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Coronavirus Christian Drosten setzt auf neue Strategie, um zweite Welle ohne Lockdown zu meistern

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
© Christophe Gateau / DPA
In Deutschland steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus wieder – das Szenario einer zweiten Welle rückt näher. In einem Gastbeitrag fordert Christian Drosten einen grundlegenden Strategiewechsel, um einen zweiten Lockdown zu verhindern.

Ende Juni verabschiedete sich Christian Drosten in die mediale Sommerpause. Seitdem war es still um Deutschlands führenden Corona-Experten geworden. Nun hat sich der Virologe in einem Gastbeitrag für die "Zeit" zurückgemeldet – und fordert im Kampf gegen eine zweite Welle eine Strategie-Änderung. Ein zweiter Lockdown soll so verhindert werden.

Drostens Appell fokussiert sich im Wesentlichen auf das Erkennen und Zerschlagen sogenannter Cluster durch die Gesundheitsämter. Ein Cluster tritt auf, wenn eine infizierte Person mehrere weitere Personen mit dem Coronavirus ansteckt. "Während bei Einzelübertragungen die Kette mitunter abreißt, können aus einem Cluster mehrere neue Ketten starten. Das bedeutet exponentielles Wachstum", so der Virologe.

Die erste Welle habe Deutschland besser als andere Länder kontrollieren können, der frühe und kurze Lockdown habe zudem der Wirtschaft viel Schaden erspart, urteilte Drosten in dem Beitrag. Gleichzeitig mahnt er: "Auf diesem Erfolg dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir müssen mit der Zunahme unseres Wissens über den Erreger unsere Konzepte überarbeiten. Und wir müssen uns vor allem darauf einstellen, dass die zweite Welle eine ganz andere Dynamik haben wird." In der Zwischenzeit habe sich das Virus gleichmäßiger verteilt, "über die sozialen Schichten und die Alterskohorten hinweg."

Das habe Konsequenzen für die Verfolgung von Infektionsketten: "Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen."

Allerdings sei die Verbreitung nicht homogen - "das kann man sich zunutze machen", so Drosten. "Infektionswissenschaftler beobachten eine überraschend ungleiche Verteilung der Infektionshäufigkeit pro Patient." Einzelne, die das Virus mehrfach übertragen, erzeugen ein Cluster. "Es kommt also auf die Cluster an. Sie treiben die Epidemie."

Die Japan-Strategie

Als Beispiel für eine gelungene Anti-Cluster-Strategie nannte Drosten Japan: Das Land habe seine Bürger frühzeitig vor großen Menschenansammlungen, geschlossenen Räumen und engem Kontakt gewarnt. Auch sei das Tragen von Masken wie anderswo in Asien weit akzeptiert. "Statt viel und ungezielt zu testen, hat Japan früh darauf gesetzt, Übertragungscluster zu unterbinden", so Drosten. Auch gebe es öffentliche Listen von typischen sozialen Situationen, in denen Übertragungscluster entstünden; Gesundheitsbehörden würden in der Kontakthistorie eines positiv Getesteten zudem gezielt nach bekannten Clusterrisiken suchen.

"Japan gelang es, die erste Welle trotz einer erheblichen Zahl importierter Infektionen ohne einen Lockdown zu beherrschen", so Drosten. Er folgert daraus: "Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen durch breite Testung."

Kontakt-Tagebuch im Winter

Um einem Cluster nachzuspüren, müssen die Gesundheitsämter in der Historie des bekannten Falls suchen. "War der Patient in einem Großraumbüro tätig, feierte er mit Verwandten, während er wirklich infektiös war, also etwa seit Tag zwei vor Symptombeginn?", so Drosten. "Noch wichtiger: Wo könnte sich der Patient eine Woche vor dem Auftreten der Symptome infiziert haben – könnte das in einem Cluster geschehen sein?" Zugleich forderte er die Bürger dazu auf, in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch zu führen.

Ein Quellcluster könne laut Drosten zum Beispiel ein Großraumbüro sein, eine Fußballmannschaft oder ein Volkshochschulkurs. Auch eine Schulklasse könne ein Cluster sein, so der Virologe. Da es bei jüngeren Schülern nur einen kleinen Anteil symptomatischer Fälle gebe, könne jeder Fall eines symptomatischen Schülers ein bislang unerkanntes Cluster anzeigen. 

"Die Mitglieder eines Quellclusters müssen sofort in Heimisolierung. Viele davon könnten hochinfektiös sein, ohne es zu wissen", so Drosten. Mit Blick auf neuere Daten zur Ausscheidung des Virus riet Drosten, Mitglieder eines Clusters für die Dauer von fünf Tagen zu isolieren. "Am Ende dieser fünf Tage (und nicht vorher) testet man die Mitglieder des Clusters." Eine solche pauschale Regelung für Cluster sei "zu verkraften und allemal besser als ein ungezielter Lockdown". Die fünftägige Isolierung und Quarantäne bezeichnete Drosten als "Abklingzeit". 

Restrisiko bleibt

Drosten forderte zusätzlich ein Umdenken bei den Tests. Statt auf eine Infektion zu testen, solle auf Infektiosität getestet werden. Gängige PCR-Tests würden diese Information in Form der Viruslast liefern. "Eine niedrige Viruslast bedeutet, dass ein Patient nicht mehr ansteckend ist", so Drosten. "Würden wir uns zutrauen, aus den inzwischen vorliegenden wissenschaftlichen Daten eine Toleranzschwelle der Viruslast abzuleiten, könnten Amtsärzte diejenigen sofort aus der Abklingzeit entlassen, deren Viruslast bereits unter die Schwelle gesunken ist. Es würden wohl die allermeisten sein."

Selbst eine Beendigung der fünftägigen "Abklingzeit" sei in Krisenzeiten ohne Test denkbar, "denn die Clusterstrategie arbeitet ohnehin mit Restrisiken. Alle Beteiligten müssen akzeptieren, dass man in Krisenzeiten nicht jede Infektion verhindern kann."

Die Gesundheitsämter und das Robert Koch-Institut (RKI) seien in dieser Pandemie "sehr erfolgreich" gewesen und würden dafür den "höchsten Respekt" verdienen, so Drosten. "Die zweite Welle erfordert nun aber das Mitdenken der gesamten Bevölkerung, der Arbeitgeber und der Politik. Nehmen die Neuinfektionen plötzlich stark zu, brauchen wir einen pragmatischen Weg zum Stopp des Clusterwachstums: ohne Lockdown, dafür mit Restrisiko."

"Diesen Weg müssen alle verstehen und mittragen, auch durch Befolgen allgemeiner Maßnahmen wie Maskenpflicht und Beschränkung privater Feiern."

Quelle:Zeit 

ikr

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