Der Dermatologe Dr. Gunnar Wagner ist bereit für den ersten Patienten. Entspannt sitzt der Mediziner im Wintergarten des Seniorentreffpunkts Ernst-Barlach-Haus in Bremerhaven. In den nächsten zwei Stunden wird er mit sechs Hilfesuchenden sprechen - 20 Minuten pro Person. So viel Zeit hatte er nie für einen einzelnen Patienten als er noch Chefarzt an einer Klinik in Bremerhaven war. Jetzt ist der 71-Jährige im Ruhestand und hat den ehrenamtlichen "Doc Treff" initiiert.
Zweimal im Monat wird die Senioreneinrichtung am frühen Mittwochabend zur "medizinischen Informationsbörse". So nennt Wagner das kostenlose Angebot. Einen Arztbesuch soll es nicht ersetzen. "Wir stellen keine Diagnosen, wir untersuchen und behandeln nicht", unterstreicht der Mediziner. Es gehe darum, zuzuhören und fachlich fundiert Orientierung zu schaffen.
Zum Team gehören 20 Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen sowie zehn medizinische Fachkräfte, die alle nicht mehr im aktiven Dienst sind. "Die ärztliche Versorgungslage ist katastrophal in Bremerhaven", sagt Wagner. Die vorhandenen Praxen seien überlastet, für Patientengespräche sei nur wenig Zeit da.
Patienten lassen sich Befunde erklären
Hier setzt der "Doc Treff" an. "In der Regel kommen zu uns Menschen mit chronischen Erkrankungen", sagt Wagner. "Sie haben Fragen zu Ursachen und Therapiemöglichkeiten." Die meisten bringen ihre Befunde und Arztbriefe mit. Sie wollen genau erklärt bekommen, was der Inhalt für sie bedeutet. "Da besteht ein großes Bedürfnis", betont der Dermatologe. "Ich bin eigentlich immer ausgelastet."
Das geht auch den Akteuren im "Café Med." im Bramscher Rathaus so. "Wir können uns jedem in aller Ruhe ausführlich widmen", sagt der Dermatologe Dr. Peter Thiem, der das Projekt im Landkreis Osnabrück vor einem Jahr zusammen mit seiner Frau, ebenfalls Medizinerin, ins Leben gerufen hat. Hier beteiligen sich insgesamt acht Ärzte im Ruhestand. Das Medizinstudium sei das teuerste für den Staat, unterstreicht der 70-Jährige. "So haben wir die Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben". Auch in anderen niedersächsischen Städten wie Hannover und Lüneburg werden Sprechstunden angeboten oder sind Angebote in Planung.
Der Ärzteverband Marburger Bund begrüßt solche Initiativen. "In einem immer komplexer werdenden Gesundheitssystem ist der Bedarf an verlässlicher Einordnung groß", sagt Andreas Hammerschmidt vom Landesverband Niedersachsen. Die erfahrenen Mediziner fungierten als "Lotsen". "Sie helfen Ratsuchenden, Befunde besser zu verstehen oder die Dringlichkeit von Beschwerden einzuschätzen." Das stärke auch die Gesundheitskompetenz der Bürgerinnen und Bürger. Auch die Stadt Bremerhaven begrüßt die ehrenamtliche Initiative. Sie stellt die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung.
Ärztekammer Bremen prüft Rechtmäßigkeit des Angebots
Kritik kommt von den Ärztekammern. Bettina Cibulski von der Bremer Vertretung sagt, angesichts des Ärztemangels in Bremerhaven würde jeder Mediziner in regulären Praxen benötigt. "Dass Parallelstrukturen hier unterstützen können, muss jedoch bezweifelt werden", betont sie. Zudem gelte auch für ehrenamtlich tätige Mediziner die Berufsordnung und damit die Pflicht zur Dokumentation und zum Besitz einer Berufshaftpflichtversicherung. "Die Ärztekammer Bremen überprüft derzeit, ob diese Voraussetzungen von den Ärztinnen und Ärzten im 'Doc-Treff' eingehalten werden", so Cibulski.
In Niedersachsen haben die Angebote bereits eine Ausnahmegenehmigung, wie Nico Gerdau von der Ärztekammer in Hannover sagt. Dennoch ist ihm das ehrenamtliche Engagement ein Dorn im Auge: "Therapie- und Behandlungsempfehlungen bedürfen regelhaft adäquater ärztlicher Diagnostik und Untersuchung - hier ist das Setting außerhalb einer Praxis, eines Medizinischen Versorgungszentrums oder eines Krankenhauses nicht geeignet."
Das sehen nicht nur die ehrenamtlichen Mediziner anders, sondern auch der Bremerhavener, der an diesem Mittwoch das Gespräch mit Gunnar Wagner sucht. Der 45-Jährige leidet seit Jahren an Neurodermitis. Von dem Dermatologen erhofft er sich nützliche Informationen zur Ursache. Auch würde er gerne von der Cortisonbehandlung wegkommen. Zur Verstärkung hat er seine Mutter mitgebracht. "Vier Ohren hören mehr als zwei", sagt sie. Aus Erfahrung weiß sie, wie es normalerweise in Praxen zugeht: "Die sind alle kurz angebunden."
"Endlich mal jemand, der einem zuhört"
Nach 20 Minuten geht die Tür des Wintergartens wieder auf, Mutter und Sohn kommen heraus. "Endlich mal jemand, der einem zuhört", sagt der 45-Jährige. Eine solch positive Rückmeldung ist für Gunnar Wagner nicht neu: "Die Leute sind zufrieden, wenn sie hier rausgehen." Das gilt auch für ihn selbst. In seiner aktiven Zeit habe ihm sein Beruf angesichts des wirtschaftlichen Drucks des Krankenhausträgers kaum noch Spaß gemacht. Er genieße es, nun keinen Zeitdruck zu haben und Menschen "wirklich mal helfen zu können".