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Albtraum im Krankenhaus: Trotz Narkose wach auf dem OP-Tisch

Eine Narkose soll dafür sorgen, dass der Patient nichts von der Operation mitbekommt. Doch das klappt nicht immer. In einigen tausend Fällen pro Jahr erwachen die Operierten während des Eingriffs. Ein traumatisches Erlebnis.

Allein der Gedanke daran ist für die meisten Menschen haarsträubend: Während einer Operation plötzlich zu Bewusstsein zu kommen und die eigene Wachheit nicht mitteilen zu können, ist eine Horror-Vorstellung. Dieses Phänomen, genannt "Awareness", ist seit längerem bekannt. Zwar kommt es nur in einer bis zwei von 1000 Narkosen dazu - doch bundesweit sind das immerhin 8000 bis 16.000 Fälle pro Jahr. Eine Übersichtsarbeit von Forscherinnen aus Berlin und Bochum zeigt jetzt: Absolute Sicherheit davor gibt es nicht, aber ein Bündel von Maßnahmen, das vor dem unerwünschten Erwachen schützen kann.

Besonders gefährdet sind der Arbeit von Petra Bischoff von der Uniklinik Bochum und ihrer Berliner Fachkollegin Ingrid Rundshagen von der Berliner Charité zufolge bestimmte Risikogruppen: Menschen, die oft Schmerz- und Betäubungsmittel nehmen, oder die bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Um deren Herz-Kreislauf-System zu schonen, werde die Narkose manchmal zu leicht gewählt, folgern die Fachärztinnen. Kinder sind sogar weitaus häufiger betroffen: Ihr Risiko für eine unerwünschte Wachphase liegt acht bis zehn Mal höher, denn ihr kleiner Körper verarbeitet die Narkotika vergleichsweise schnell. Aber auch bei Not-Kaiserschnitten, Notfall-OPs oder während Nachteinsätzen ist das Awareness-Risiko erhöht.

Grauzonen zwischen Narkose und Wachheit

Häufig sind es OP-Geräusche, Worte, Satzfetzen, die die Patienten bewusst oder unbewusst wahrnehmen. "Schmerzen sind nicht der Hauptrisikofaktor für traumatische Spätfolgen eines Awareness-Erlebnisses", sagt Gerhard Schneider. Der Direktor des Zentrums für Anästhesie, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Helios Klinikum Wuppertal forscht seit 20 Jahren über das Phänomen. "Viel schwieriger ist es, das Erlebnis zu verarbeiten, ausgeliefert zu sein, nicht zu wissen, was passiert, und möglicherweise Todesängste zu haben."

Für ihn steht deshalb weniger eine generelle, detaillierte Aufklärung der Patienten vor der OP im Mittelpunkt, als vielmehr die aufmerksame Begleitung während des Eingriffs. Denn über die Frage, wie Ärzte erkennen können, dass der Patient zu Bewusstsein kommt, wird kontrovers diskutiert.

So können zwar bestimmte Wirkplasmaspiegel des Narkosemittels bestimmt werden, aber die sind nicht für jeden Menschen gleich aussagekräftig. Körperliche Stressreaktionen wie beschleunigter Puls, Schweißbildung oder Muskelanspannung sind medikamentös unterdrückt. Vor einigen Jahren versprach die Hirnstrommessung (EEG) eine Lösung. Allerdings stellte sich heraus, dass auch sie kein absolut verlässlicher Indikator für die Narkosetiefe war. "Wir können ein EEG ergänzend einsetzen, es kann uns Zusatzinfos liefern, aber es wäre falsch, damit die Patienten in Sicherheit zu wiegen", sagt Schneider.

Auch Petra Bischoff betont: "Ein EEG darf nicht eingesetzt werden, um die Narkose flach zu halten und möglicherweise Narkosemittel zu sparen." Die Anästhesistin ist überzeugt: "Es werden immer Grauzonen zwischen tiefer Narkose und Wachsein bleiben. Denn bei allen Fortschritten in der Anästhesie ist letztlich immer noch unklar, was während einer Narkose im Gehirn passiert. Es ist eine Blackbox."

Positive Worte oder Musik über Kopfhörer

Die Ärztinnen empfehlen: Gute Personalschulung, vorbereitende Gespräche, während des Eingriffes ein Verzicht auf laute, negative Sprache ("zwecklos, inoperabel") und gegebenenfalls positive Worte oder Musik via Kopfhörer. Außerdem die Nachbetreuung der Operierten. Schon im Aufwachraum solle erstmals mittels eines Fragebogens nachgehakt werden.

Aber auch noch Wochen später können Erinnerungen hochkommen. Schneider berichtet von einer Patientin, die jüngst in Wuppertal fast an einer ordinären Blinddarmentzündung starb. "Sie hatte Wacherlebnisse einer lange zurückliegenden OP verdrängt, schwere Angststörungen entwickelt und war kaum wieder in ein Krankenhaus zu bekommen." Erst als Lebensgefahr drohte, willigte sie einer OP ein.

"Jetzt macht sie eine Psychotherapie, um das Erlebte zu verarbeiten und zur Seite legen zu können", ergänzt Schneider. Dies sei für alle Betroffenen auch noch Jahre nach dem traumatischen Erlebnis möglich. Am besten, so betonen auch die Studienautorinnen, sei es jedoch, wenn das Problem möglichst bald behandelt werde, damit sich erst gar kein chronisches Trauma entwickelt.

Andrea Barthélémy/DPA/DPA
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