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Lockerungen "fatal" "Das Larifari muss aufhören": Virologin Melanie Brinkmann fordert konsequenten Lockdown

Lockerungen "fatal": "Das Larifari muss aufhören": Virologin Melanie Brinkmann fordert konsequenten Lockdown
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Bei einer Inzidenz knapp unter 50 die Maßnahmen lockern? Virologin Melanie Brinkmann hält das für "fatal". Im Interview mit dem "Spiegel" fordert sie, dass die Corona-Pandemie endlich konsequent eingedämmt wird.

Die Bundesregierung strebt weiterhin eine Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 an. Ist dieses Ziel erreicht, könnte es erste Lockerungen der Corona-Einschränkungen geben. Die Virologin Melanie Brinkmann hält von diesem Vorgehen überhaupt nichts. Im Interview mit dem "Spiegel" sagte die Wissenschaftlerin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung: "Die Zahlen würden sofort wieder steigen. So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann". 

Melanie Brinkmann
Virologin Brinkmann wirbt für eine "No Covid"-Strategie.
© Michael Sohn/ ASSOCIATED PRESS / Picture Alliance

Bei einer Inzidenz von knapp unter 50 Maßnahmen zu lockern, das bezeichnete sie als "fatal". Wissenschaftler hätten schon im vergangenen Mai deutlich gemacht, dass es für diese Zahl - und selbst für eine Obergrenze von 35 - keine wissenschaftlich fundierten Belege gebe. Nachdem die Politik bereits im Herbst zu spät reagiert habe, tue sie jetzt mit Blick auf die mutierten Varianten das Gleiche. "Wir alle wollen aus diesem verdammten Lockdown raus - aber die Kanzlerin hat am Dienstag leider verkündet, dass die 50er-Inzidenz weiterhin als Richtschnur dienen soll. Mit diesem Kurs haben wir keine Chance." 

"Das Larifari muss aufhören"

Brinkmann warb erneut für die "No Covid"-Strategie, die sie und weitere renommierte Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche vorgeschlagen hatten. Mit dieser, ist sie sich sicher, "könnten wir in sechs Wochen durch sein". Dafür müsse aber das Larifari des "hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept" aufhören. Dass Urlaubsreisen ins Ausland noch immer gingen, mache sie "fassungslos". Es erfordere jetzt "eine konsequent durchgesetzte Kontaktvermeidungsstrategie, um die Zahlen sehr schnell zu senken. Damit ließe sich die 7-Tage-Inzidenz zügig unter 10 drücken."

Würde man tatsächlich bei Zahlen knapp unter 50 wieder öffnen, würden die Infektionszahlen prompt wieder nach oben schießen, dafür müsse man nur in andere Länder wie Irland blicken, so die Virologin. Brinkmann beruft sich auf Hochrechnungen des "No Covid"-Papiers, die zu dem Ergebnis kamen, dass 180.000 Menschen in Deutschland unter 60 Jahren das nächste Frühjahr nicht erleben würden. "Auch Kinder würden sterben." Diese Zahl gehöre bei den Entscheidungen über die nächsten Wochen auf den Tisch, so Brinkmann.

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"Der Wettlauf ist längst verloren"

"Das Impfen wird uns erst aus der Pandemie befreien, wenn sie weltweit abflaut", erläuterte sie. Aus Sicht der Virologin könnten niemals genügend Menschen geimpft werden, "bevor die Mutanten durchschlagen". Dieser Wettlauf sei längst verloren. "Alles andere entspringt Wunschdenken, genährt von falschen Versprechungen einiger Politiker. Der Impfstoff ist zwar da, die Produktion läuft, aber es wird dauern, bis alle ihn bekommen", sagte sie.

Bis zu 4,5 Menschen steckt ein mit der britischen Mutation Infizierter im Schnitt an, wenn es keine Kontaktbeschränkungen gibt. Brinkmann rechnete vor, dass in diesem Fall über 80 Prozent der Menschen geimpft sein müssten, damit sie in Schach gehalten werden könne. "So viel Impfstoff werden wir bis dahin nicht bekommen, und für Kinder und Jugendliche ist bisher auch gar keiner zugelassen." Das Coronavirus, sagte sie, werde uns noch 2022 beschäftigen  - "das mag nur niemand hören".

tpo dpa

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