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Chronische Nesselsucht: Wenn die Quaddeln immer wiederkehren

Tauchen nach sechs Wochen noch immer neue Quaddeln auf, handelt es sich um eine chronische Urtikaria. Betroffene leiden im Schnitt vier bis sechs Jahre daran.

Eine der wichtigsten Ursachen für chronische Nesselsucht ist eine Nahrungsmittelunverträglichkeit

Eine der wichtigsten Ursachen für chronische Nesselsucht ist eine Nahrungsmittelunverträglichkeit

Schätzungen zufolge leiden etwa 1,3 Prozent der europäischen Bevölkerung unter einer chronischen Nesselsucht. Sie wird insbesondere mit chronischen Entzündungen in Verbindung gebracht. Aber auch Unverträglichkeiten gegen Nahrungsmittel oder Medikamente sowie Reaktionen des Immunsystems gegen den eigenen Körper können sie auslösen. Eine chronische Nesselsucht kann täglich, wöchentlich oder in größeren Abständen auftreten.

Die Nahrungsmittelunverträglichkeiten, auch Pseudoallergien genannt, richten sich meist nicht gegen die Lebensmittel selbst, sondern gegen enthaltene Zusatzstoffe. Bei den versteckten Entzündungen spielen besonders bakterielle Infektionen eine Rolle, zum Beispiel solche, die im oberen Magen-Darm-Trakt von dem Bakterium Helicobacter pylori verursacht werden. Und wenn das Immunsystem gegen den eigenen Körper rebelliert und dadurch eine chronische Nesselsucht auslöst, sind in manchen Fällen sogenannte Auto-Antikörper verantwortlich, Eiweißstoffe, die der Körper fälschlicherweise selbst gebildet hat, und die nun die eigenen Zellen bekämpfen.

Symptome

Die Anzeichen für eine akute und eine chronische Nesselsucht sind gleich: Am Körper bilden sich Quaddeln, die unterschiedlich groß sein können, die Haut rötet sich und juckt. Es können auch größere Schwellungen entstehen, die tiefer in der Lederhaut liegen. Das nennt man Angioödem. Bei zehn Prozent aller Betroffenen tritt das Angioödem alleine auf, ohne Quaddeln. Manchen Menschen wird bei einer chronischen Urtikaria übel, was für eine Nahrungsmittelunverträglichkeit spricht, andere bekommen schlechter Luft und haben Schluckbeschwerden. Rufen Sie in so einem Fall sofort den Notarzt.

Diagnose

Eine chronische Nesselsucht erkennt der Hautarzt zunächst an den juckenden Quaddeln. Ärzte unterscheiden drei Verlaufsformen:

  • Bei einer chronisch kontinuierlichen Urtikaria treten die Quaddeln täglich auf.
  • Bei einer chronisch rezidivierenden Urtikaria liegt ein Abstand von wenigen Tagen bis zwei Wochen zwischen den Schüben.
  • Bei einer chronisch intermittierenden Urtikaria sind die Abstände zwischen den Schüben größer: Die Quaddeln machen sich alle paar Wochen bis Monate bemerkbar.

Der Mediziner macht sich dann auf die Suche nach dem Auslöser. Vielleicht hat er den Verdacht, dass die Urtikaria durch eine Nahrungsmittelunverträglichkeit ausgelöst wird. In so einem Fall reagiert der Körper mit Ausschlag auf bestimmte Zusatzstoffe in Lebensmitteln, etwa Farb-, Konservierungs- und Aromastoffe. Der Arzt würde dann zu einer Auslassdiät raten: Drei Wochen streichen Sie bestimmte Lebensmittel von Ihrem Speiseplan, darunter die meisten Fertiggerichte und Süßigkeiten, aber auch einige Gemüsesorten, Obst und Gewürze. Während der Diät führen Sie ein Symptom-Tagebuch und protokollieren die verzehrten Nahrungsmittel.

Die Provokation als Bestätigung

Verschwinden die Quaddeln, war die Diät ein Erfolg. Zur Bestätigung müssen Betroffene zum Abschluss Speisen mit besonders vielen potentiellen Auslösern essen. Diese Prozedur nennt sich Provokationstest. Reagiert der Körper mit einem Quaddelschub, ist die chronische Nesselsucht sehr wahrscheinlich von dieser Nahrung hervorgerufen worden.

Ist jedoch eine versteckte Entzündung oder eine Autoimmunreaktion der Grund für die chronische Nesselsucht, bringt die Auslassdiät nichts. Dann wird der Arzt das Blut untersuchen.

Therapie

Wenn bestimmte Nahrungsmittel oder eine Entzündung die Nesselsucht auslösen, greift die sogenannte kausale Therapie. Das bedeutet: Bei einer Unverträglichkeit meiden Sie konsequent alle Lebensmittel, in denen der Auslöser vorkommt. Wenn Sie an einer Infektion leiden, wird diese behandelt. Gegen das Magenbakterium Helicobacter pylori, das oft für Nesselsucht verantwortlich ist, hilft zum Beispiel eine Kombination aus mehreren Medikamenten.

War der Arzt trotz diverser Tests nicht in der Lage, die Ursache für die Quaddeln zu finden, kann er immerhin die Symptome behandeln. Wie bei der akuten Nesselsucht helfen moderne Antihistaminika, also Allergietabletten - meist in einer höheren Dosierung als bei einem Heuschnupfen. Ist die Nesselsucht dann immer noch nicht abgeklungen, verschreibt der Arzt noch andere Medikamente, sogenannte H2-Rezeptorenblocker oder Leukotrien-Antagonisten, die entzündungshemmend wirken.

Auch wenn die Ursache nicht gefunden wird, können die Beschwerden der chronischen Nesselsucht gut behandelt werden. Der Arzt kann etwa das Mittel Omalizumab verschreiben, das alle vier Wochen mithilfe einer Spritze verabreicht wird. Es hemmt den Mastzellaktivator IGE. 

Selten muss der Arzt noch schwerere Geschütze auffahren, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen. Das wäre zum Beispiel das Lepra-Medikament Dapson. Manchmal wird er auch Ciclosporin geben - eine Arznei aus der Transplantationsmedizin, die das Immunsystem unterdrückt.

Kortisonpräparate sind bei der chronischen Nesselsucht nur selten sinnvoll. Sie müssten über längere Zeit eingenommen werden - und das schadet dem Körper auf Dauer mehr, als es ihm nützt.

Sarah Schelp
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