Er sprengte musikalische Grenzen und ist unvergessen: US-Jazzlegende Miles Davis (1926-1991) wäre am morgigen Dienstag (26. Mai) 100 Jahre alt geworden. Der Mainzer Musikwissenschaftler Frank Wittmer hat den Trompeter als "Schlüsselfigur der Jazzgeschichte" und prägenden Wegbereiter moderner Popmusik gewürdigt.
Kaum ein anderer Jazzmusiker habe in so vielen unterschiedlichen Stilrichtungen Maßstäbe gesetzt wie Davis, sagte Wittmer der Deutschen Presse-Agentur. Davis habe nicht nur bedeutende Beispiele einzelner Genres geschaffen, sondern "epochale, wegweisende, ihrerseits selbst stilprägende Aufnahmen" vorgelegt.
Miles Davis starb im September 1991 in Santa Monica (USA) im Alter von nur 65 Jahren - nach einem Schlaganfall.
Talente entdeckt und gefördert
Besonders hebt Wittmer Davis’ Fähigkeit vor, musikalische Talente zu entdecken und zu fördern. Viele seiner Mitmusiker seien später die wichtigsten Protagonisten ihrer Genres geworden.
Die Spannweite von Davis’ Karriere reiche vom Bebop an der Seite von Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Max Roach über den Cool Jazz mit Gil Evans bis hin zum modalen Jazz mit John Coltrane und Bill Evans.
Später habe Davis mit Musikern wie Herbie Hancock, Chick Corea und John McLaughlin den Fusion- und Jazzrock entscheidend geprägt. In seiner letzten Schaffensphase integrierte er laut Wittmer mutig Pop, Funk und Hip-Hop in den modernen Jazz.
Welches zentrale Werk man hören sollte
Als zentrales Werk empfiehlt Wittmer das Album "Kind of Blue". Zwar sei Skepsis gegenüber Superlativen angebracht, doch die "überragende musikalische Qualität und kulturhistorische Signifikanz" sei "unleugbar". Für die Entwicklung zum Jazzrock sei "In a Silent Way" der wichtigste Markstein.
Auch für die Entwicklung der Popularmusik allgemein habe Davis Wirkung entfaltet, sagte der Musikwissenschaftler von der Johannes Gutenberg- Universität Mainz. Der Musiker habe beigetragen, "stilistische Grenzen, Barrieren, gar Animositäten zwischen modernem Jazz und Hip Hop, Soul, Funk und Pop" abzubauen. Spuren davon fänden sich bei Musikern wie Al Jarreau, Prince oder Sting.
Darüber hinaus habe Davis die gesellschaftliche Emanzipation der Schwarzen in den USA beeinflusst. Sein Album "Tutu" (1986) sei eine Hommage an den südafrikanischen Anti-Apartheid-Aktivisten Desmond Tutu gewesen.
Wittmer zog einen Vergleich zu einer anderen US-Musiklegende: "Als kreative Kraft in der Popularmusik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist er vielleicht am besten mit Bob Dylan vergleichbar: als grummeliger "Antistar", der sein Publikum am liebsten ignoriert und alles durch seine Musik sagt. Aber mehr noch als Katalysator und Anstoßgeber in einer unglaublich weiten Spanne - sowohl zeitlich als auch stilistisch und gesellschaftspolitisch."