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Neue Therapie bei Epilepsie und Autismus Ärzte gaben sein Leben auf – heute hat Billy dank Cannabis keine Anfälle mehr

Das ist die Geschichte eines unglaublich tapferen Jungen. Ärzte geben sein Leben auf, als er noch nicht einmal ein Jahr alt ist.  
Dass er heute lebt, hat der Zwölfjährige dem Kampfgeist seiner Mutter zu verdanken und seinem eigenen Überlebensinstinkt. Billy leidet an der Nervenkrankheit Epilepsie, seitdem er etwa 5 Monate alt ist. Zudem hat er eine schwere Form von Autismus.
An einem Abend im Dezember vor elf Jahren entdeckte seine Mutter, dass ihr Sohn ungewöhnlich lange in eine Richtung starrt.  
Interview Caldwell:
„Er hatte einen starren Blick und ich habe ihn aufgehoben und an mich gedrückt. Ich dachte, er habe Luft im Bauch, er war ja nur 4 Monate alt. Ich habe ihn in den Arm genommen und dann wieder ins Bett gelegt. Es hat sich drei oder vier mal wiederholt und deshalb habe ich den Bereitschaftsarzt angerufen."


 
Caldwell bringt ihren Sohn ins Krankenhaus, dort verschlimmern sich die Anfälle. Er wird nach Belfast verlegt.
Ein mehrere Monate andauernder Kampf um Billys Leben beginnt.
Billy leidet an Status epilepticus. Bei dieser schweren Form der Epilepsie können die Anfälle mehrere Minuten andauern und wiederholen sich häufig.
Jeder Anfall kann lebensbedrohlich sein, da dabei lebenswichtige Systeme wie die Atmung oder Temperaturregelung ausfallen können.
Die Ärzte geben Billy verschiedene antiepileptische Medikamente, versetzen ihn sogar kurzzeitig in ein künstliches Koma.
Nach 14 Wochen raten sie Charlotte Caldwell, sie solle sich von Billy verabschieden. Sie könnten nichts für ihren Sohn tun.
 
Charlotte Caldwell
„Meine Mission war es, dass Billy am Leben bleibt. Also habe ich recherchiert und diese Ärzte hinter mir gelassen. Ich habe nach einem Spezialisten gesucht und bin so auf den Kinder-Epidemiologen Nordli in Chicago gestoßen.“
 
Der US-Spezialist willigt ein, Billy zu behandeln, allerdings sind die Therapiekosten in der Klinik hoch. Caldwell startet ein Fundraising für ihren Sohn. Sie wendet sich an die Medien, die Billys Geschichte erzählen. Und sie bekommt tatsächlich genug Geld für die Therapie zusammen.
In den USA setzen Nordli und sein Team Billys hohe Medikation herunter auf nur ein Medikament. Er bekommt eine ketogene Ernährung, die wenige Kohlehydrate, viele Fette und Ballaststoffe beinhaltet. Schon bald geht es ihm so gut, dass die Ärzte mit einer Physiotherapie beginnen können. Billy lernt zu krabbeln, zu sitzen und zu stehen.
 
Charlotte Caldwell
„Nach drei Jahren war es uns möglich wieder nach Hause zu kommen, und Billy ist aus dem Flugzeug heraus gelaufen. Das war unglaublich für mich.“
 
Nach seiner Rückkehr 2009 hat Billy fast acht Jahre keinen Anfall. Im vergangenen Jahr beginnen sie plötzlich erneut. Bis zu 300 Anfälle erlebt der Junge in einem Monat. Caldwell wendet sich erneut an Nordli. Der Arzt entdeckt eine Läsion im Kopf des Jungen, die nicht operierbar ist. Er empfiehlt eine neuartige Behandlungstherapie mit Cannabis in Los Angeles. Dort ist der medizinische Einsatz von Marihuana legal.
 
Charlotte Caldwell:
„Billy wurde zu einem Experten für medizinisches Cannabis überwiesen und er nahm an einem Programm mit medizinischem Cannabis teil. Man muss geduldig sein.
Ich hatte vorher so viele Geschichten in den sozialen Medien und den Tageszeitungen gelesen, die beschrieben wie einem Kind CBD gegeben wurde und am nächsten Tag sei es frei von Anfällen gewesen. Es fällt mir schwer, das zu glauben. Denn in Billys Fall mussten wir der oder vier verschiedene Öle ausprobieren. Es war ein sehr langsamer Prozess, aber es hat sich gelohnt, denn es hat die Anfälle gestoppt.
 
Dass sich eine cannabisbasierte Therapie positiv auf bestimmte Formen der Epilepsie auswirken kann, bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen.
Der Neurologe und Kinderarzt Stephan König nennt zum Beispiel eine New Yorker Studie an mehr als 100  Kindern, die am Dravet-Syndrom leiden, einer genetisch bedingten schweren Form der Epilepsie:


Prof. Dr. Stephan König, Facharzt für Kinderheilkunde und Neurologie 
„Es gibt auch eine ganze Reihe anderer Studien die zeigen, dass Cannabis für einzelne Indikationen einzelner Patienten auch eine gute Behandlungsmöglichkeit ist, aber auch nicht für alle. Und man muss auch wissen, es gibt paradoxe Verschlechterungen bei Cannabis. Das gilt noch viel mehr für das Naturprodukt, in dem hundert verschiedene Substanzen gemischt sind, als für die Behandlung mit den Reinsubstanzen wie Cannabidiol.“


 
Billy ist nun der erste Fall in Nordirland, der medizinisches Cannabis auf Rezept erhalten hat. Ausgestellt wird es von seinem Hausarzt. In Großbritannien ist der Gebrauch von Marihuana für medizinische Zwecke noch nicht legal.
Billy ist zu einer wichtigen Figur für die Befürworter des Einsatzes von medizinischem Cannabis geworden – Politiker aus verschiedenen nordirischen Parteien unterstützen die Initiative und wollen einen Gesetzesentwurf für die Anwendung durchzusetzen.
 
Eine politische Mission, von der auch Billy und seine Familie profitieren würde. Billys Geschichte rief einen US-irischen Hersteller von Cannabisöl auf den Plan. Die Firma 710 Holdings bot Charlotte Caldwell an, ein Produkt mit Billys Namen herzustellen. Das Geld der verkauften Produkte geht in einen Trust für ihren Sohn. Charlotte Caldwell will so Billys Zukunft absichern.
 
In Deutschland ist der Einsatz von Marihuana auf Rezept für medizinische Zwecke seit März 2017 erlaubt. Allerdings müssen die Kosten vor Behandlungsbeginn von den Krankenkassen genehmigt werden. Der nicht-medizinische Gebrauch ist weiterhin strafbar. 
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Das ist die Geschichte eines unglaublich tapferen Jungen. Ärzte geben sein Leben auf, als er noch nicht einmal ein Jahr alt ist. Dass er heute lebt, hat der Zwölfjährige dem Kampfgeist seiner Mutter zu verdanken, seinem Überlebensinstinkt und einer speziellen Therapie.

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