Schulen Bald Rechtsanspruch auf Ganztag: Wie weit sind die Schulen?

Für alle Erstklässler muss es im nächsten Schuljahr an ihren Grundschulen auch nachmittags Betreuungsangebote geben. (Symbolbild
Für alle Erstklässler muss es im nächsten Schuljahr an ihren Grundschulen auch nachmittags Betreuungsangebote geben. (Symbolbild) Foto
© Bernd Weißbrod/dpa
Zu wenig Geld, Räume und Fachkräfte? Von August an haben auch hessische Eltern ein Recht auf Nachmittagsbetreuung der jüngsten Schüler. Später folgen ältere Kinder. Die Umsetzung ist nicht einfach.

Kinder, Job und Haushalt unter einen Hut bringen? Nicht immer einfach. Viele Eltern mögen daher den bundesweiten Rechtsanspruch auf Ganztagsangebote herbeisehnen, der von August 2026 an in allen Grundschulen greifen soll - auch für eine noch bessere frühe Bildung. Los geht es mit den Schulanfängern, dann folgen Jahr für Jahr bis 2029 die zweiten, dritten und vierten Klassen. Es geht um täglich mindestens acht Stunden Ganztagsangebot. 

Wie ist Hessen darauf vorbereitet?

Gut, betont das Kultusministerium. Noch nicht gut, sagen Kritiker. 

Das Ministerium in Wiesbaden teilt der Deutschen Presse-Agentur mit, schon jetzt arbeite der überwiegende Teil der hessischen Grundschulen und der Grundstufen von Förderschulen ganztägig. Jedes Jahr würden jeweils weitere 11.000 bis 13.000 Plätze geschaffen. "Daher sind wir überzeugt, dass im kommenden Schuljahr weit mehr als die für die Jahrgangsstufe 1 benötigten Plätze bereitgestellt werden können", ergänzt das Kultusministerium.

Der Bund habe einen deutschlandweiten Ganztagsbedarf aus Elternsicht von 65 Prozent der Kinder errechnet. Hessen hat dem Kultusministerium zufolge bereits eine Abdeckung von rund 69 Prozent bei Grundschülerinnen und Grundschülern erreicht. Ziel seien 80 Prozent im Schuljahr 2026/2027. 

Wie viele Erstklässler gibt es im August?

Hessen sieht sich daher für den Bedarf der ersten Klassen "sehr gut gerüstet". Laut Prognosen des Statistischen Landesamtes werden im August zum Schuljahr 2026/2027 rund 58.000 Mädchen und Jungen eingeschult.

Das Land stellt dem Kultusministerium zufolge nur für den Ganztag vor Ort 5.300 Lehrerstellen zur Verfügung, mehr als die Hälfte davon für den Ausbau in den Grundschulen. Bei ganztägigen Angeboten setze Hessen auf multiprofessionelle Teams mit zu 80 Prozent Lehrkräften, Erzieherinnen und Sozialpädagogen - und mit Studenten, Sporttrainerinnen und Ehrenamtlichen.

Was sagt der Städtetag?

Für die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung zuständig sind die Kommunen. Der Hessische Städtetag verlangt vom Land mehr Einsatz für genug Betreuungsplätze und Personal. Auf die Städte kämen enorme Investitions- und Betriebskosten zu. 

Zwar sei der erste Schritt mit dem Rechtsanspruch für die jüngsten Grundschüler von August an "aus Sicht der Städte leistbar". Doch Eltern seien auch an der Betreuung von Zweit-, Dritt- und Viertklässlern interessiert, betont der Städtetag. Insgesamt fehlten "auskömmliche Mittel durch das Land".

Grundschulen nachmittags nur "Orte zum Verwahren"?

