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Coronavirus 3G, 2G oder Online-Unterricht: An deutschen Universitäten herrscht Chaos

Studierende mit Maske sitzen in einer Begrüßungsveranstaltung an der Universität Hohenheim.
Wie hier in Hohenheim, dürfen in Baden-Württemberg ab kommender Woche nur noch Geimpfte und Genese an der Universität erscheinen
© Sebastian Gollnow / DPA
An den Universitäten gibt es keine einheitliche Linie in der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Vorlesungen finden bis heute öfter im 3G- als im 2G-Modell statt. Doch die hohen Fallzahlen lassen die Illusion eines Semesters im Präsenzbetrieb verblassen.

Die rund drei Millionen Studierenden in Deutschland standen im öffentlichen Diskurs zur Corona-Pandemie oft im Schatten von Pfleger:innen, Arbeitnehmer:innen und Schulkindern. Trotz Rekordwerten bei Neuinfektionen und Hospitalisierungsraten unter jungen Erwachsenen sowie Homeoffice-Pflicht, interessiert sich die Öffentlichkeit wenig für die Studierenden. Sie sind eines von vielen Randphänomenen der Pandemie.

Während in den letzten drei Semester auf Online-Unterricht über Zoom gesetzt wurde, beharren die meisten Hochschulen in Deutschland im aktuellen Wintersemester weiterhin auf den Präsenzunterricht im 3G-Modell. Die Meinungen unter den Betroffen fallen gespalten aus.

Die Eindrücke des letzten Lockdowns erinnern viel Studierende noch zu sehr: Einsamkeit im WG Zimmer, hohe Belastung bei wenig Abwechslung, das Gefühl, die beste Zeit des Lebens zu verpassen – nach drei Semestern im digitalen Unterricht, ist die Moral bei vielen Studierenden am Tiefpunkt angelangt.

Impfdurchbrüche trotz 3G-Modell möglich

So ergeht es auch Franziska (Name auf Wunsch der Protagonistin von der Redaktion geändert). Sie studiert an der Universität Leipzig und hat ihren bisherigen Studiengang hauptsächlich vor dem Laptop verfolgt. Nach einem Praktikum im Ausland freute sie sich Anfang Oktober auf die Rückkehr auf den Campus – doch dann rissen zwei rote Streifen die 25-Jährige aus ihrem Alltag. Trotz doppelter Impfung wurde sie positiv auf Covid-19 getestet.  Man hört ihr noch heute die Enttäuschung an, als die erzählt: "Ich habe mich richtig drauf gefreut endlich mit meinen Freunden wieder ein Semester zu starten, aber das ging dann leider nicht."

Franziskas Fall zeigt, wie schnell es trotz 3G-Regelungen zu einem Impfdurchbruch kommen kann. Bereits vor ihrer Abreise hatte sie mehrere Schnelltests gemacht – alle waren negativ. Die Infektion lässt sich später auf eine ungeimpfte Mitbewohnerin in ihrer WG zurückführen. Hätte sich die 25-Jährige auf die ersten negativen Testergebnisse verlassen, hätte sie über ihren Impfnachweis an allen Veranstaltungen auf dem Campus teilnehmen können.

Lediglich ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass Franziska die nächsten zwei Wochen alleine in ihrer Leipziger Wohnung statt in einem Hörsaal mit hunderten Kommiliton:innen verbringt. Kurz nach dem Schnelltest informiert sie ihre Dozent:innen und Freund:innen und meldet ihren positiven Befund bei den Behörden, doch das überlastete Gesundheitsamt meldet sich erst am fünften Tag ihrer Quarantäne zurück.

Keine einheitliche Linie bei den Universitäten

An Franziskas Universität in Leipzig herrscht seit dem Semesterstart 3G, trotz einer derzeitigen Sieben-Tage-Inzidenz in Sachsen von über 1000. Viele Student:innen sehen diese Verordnung kritisch. Die Impfquote an den Hochschulen liegt zwar zwischen 85 und 90 Prozent und somit deutlich höher im Vergleich zum gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt. Auf Anfrage des stern sprechen sich aber unter anderem die Studierendenvertretung aus Münster und Leipzig für verschärfte Regelungen aus: Ein Unterricht im Hybridmodell aus Präsenz und Digital sehen sie als Mindestforderung. In Bayern setzen die Hochschulen seit Mittwoch flächendeckend auf einen exklusiven Präsenzbetrieb für Geimpfte und Genesene. Baden-Württemberg will nächste Woche folgen.

Die Lage an den deutschen Universitäten lässt sich momentan nicht einheitlich abbilden. Die Ampel-Koalition hat den Bundesländern in ihrem Infektionsschutzgesetz die Möglichkeit eingeräumt bis März 2022 auch an "Hochschulen, außerschulischen Einrichtungen der Erwachsenenbildung oder ähnlichen Einrichtungen" notwendige Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus durchzusetzen. Wie sie die Empfehlungen der Politik zur Präsenzlehre umsetzt, entscheidet jede Hochschule selbst.

Die Hochschulrektorenkonferenz plädiert dagegen weiterhin für ein 3G-Modell. Bisher gebe es keine Hinweise auf ein größeres Infektionsgeschehen an den Universitäten. Eine Rückkehr in den Online-Unterricht sei daher derzeit kein Thema, heißt es in einem gemeinsamen Statement aus der vergangenen Woche.

