteten Zimmern und Wohnungen in verschiedenen Städten verschiedener Länder geschlafen habe. „Und welches war das beste Bett, Mama?“ Es war klar, dass er nicht die Farbe, das Design oder die Standfestigkeit meinte. Das Kind liebt Geschichten, also erzählte ich.
Von Betten, in denen ich nicht aufhören konnte zu lächeln. Oder vor Heimweh zu heulen. Betten voller Freude auf die Zukunft oder voller Einsamkeit. Mit Geburtsschmerzen, Säuglingen und Lachanfällen. Das beste Bett, scheint mir, ist immer das, wo man die Welt da draußen nicht vermeiden will, sondern nur für einen Moment eine Pause von ihr sucht. Und jetzt: ab ins Bett!
Der Sticker der Woche...
… ist diesmal ein bemalter Teller, der an einem Trafo-Häuschen in Hamburg-Stellingen hängt. An alle Sorgen: Kommt ihr zu nahe ans Bett, werden wir mit Porzellan und Schlimmerem nach euch werfen.
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