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hält den künftigen Anspruch auf Betreuung "für jedes Schulkind vielerorts nur schwer bis gar nicht erfüllbar, sowohl aufgrund der Raumnot als auch wegen des Personalmangels". Die stufenweise Umsetzung könnte bedeuten, "dass zwar alle Schulanfänger einen Platz im Ganztag bekommen, dafür aber erst mal bei den Älteren Plätze eingespart werden", vermutet der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann.

Keinesfalls dürfe es sein, dass künftig Grundschulen "nur Orte zum Verwahren sind, allein um dem Rechtsanspruch zu genügen". Das Kultusministerium müsse daher "Standards zum Beispiel zur pädagogischen Qualifikation des Personals und Räumlichkeiten definieren". Wesselmann ergänzt: "Sonst schafft der Ganztag nicht Bildungsgerechtigkeit, sondern fördert Ungleichheiten." 

Wie sind einzelne Kommunen vorbereitet?

Die Landeshauptstadt Wiesbaden sieht sich nach eigener Auskunft gut gerüstet - ihre meisten Grundschulen böten bereits heute Ganztagsbetreuung im Rahmen dessen, was künftig der Rechtsanspruch verlange. Es werde davon ausgegangen, "dass alle Elternwünsche erfüllt werden können und der Rechtsanspruch vollumfänglich umgesetzt wird".

Zum wachsenden Raumbedarf von August an teilt die Kommune allerdings mit: "Hier werden die Schulen zum Schuljahresbeginn nur teilweise zufriedenstellend gerüstet sein. Das Budget und auch die Zeit sind dafür zu knapp bemessen." 

Warmes Mittagessen

Wichtig sei beim Ganztag auch ein warmes Mittagessen. Alle Grundschulen in Wiesbaden böten bereits eines an, aber die meisten seien noch nicht ausgerüstet, eine erheblich größere Anzahl an Essen anzubieten, heißt es.

Die Stadt Kassel strebt nach eigenen Angaben an, im kommenden Schuljahr an allen Grundschulen und Grundstufen bereits ein Ganztagsangebot für alle Jahrgänge bereitzustellen, das den Rechtsanspruch erfüllt. Aktuell hätten 23 der 27 Grundschulen in Kassel ein modulares Ganztagsprofil. Eltern könnten zwischen 7.30 und 17.00 Uhr Zeitmodelle und Betreuungsbausteine wählen. Es gebe vielfältige Angebote aus Lernzeiten, Mittagessen, Projekten, Arbeitsgemeinschaften, kreativen und sportlichen Angeboten sowie Phasen des freien Spiels. 

Wie ist die Lage in der größten Stadt im Land?

Auch Hessens größte Stadt Frankfurt sieht sich nach eigenen Angaben mit ihrem Ganztag-Gesamtkonzept mit Grundschulen, Horten und anderen Partnern bereits jetzt gut aufgestellt. Ziel sei ein Ganztagsangebot ebenfalls mit 9,5 Stunden montags bis freitags von 7.30 bis 17.00 Uhr.

Wie sind Darmstadt und der Kreis Fulda vorbereitet?

Darmstadt gehört nach eigenen Angaben zu den ersten Schulträgern in Hessen, die den Ganztag flächendeckend umgesetzt haben. Man habe bereits vor einem Jahrzehnt mit der Entwicklung begonnen und seitdem die Kapazitäten, die Qualität und die pädagogischen Strukturen ausgebaut.

Rüsselsheim geht nach eigener Auskunft schrittweise vor. Von August an werde zunächst die erste Klasse in den Fokus genommen - und dann bei weiteren Jahrgängen aufgestockt. Die Stadt will die Hort- und Ganztagsbetreuung in einem System zusammenführen, um so Synergien zu nutzen.

Auch Kreis Fulda steht schon lange in den Startlöchern

Im Kreis Fulda gibt es schon für fast alle Grundschulen ein Betreuungsangebot am Nachmittag, wie die Verwaltung berichtet. In den vergangenen Jahren seien mit baulichen Maßnahmen für Betreuungsräume und Mensen die Grundlagen dafür geschaffen worden.

dpa