Politikunterricht gehört nach Einschätzung eines Oldenburger Professors schon in die Grundschule. "Kinder haben längst Vorstellungen von Macht, Gerechtigkeit oder Krieg, bevor sie Politikunterricht bekommen. Sie hören Nachrichten, erleben Diskussionen zu Hause, sind in sozialen Medien unterwegs", sagte der Politikdidaktikprofessor Tonio Oeftering der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".
"Wenn politischer Fachunterricht, wie es teilweise der Fall ist, erst im Teenageralter systematisch einsetzt, überlässt Schule dieses Feld anderen Sozialisationsinstanzen", mahnte er.
"Es geht nicht um das Auseinandernehmen von Parteiprogrammen", betonte Oeftering. "Es geht um Fragen wie: Was ist gerecht? Warum gibt es Krieg? Warum dürfen nicht alle Kinder zur Schule gehen?" Es könne über Mitbestimmung, Kinderrechte oder unterschiedliche Lebensformen gesprochen werden - kindgerecht aufbereitet. "Kinder stellen diese Fragen ohnehin – die Schule sollte ihnen helfen, sie einzuordnen."
Demokratie "muss gelernt und eingeübt werden"
Zu behaupten, man müsse erst einmal nur rechnen und schreiben lernen, greife zu kurz, sagte Oeftering. Politikunterricht in Niedersachsen mache je nach Schulform nur zwei bis drei Prozent der Unterrichtszeit aus. "Und trotzdem erwarten wir von Schule, mündige Bürgerinnen und Bürger hervorzubringen. Das passt nicht zusammen. Demokratie ist keine Staatsform, die sich selbst erhält. Sie muss gelernt und eingeübt werden."
Oeftering sagte: "Wir erleben seit Jahren wachsende rechtsextreme Einstellungen, auch unter jüngeren Wählergruppen." Kinder würden in den sozialen Medien früh mit radikalen Narrativen konfrontiert.
Er sei zunehmend offen für ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige: "Wir akzeptieren Altersgrenzen bei Filmen selbstverständlich. Warum sollten Kinder ungefiltert alles auf Tiktok oder YouTube sehen dürfen? Ein Verbot allein löst nicht alle Probleme, aber die derzeitige Ungeschütztheit halte ich für problematisch."