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Verkleidet als Bostoner Terror-Opfer Todesdrohungen für Halloween-Kostüm


Halloween geschmacklos: Eine junge US-Amerikanerin verkleidet sich als Anschlagsopfer des Boston Marathons. Einen Tag später ist sie arbeitslos - und erhält wüste Todesdrohungen.
Von Jens Wiesner

Das Foto, das Alicias Leben für immer verändern sollte, zeigt eine junge Frau im hellblauen Laufshirt und in dunklen Shorts. Auf ihrer Brust trägt sie die Startnummer 739. Es könnte ein ganz normales Läufer-Outfit sein, wäre nicht überall dieses Blut: Blut, das ihr in Strömen die Arme hinunterläuft. Blut, das geronnen über ihrem rechten Auge klebt. Und doch lächelt Alicia freundlich in die Kamera.

Ein paar Sekunden später steht ihr Porträt bereits im Netz: Alicia hat es selbst in den Äther geschickt - stolz darauf, ein so kreatives Halloween-Kostüm gefunden zu haben. "Und der Preis für das anstößigste Kostüm am Arbeitsplatz geht an..." twittert die 22-Jährige fröhlich und fügt den Hashtag #toosoon? (zu früh?) hinzu. Ja, wer kommt schon auf die Idee, sich als Opfer des Bombenanschlags auf den Boston-Marathon zu verkleiden?

"Haben wir sie schon umgebracht?"

Die Provokation kommt an - aber anders, als es sich Alicia vorgestellt hat. Tausendfach wird ihr Foto geteilt, doch die Kommentatoren zeigen sich durch die Bank entsetzt. Im Minutentakt blitzen nun wüste Beschimpfungen auf ihrem Smartphone auf. "Menschen sind in Terror und Agonie gestorben, und du hast dir die Fotos angeschaut und dachtest 'lol, lustige Kostümidee'?" erbost sich Rebecca Brown auf Twitter.

"Und beim nächsten Mal verkleidest du dich als Krebstote?", ätzt eine junge Bostonerin kurze Zeit später in ihrem Tweet. Der Ton wird immer harscher, persönlicher. Ein digitaler Mob formt sich, durchforstet das Netz nach Möglichkeiten, Alicia bloßzustellen. Nacktfotos machen die Runde, erste Todesdrohungen gehen ein. "Ist das Mädel mit dem Boston-Marathon-Kostüm schon tot?", fragt Josh Duhamel. "Haben wir sie schon umgebracht? Und wenn nicht, worauf warten wir?"

Mob veröffentlicht Postanschrift

Zu diesem Zeitpunkt ist Alicia die Situation längst über den Kopf gewachsen. Sie entscheidet sich für den digitalen Selbstmord und löscht ihre Profile bei Facebook, Twitter, Instagram. Doch der Mob macht weiter. Als User ein Bild ihres Führerscheins im Netz entdecken, wird es wirklich gefährlich. Darauf zu lesen: die komplette Postanschrift ihres Elternhauses. Kurze Zeit später geht auch die Adresse der elterlichen Firma um. Jetzt werden auch Vater und Mutter mit dem Tod bedroht.

Alicia fühlt sich gezwungen zu antworten: Sie reaktiviert ihr Twitter-Konto, entschuldigt sich und bittet darum, zumindest ihre Eltern aus der Sache herauszuhalten. "Bitte hört auf, die Telefonnummer meiner Eltern und meine Hausanschrift zu verbreiten", twittert sie im flehenden Tonfall. Zu diesem Zeitpunkt hat sie ihren Job bereits verloren. Einige, wenige Kommentatoren nehmen sie nun in Schutz, doch die Masse macht weiter. Die Nachricht über den Verlust ihres Arbeitsplatzes stößt auf Begeisterung und Häme.

Am 1. November um 21.04 Uhr setzt Alicia ihren letzten Tweet ab. Ein kurzer Satz. "I’m sorry." Dann Stille.


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