Anschlag auf Weihnachtsmarkt
"Wunde Stadt": Eine Bühne für die Anschlags-Opfer

Das Stück greift einen Gesprächskreis von Betroffenen auf: Wie verändern sich Wut und Trauer über die Zeit? Foto: Kerstin Schomb
Das Stück greift einen Gesprächskreis von Betroffenen auf: Wie verändern sich Wut und Trauer über die Zeit? Foto
© Kerstin Schomburg/Theater Magdeburg/dpa

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Das Theater Magdeburg hat mit "Wunde Stadt" sein Stück über den Weihnachtsmarktanschlag uraufgeführt. Vorher hatte es Diskussionen um die Aufführung gegeben - und sogar Proteste.

Der Anblick einer Toten, die Panik vor dem Verkehr, die Anträge bei Ämtern und Versicherungen, das Unverständnis von Behörden und Familie. Das "Jetzt ist doch auch mal gut", nur fünf Monate nach dem Anschlag. Mit "Wunde Stadt" hat das Theater Magdeburg eine Inszenierung uraufgeführt, die eineinhalb Jahre nach dem schrecklichen Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt Opfern und Hinterbliebenen eine Bühne gibt. 

Donnernd schleifen die Stuhlbeine über die Theaterbühne. Immer im Kreis, immer im Kreis. Zehn Schauspieler, zehn Stühle, vierzig Stuhlbeine. Immer im Kreis. So wie die Gedanken der Menschen, die mit den Folgen des Anschlags zu kämpfen haben. Opfer, Ersthelfer, Seelsorger. Autor Kevin Rittberger, der vom Theater mit dem Schreiben eines Textes beauftragt wurde, hat im Jahr nach dem Anschlag viele Menschen getroffen und zugehört. Er war in Gesprächskreisen von Betroffenen und lässt sie zu Wort kommen. Die Bühne als großer Stuhlkreis. 

Proteste und Kritik vor Uraufführung

Die Inszenierung ist nicht unumstritten. Vorher hatte es Proteste und Kritik gegeben - nicht nur von Betroffenen. Es ging um die Sorge vor einem voyeuristischen Blick auf das Leid der Menschen und darum, dem Täter keine Bühne zu geben. Im vergangenen November gab es eine Demonstration vor dem Magdeburger Theater, das kurz zuvor in einer Umfrage des Fachmagazins "Theater heute" zur besten Bühne des Jahres gewählt worden war. Vor allem Personen aus dem rechten Milieu hätten die Mahnwache abgehalten, teilte das Theater damals mit. Es sei ein Versuch gewesen, Kunst zu verhindern. "Das ist ein Angriff auf einen Grundpfeiler unserer Demokratie", hieß es damals in einer Mitteilung. 

Zur Premiere und einer der letzten Proben waren auch mehr als 30 Betroffene eingeladen. Ärztliches Personal stand vor dem Zuschauerraum bereit - für den Fall, dass jemand das Stück nicht mehr aushielt. 

Fragen über Fragen - auch an die Verantwortlichen 

Der Anschlag vom 20. Dezember 2024 mit sechs Toten und mehr als 300 zum Teil schwerst verletzten Menschen prägt die Landeshauptstadt bis heute. Und er wirft Fragen auf, die am Premierenabend von der Bühne gerufen werden. "Wie viel Raum geben wir der Wut?" "Warum kann niemand die Verantwortung übernehmen?" 

In der dritten Reihe im Zuschauerraum sitzt auch Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos). Erst in der vergangenen Woche hatte der mehr als 400-seitige Abschlussbericht eines Untersuchungsausschusses im Landtag Fehler an zahlreichen Stellen benannt: Auch die Stadt Magdeburg mit der Ordnungsbehörde und der Veranstaltungsgesellschaft stand dabei im Fokus. 

Während die politische Aufarbeitung zunächst abgeschlossen ist und im Prozess gegen den Todesfahrer im kommenden Monat ein Urteil möglich ist, dreht sich die kulturelle Aufarbeitung um die Folgen und menschlichen Schicksale. Das Auf und Ab in einer Therapiegruppe. Von der ersten Sitzung nach dem Anschlag über Wut und Todeswünsche gegen den Todesfahrer bis zur Zeit, als immer mehr Betroffene die Gruppe verlassen. Da sind auch die Diskussionen unter den Seelsorgern selbst: Lässt man es zu, dass gegen migrantische Gruppen gehetzt wird, wenn in der Stadt Migranten angegriffen werden? Die Inszenierung ist auch eine andere Form der politischen Aufarbeitung. 

Neben juristischer und politischer auch kulturelle Aufarbeitung

In Sachsen-Anhalt finden Anfang September Landtagswahlen statt. Die AfD lag zuletzt in Umfragen mit 42 Prozent deutlich vor der CDU (24 Prozent), die derzeit den Ministerpräsidenten stellt. Immer wieder gerät auch die Kultur ins Zentrum der AfD-Kritik. In ihrem Wahlprogramm erklärt die Partei, vorwiegend nur noch solche Kunst zu fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leiste. 

Die Inszenierung "Wunde Stadt" beschäftigt sich mit der Frage nach dem Umgang mit Schmerz und Wut. Autor Kevin Rittberger hörte Betroffenen und auch Seelsorgern für sein Stück lange zu. "Ich habe versucht zu verstehen, was Menschen durchmachen, was Menschen brauchen, was ihnen hilft, was ihnen nicht hilft, was zu Rückfällen führt", sagte Rittberger.

Figuren nehmen unterschiedliche Wege aus dem Schmerz

Was Rittberger gehört, mitgefühlt und aufgeschrieben habe, sei in Figuren geflossen, erklärte Regisseur Sebastian Nübling: eine Malerin in ihrem Atelier, eine Krankenschwester mit migrantischem Hintergrund, ein Trauerkreis, eine Seelsorgerin, die über ihren Job reflektiert. "Die Figuren, die wir beobachten, nehmen sehr unterschiedliche Wege raus aus dem Schmerz, raus aus der Verletzung", sagte Rittberger. Zehn Ensemblemitglieder, die auch in Magdeburg leben, seien an dem Stück beteiligt. 

Generalintendant Julien Chavaz betonte vor der Premiere: "Unsere Aufgabe ist es, einen Raum zu öffnen, in dem eine Gesellschaft ihre eigenen Brüche, Ängste und Widersprüche betrachten kann - mit Komplexität, mit Sensibilität und mit Freiheit." Das Theater wünsche sich Diskussion und auch Widerspruch. An der künstlerischen Freiheit dürfe aber nicht gerüttelt werden - Chavaz sprach von einer "roten Linie".

dpa