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100 Jahre Alzheimer: Die große Enttäuschung des Alois Alzheimer

Mit einer Sensation war Alois Alzheimer 1906 nach Tübingen aufgebrochen, tief enttäuscht kehrte er zurück: Sein Vortrag über eine neue "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" stieß auf Desinteresse. Erst posthum bekam er die Anerkennung.

Kein einziger Kollege stellte bei der 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte eine Frage, schnell wurde zum nächsten Thema gewechselt, und auch die Zeitung "Tübinger Chronik" widmete dem Forscher in ihrem ausführlichen Kongressbericht nur einen kurzen Satz.

Er wurde "Irrenarzt mit Mikroskop" genannt

Exakt 100 Jahre später weiß die Fachwelt die historische Bedeutung dieses Moments zu würdigen: Denn auf der Tagung am 3. November 1906 hatte Alois Alzheimer, der Neurologe von der Königlich Psychiatrischen Klinik München, erstmals öffentlich über jene "Krankheit des Vergessens" berichtet, an der heute weltweit 20 Millionen Menschen leiden. Der damals 42-jährige Psychiater schilderte in Tübingen den Fall seiner Patientin Auguste Deter, die kurz zuvor im Alter von nur 55 Jahren "total verblödet" gestorben war, wie es Alzheimer formulierte. Dies allein war noch keine Überraschung - wohl aber das Ergebnis der Obduktion: Denn im Gehirn der Verstorbenen fand der Mediziner eine Vielzahl von Eiweißablagerungen und abgestorbenen Nervenzellen.

Der "Irrenarzt mit dem Mikroskop", wie Alzheimer genannt wurde, hatte damit den grundlegenden Mechanismus der schwersten und häufigsten Form der Altersdemenz entdeckt: Die Ablagerungen des Eiweißes Beta-Amyloid in der Hirnrinde führen zum Tod der Nervenzellen und lassen die gesamte Hirnsubstanz schrumpfen. Warum sich das Eiweiß so massiv ansiedelt, weiß man bis heute nicht. Und auch sonst scheint sich seit dem Tübinger Vortrag die Wissenschaft mit dieser Krankheit schwer zu tun: Schließlich ist Alzheimer noch immer unheilbar. Doch der kritische Blick trügt, wie der Direktor des Tübinger Universitätsinstituts für klinische Hirnforschung, Mathias Jucker, betont: "Die Forschung hat unglaubliche Fortschritte gemacht.

Wir wissen über Alzheimer viel mehr als über andere neurodegenerative Leiden wie Parkinson oder Huntington." Erst vor kurzem hatte Juckers Team ernsthafte Hinweise gefunden, dass nicht nur genetische Faktoren, sondern auch Umwelteinflüsse bei Alzheimer eine Rolle spielen könnten. Noch wichtiger aber sind die absehbaren Entwicklungen in der Vorbeugung und Therapie, die tatsächlich eine weitere Sensation versprechen - nämlich eine Impfung gegen Alzheimer. Eine erste klinische Studie dazu an Patienten war noch abgebrochen werden, da die Nebenwirkungen nicht mehr vertretbar erschienen. Inzwischen wird der Impfstoff in verbesserter Form neu getestet - mit viel versprechenden Zwischenergebnissen: "Die Impfung sieht wirklich gut aus", sagt Jucker, der zu den weltweit führenden Hirnforschern zählt. Er glaube zwar nicht unbedingt an einen hundertprozentigen Heilungserfolg alleine per Impfung, wohl aber daran, dass in Zukunft der Impfstoff in Kombination mit weiteren Medikamenten Alzheimer im frühen Stadium besiegen könne.

"Ich habe mich sozusagen verloren"

Für die erste Alzheimer-Patientin Auguste Deter gab es dagegen keine Hilfe. Die aus Kassel stammende Frau war von ihrem Ehemann 1901 nach Frankfurt in die Städtische Irrenanstalt eingeliefert worden, in der Alzheimer zu dieser Zeit arbeitete. Der Neurologe interessierte sich von Anfang an in besonderem Maße für die Patientin, die in relativ jungen Jahren bereits alle Symptome des Altersschwachsinns zeigte. In einem kurzen klaren Moment formulierte Auguste einen Satz, der bis heute die ganze Dramatik dieses Leidens präzise beschreibt: "Ich habe mich sozusagen verloren".

Die wissenschaftliche Anerkennung für seine Entdeckung blieb Alois Alzheimer, der schon 1915 im Alter von nur 51 Jahren an einem Herzleiden starb, zu Lebzeiten weitgehend versagt. Ohnehin wurde er als Vorreiter einer modernen Psychiatrie, der sich vehement gegen drastische Zwangsmaßnahmen in den Nervenheilanstalten einsetzte, besonders kritisch beäugt. Das Desinteresse an seinem Vortrag bei der Tübinger Versammlung hatte allerdings auch andere Gründe.

Überlagert wurde die Tagung von hitzigen Debatten über die Verteidigungsreden des Psychoanalytikers C.G. Jung für Sigmund Freud. Erst posthum kommt Alzheimer nun zu seinem Recht: Exakt 100 Jahre nach der für ihn so enttäuschenden Versammlung werden vom kommenden Freitag bis Sonntag die führenden Hirnforscher der Welt auf einem Kongress an der Universität Tübingen die Verdienste des eigenwilligen Wissenschaftlers würdigen.

Froben Homburger/AP / AP

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