Hybridveranstaltungen erscheinen vielerorts als unrealistisch

Auch die noch im Sommersemester von vielen gepriesenen Hybridveranstaltungen, scheinen größtenteils nicht als realistische Lösung angesehen zu werden. Eine Umsetzung scheitert in vielen Fällen am Geld.

Der Präsident der Leibniz Universität Hannover, Volker Epping, führt die "millionenschweren Investitionen", welche für einen flächendeckenden Hybridunterricht fließen müssten im Interview mit der "FAZ" auch als Argumentation gegen eine 2G-Verordnung an. Die Chancengerechtigkeit würde es gebieten, dass ungeimpfte Student:innen dann zumindest online an den Vorlesungen teilnehmen könnten.

Auch Franziska war es in der Quarantäne nicht möglich digital an den Universitäts-Veranstaltungen teilzunehmen. Die 25-Jährige hat trotz ihrer Impfung starke Symptome. Sie klagt über Atembeschwerden, starke Kopfschmerzen sowie den Verlust von Geruch- und Geschmackssinn. "Ich habe mich selten so krank gefühlt. Bis heute habe ich Probleme die Treppe in den dritten Stock zu nehmen." Sieben Wochen nach der Ansteckung ist sie weiterhin krankgeschrieben. An ihren studentischen Nebenjob ist derzeit nicht zu denken.

Kontrollen werden nicht ernst genug genommen

Nach Ende der Quarantäne schleppt sie sich erstmals zurück in die Universität. Dort wird ihr Impfstatus allerdings von niemandem kontrolliert. Auch ob sie wieder gesund sei, fragt niemand. Die 3G-Nachweise wurden von allen Studierenden in den ersten beiden Wochen vorgezeigt. Wer in den Sitzungen fehlte, kann den Seminarraum ohne weitere Prüfung betreten.

Auch die Mensa checkt Franziskas Impfstatus nicht. Sie fragt nach und erhält eine verwirrende Antwort: Eine weitere Überprüfung sei nicht notwendig, da hier nur Universitätsmitglieder speisen, welche bereits an anderer Stelle kontrolliert wurden. Sie steht in der Mitte der überfüllten Mensa und hält nach einem freien Platz Ausschau. Niemanden im Universitätsbetrieb interessierte es, dass sie krank war. Und niemand interessierte sich dafür, ob sie auch wirklich wieder genesen oder noch ansteckend ist. Da ist es wieder, dieses Gefühl, das viele Studierende seit Beginn der Pandemie umtreibt: "Warum hat man uns so alleingelassen?"

Lockdown hatte für viele Studierende psychische Folgen

Wie die meisten Studierenden ist Franziska emotional gespalten. Einerseits empfindet sie eine konstante Angst andere Leute anzustecken oder sich erneut zu infizieren. Andererseits hat sie miterlebt, welche psychischen Schäden, die Lockdowns bei jungen Menschen ausgelöst haben: "Egal ob die Leute emotional schon angeschlagen waren oder nicht, diese Zeit hat bei uns allen Spuren hinterlassen. Viele dieser Krankheiten halten bis heute an".

Keine Pausen in der Mensa mit Freund:innen, keine Präsentationen mit flüchtigen Bekanntschaften aus dem Seminar, kein Feierabendbier mit den Kommiliton:innen nach einem Examen. Die Pandemie hat den  Studierenden den Spaß am Uni-Leben gestohlen. Nach dem Auszug von zuhause folgte keine spannende WG-Erfahrung als Familienersatz, sondern Leere, Stillstand und Zukunftsangst, sobald man den Bildschirm zuklappt. Hochschulen rechnen bereits jetzt mit höheren Abbruchquoten in den nächsten Semestern, weil Kontaktpersonen fehlen, die den Leistungsanspruch erträglicher machen.

Im Winter drohen erneut Kontaktbeschränkungen

Bei der derzeitigen bundesweiten Entwicklung der Corona-Pandemie werden sich die Hochschulen wohl auch in diesem Jahr trotz aller Argumente keinen strikteren Maßnahmen entziehen können. Auch mit schärferen Kontrollen der 3G-Regel ist die Gefahr vor Infektionen und Impfdurchbrüchen in vollbesetzten Hörsälen und Bussen auf dem Weg zur Universität schlicht zu hoch. Die Hochschulen wirken dabei größtenteils unvorbereitet.

In Franziskas Vorlesung startete ein Professor kürzlich eine Umfrage, ob die Veranstaltung weiter in Präsenz oder Online stattfinden soll. Das Stimmungsbild spiegelt die Spaltung unter den Student:innen wieder. Eine hauchdünne Mehrheit sprach sich für eine Rückkehr in den digitalen Betrieb aus. Lediglich eine Stimme trennte die beiden Lager. Franziska hat für einen weiteren Präsenzbetrieb gestimmt. Allerdings nur wenn strikte 2G+-Regeln und Maskenpflicht an der Universität durchgesetzt werden.

Quellen: "Zeit Campus", "FAZ", Hochschulrektorenkonferenz


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