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Ende der Sommerferien Anti-Corona-Strategie zum Schulstart: Das fordern führende Virologen

Schule Coronavirus: Virologen veröffentlichen Stellungnahme
In einigen Bundesländern, darunter Mecklenburg-Vorpommern, hat das neue Schuljahr bereits begonnen
© Jens Büttner / DPA
Kleine Gruppen, eine mögliche Verlängerung der Weihnachtsferien und Masken auch im Unterricht: Führende Virologen haben sich in einer Stellungnahme zum Schulbeginn geäußert und mehrere Forderungen aufgestellt. Gleichzeitig warnen sie davor, die Rolle von Kindern in der Pandemie zu unterschätzen.

Wenn die Schulen in Deutschland nach den Sommerferien wiedereröffnen, bedeutet das vor allem auch: Entlastung für die Eltern. In den vergangenen Monaten mussten sie die Kinderbetreuung oft neben Home-Office und Arbeit schultern. Ein Expertengremium der "Gesellschaft für Virologie" blickt dem Schulbeginn jedoch auch mit Sorge entgegen, wie aus einer jetzt veröffentlichten Stellungnahme hervorgeht. In dem Schreiben haben die Wissenschaftler*innen mehrere Forderungen formuliert, die weit über den Hygiene-Rahmenplan der Kultusminister-Konferenz hinausgehen. Die neueren Forderungen sollen dazu beitragen, ein mögliches Infektionsgeschehen im Schulbetrieb einzudämmen. Gleichzeitig warnt das Gremium davor, die Rolle von Kindern in der Pandemie zu unterschätzen. Unterschrieben ist die Stellungnahme von zehn Expert*innen auf dem Gebiet der Virologie, unter anderem von Christian Drosten, Deutschlands führendem Corona-Experten, und der Helmholtz-Virologin Melanie Brinkmann.

Das Schreiben offenbart die Ambivalenz des Themas: Ein funktionierender Schulbetrieb sei einerseits "unabdingbar" für das Wohlergehen der Kinder und für die Entlastung von berufstätigen Eltern, heißt es darin. Andererseits betonen die Forscher*innen, wie wichtig es ist, die Viruszirkulation in den Schulen niedrig zu halten. Das sei "eine Grundvoraussetzung" für die Eindämmung des Virus in der Gesamtgesellschaft. "Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen", heißt es in dem Schreiben. "Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen und konkrete Beobachtungen in einigen Ländern deuten darauf hin, dass die initial teilweise angenommene, minimale Rolle von Kindern in Frage gestellt werden muss."

Ein Problem früher Studien war etwa, dass sie in "Lockdown"-Situationen entstanden sind, in denen es bereits Schulschließungen gab. Auch wurde in der frühen Phase der Epidemie vor allem bei entsprechenden Symptomen getestet. Da Symptome bei Kindern allgemein eher schwächer ausgeprägt sind, könnte die Rolle von Kindern in der Pandemie zunächst unterschätzt worden sein. "Inzwischen liegt der prozentuale Anteil von Kindern an der Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland in einer Größenordnung, die dem Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung entspricht", heißt es in dem Schreiben.

Die Forderungen des Gremiums tragen neueren virologischen Erkenntnissen Rechnung, allen voran einer möglichen Aerosol-Übertragung in geschlossenen Räumen. Aerosole sind kleinste virenbehaftete Schwebestoffe, die in der Raumluft stehen. Auch fordern die Wissenschaftler*innen eine neue Test-Strategie für Schulen und eine Maskenpflicht im Unterricht. Selbst verlängerte Winterferien rücken in den Fokus. Ein Überblick.

Das fordern die Fachleute

Unterricht in kleinen Gruppen

"Je mehr Personen sich in einem geschlossenen Raum befinden und je länger die dort verbrachte Zeitspanne ist, desto grösser ist das Risiko einer Übertragung", heißt es in dem Schreiben. Um das zu vermeiden, verweisen die Wissenschaftler*innen auf einen verbesserten Luftaustausch und variable Klassengrößen, die sich abhängig von der Zahl der Neuinfektionen reduziert. Aus virologischer Sicht sollte der Unterricht in festen Kleingruppen inklusive Lehrpersonal stattfinden. Im Schulalltag sollten sich die einzelnen Gruppen möglichst wenig durchmischen.

