Es gibt Schätze auf dieser Welt, die so wertvoll sind, dass sich ihr Gegenwert kaum in Geld bemessen lässt. Einer davon liegt tief unter den Ufern des gewaltigen Kongo-Flusses im Herzen Afrikas, verborgen von dichtem Regenwald. Die Region zählt zu den unzugänglichsten der Welt. Von der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa aus kommt man schneller nach Paris als in manche der entlegenen Dörfer im Inneren des Dschungels. Wohl auch deshalb entdeckten Forscher erst vor einigen Jahren, was dort unter der Erde ruht.
Als sie die Böden und Sümpfe des Kongobeckens untersuchten, stießen sie auf meterdicke Torfschichten aus halb verrotteten Pflanzenresten. Sie hatten sich über Jahrtausende angesammelt, auf einer Fläche größer als England. Schätzungen zufolge speichern sie rund 30 Gigatonnen Kohlenstoff, das entspricht etwa dem Dreifachen des weltweiten fossilen Ausstoßes pro Jahr. Die Umweltministerin der Republik Kongo bezeichnete den Torf einmal als „Zeitbombe“. Denn wenn Wälder verschwinden, trocknet er in der Sonne aus. Die gespeicherten Gase entweichen dann unweigerlich in die Atmosphäre.
Hugh Kinsella Cunningham
ist ein vielfach ausgezeichneter Fotograf, der sich vor allem Konflikten, Krisen und Fluchtbewegungen widmet. Für den stern arbeitete Cunningham bereits mehrmals in Zentralafrika: Er begleitete die mutigen Frauen im Osten des Kongo, die für Frieden kämpfen – und bestieg das höchste Gebirge des Kontinents, die Ruwenzoris im Grenzgebiet zu Uganda. Bei der Dokumentation der Abholzung wurde der Brite von seinem Übersetzer Etienne Masongo (links im Bild) unterstützt.
Um diese Gefahr zu dokumentieren, reiste der britische Fotograf Hugh Kinsella Cunningham Ende vergangenen Jahres in den Westen der Demokratischen Republik Kongo; in eine Welt, in der manche in Sümpfen nach Zwergkrokodilen jagen und andere in Pfahlbauten am Flussufer leben, um Holzkohle an vorbeischippernde Händler zu verkaufen.
Im Regenwald stapfte Cunningham über Pfade, die so glitschig und schmatzend waren, dass seine Wanderstiefel stecken blieben. Er heuerte einen Kanufahrer an und verfolgte Kähne, die Hunderte Baumstämme den Fluss hinabtransportierten. Einmal ging ihm und seinen Führern der Treibstoff aus; erst in einem Dorf flussabwärts konnten sie nachtanken. In Kinshasa besuchte Cunningham ein Sägewerk, in dem die Tropenhölzer zugeschnitten werden. Und er traf Menschen, die sehr wohl wissen, dass Abholzung den Schatz unter ihren Füßen gefährdet – denen aber trotzdem oft keine andere Wahl bleibt, wenn sie ihre Familien ernähren wollen.
Die Demokratische Republik Kongo ist reich an Rohstoffen und zugleich eines der ärmsten Länder der Welt. Gewalt und Korruption durchziehen die Gesellschaft wie Erzadern den Fels. Die Lebenserwartung liegt bei 62 Jahren, nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat Zugang zu Elektrizität. Der Regenwald, der weite Teile des Kongobeckens bedeckt, ist für viele der 115 Millionen Menschen überlebenswichtig. Manche fällen Bäume, um sie zu Holzkohle zu verschwelen. Andere roden Flächen, um Mais oder Maniok anzubauen. Auch kommerzielle Abholzung erhöht den Druck auf die Wälder und die darunterliegenden Torfböden. In den vergangenen 25 Jahren ist der Urwald in der Demokratischen Republik Kongo nach Angaben von Global Forest Watch um 7,4 Millionen Hektar geschrumpft – das ist eine Fläche von der Größe Bayerns.
Durchzogen werden diese schrumpfenden Wälder vom Kongo-Fluss mit seinen tausendfach verzweigten Seitenarmen. Sie sind die Lebensadern des Landes, befahren von Booten mit Holzkohle, Baumstämmen und allem, was der Wald hergibt – oder was die Menschen, die hier leben, aus den Städten brauchen.
Der Kongo ist arm, im Holz steckt viel Geld – das ist das Dilemma
Auf einem dieser Boote traf Cunningham Marie-Thérèse und Jean de Dieu Mokuma. Die beiden, so erzählten sie es dem Fotografen, waren seit einer Woche mit ihren zwei kleinen Kindern auf dem Kongo unterwegs. An den Seiten ihres Kanus hatten sie Dutzende Baumstämme vertäut. Wer auf dem Fluss Fracht transportieren will, muss dafür Gebühren entrichten. Weil ihnen die nötigen Francs fehlten, hatten Kontrolleure einen Teil ihres Motors beschlagnahmt. So waren sie schließlich nahe einer Stadt namens Mbandaka gestrandet.
Cunningham besuchte die beiden auf ihrem Kanu und lauschte ihren Berichten. Eigentlich seien sie Fischer, so Marie-Thérèse und Jean de Dieu Mokuma, doch mit dem Fang lasse sich kaum Geld verdienen. Deshalb hätten sie sich für die Reise nach Kinshasa entschieden. In der Hauptstadt wollten sie ihre Baumstämme für ein paar Hundert Dollar verkaufen. Der Wald als einzige Ressource, der Fluss als Transportweg. „Vielen bleibt gar nichts anderes übrig, als so ihre Existenz zu sichern“, sagt Cunningham.
Die Geschichte der Mokumas zeigt, wie kompliziert Naturschutz im Kongo ist. Wer den Regenwald bewahren will, muss den Menschen, die dort leben, Alternativen bieten. Auf der Weltklimakonferenz 2021 in Glasgow sagten internationale Geber der Demokratischen Republik Kongo Hunderte Millionen Euro für den Schutz ihrer Wälder zu. Doch dann wurde weniger als die Hälfte der zugesagten Mittel ausgezahlt. Vergangenes Jahr entschied die Regierung, riesige Waldgebiete – darunter auch torfreiche Regionen – für die Suche nach Öl und Gas freizugeben.
Ein Gemälde aus blau und grün. Friedlich sieht es aus. Doch der Eindruck täuscht
Die Demokratische Republik Kongo sei ein Ort, „an dem nichts jemals einfach ist“, weiß Cunningham. Fünf Jahre lang hatte der 32-Jährige in Goma im Osten des Landes gelebt. Seit Milizen Anfang 2025 die Stadt einnahmen, pendelt der Fotograf notgedrungen zwischen London und Kinshasa. Die Orte, die er für sein Projekt besucht hat, zählen für ihn „zu den faszinierendsten und schönsten dieser Erde“. Seine Bilder sollen ein Schlaglicht auf die Gefahren richten, die dieser Region und der Welt durch die Abholzung drohen. Denn der Schatz unter dem kongolesischen Regenwald ist nur so lange so unermesslich wertvoll, wie er auch dort bleibt.