Verlängerte Weihnachtsferien

Sollte es gegen Jahresende zu einem starken Anstieg von Neuinfektionen kommen, bei dem auch Schulen involviert sind, könnte eine Verlängerung der Weihnachtsferien zur Diskussion stehen. "Insbesondere eine Ausdehnung in das neue Jahr erscheint sinnvoll, vor allem auch, weil es über Weihnachten durch feiertagsbedingte Reisetätigkeit und Familienfeiern vermutlich zu einer weiteren Zunahme der Infektionsrisiken kommen kann." Die Maßnahme könnte nach Auffassung der Expert*innen dazu beitragen, Zeiten mit höchster Infektionsaktivität zu reduzieren. 

Masken im Unterricht

Ob Schüler im Unterricht Masken tragen sollten, wird kontrovers diskutiert. Einige Bundesländer, darunter Hamburg und Berlin, haben sich darauf geeinigt, dass Schüler die Masken im Unterricht ablegen können – auf dem Schulgelände, etwa den Fluren, soll das Tragen aber verpflichtend sein. Für Grundschüler gilt in Hamburg beispielsweise aber eine grundsätzliche Ausnahme von der Pflicht zum Maskentragen.

Aus alleiniger virologischer Sicht sollten Masken jedoch auch während des Unterrichts getragen werden, und das in allen Schuljahrgängen, heißt es in der Stellungnahme. Die Übertragung zwischen Schülern, die bereits ansteckend seien, aber (noch) keine Symptome zeigten, sei eine "reale Gefahr". Bekannt ist bereits, dass Alltagsmasken infektiöse Tröpfchen zurückhalten.

Tests auch bei milden Symptomen

Husten, Fieber, Schnupfnase: Nach Ansicht der Virolog*innen sollten auch Schüler mit leichten Erkältungssymptomen auf das Coronavirus getestet werden und bis zum Vorliegen des Ergebnisses nicht mehr zur Schule gehen. Der Grund für dieses mögliche Vorgehen: Bereits ein symptomatischer Schüler könnte ein sogenanntes Cluster, in dem es zu Mehrfachansteckungen gekommen ist, anzeigen. Schulausbrüche könnten so frühzeitig erkannt werden.

In einem Gastbeitrag für die "Zeit" hatte Christian Drosten diese Woche über die Rolle von Clustern in der Corona-Krise gesprochen. "Sie treiben die Epidemie", so der Virologe. "Während bei Einzelübertragungen die Kette mitunter abreißt, können aus einem Cluster mehrere neue Ketten starten. Das bedeutet exponentielles Wachstum." Als Cluster kämen etwa Großraumbüros, Volkshochschulkurse, aber auch Klassengemeinschaften infrage. 

Kurzzeitquarantäne

Die Virolog*innen diskutieren auch über eine neue Strategie im Kampf gegen Übertragungscluster: Wird ein Schüler oder eine Lehrkraft positiv getestet, könnte künftig der gesamte Klassenverband in eine Art "Kurzzeitquarantäne" geschickt werden, selbst wenn noch keine weiteren Testergebnisse vorliegen. Um größere Schulausbrüche zu verhindern sei eine "sofortige zumindest kurzzeitige Quarantäne des gesamten Sozialverbands erforderlich", heißt es in der Stellungnahme. Nach Ablauf eines gewissen Zeitfensters könnten die Mitglieder des möglichen Clusters "freigetestet" werden. Eine weitere Quarantäne wäre dann nicht mehr nötig.

Eine Grundvoraussetzung für diese Strategie wäre aber, dass sich die Schülergruppen in festen Klassenverbänden befinden und sich nicht durchmischen. 

Quelle:Stellungnahme der Ad-hoc-Kommission Sars-CoV-2 der Gesellschaft für Virologie


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