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Reinigungsritual Schwitzen, reden, loslassen: Ausdampfen in einer indianischen Schwitzhütte

Schwitzhütte
Auf einem großen Naturgrundstück steht die Schwitzhütte unscheinbar im Schutz der Nadelbäume. Sie wird von Zweigen getragen, Decken halten die Hitze im Inneren.
© privat
Seit Monaten leben wir unter isolierten Bedingungen, Corona zwingt uns Masken zu tragen und Abstand zu halten. Kann eine nackte Sitzung in einer indianischen Schwitzhütte vielleicht helfen, das Leben wieder ins Lot zu bringen?

Ich bin auf dem Weg in ein niedersächsisches Dorf in der Nähe von Lüneburg. Die Blätter sind noch grün an den Bäumen entlang der Landstraßen, in ein paar Tagen werden sie bunt sein. Alles verändert sich, auch bei mir. Die Zeit an der Uni ist vorbei, der Job gefunden, aber eine große Fragen steht im Raum: "Was will das Leben eigentlich von mir?" Vielleicht eine irrsinnige Frage, aber sie ist hartnäckig. Und vermutlich ist sie auch der Grund, warum ich neulich "Ja" sagte, als ich gefragt wurde, ob ich an einem Schwitzhüttenritual teilnehmen möchte. "Warum nicht?", dachte ich. Eine Frage, die zumindest keine Gegenfrage kennt.

Einige Stunden später hocke ich nackt in einer Hütte, in der man gerade aufrecht sitzen kann. Ein Gerüst aus Weidenruten hält sie zusammen, darüber stapeln sich schwere Wolldecken in mehreren Lagen. Vor der Schwitzhütte wird ein Feuer am Lodern gehalten, das Knistern erreicht uns im Inneren. Dort sind wir, zehn Menschen in einem Kreis. Jeder hat seinen Platz in dieser Runde, die meisten werden ihn in den nächsten vier Stunden nicht verlassen.

Es wird heiß

Eine "Feuerfrau" bringt glühende Steine aus den Flammen in die Hütte, einige in der Runde begrüßen sie mit Worten oder einem tiefen Gemurmel. Dann schließt sich die "Pforte", Decken verhüllen den Eingang und es ist dunkel. Sehr dunkel. Ich höre die anderen nur noch, höre, wie Wasser und Kräuter auf die Steine gegeben werden, fühle den Dampf hochsteigen. Und es wird heiß.

Der Mann, der uns durch diese Erfahrung führt, heißt Lars. Er hat ein freundliches, ehrliches Gesicht, seine Stimme klingt ruhig und gleichmäßig im Dunkeln der Hütte. Lars arbeitet nebenher als Koch, er lebt auf dem Grundstück zusammen mit seiner Frau. Gemeinsam haben sie ein altes Haus saniert, das lange Zeit leer stand – beide scheinen sich hier einen Traum zu erfüllen. 

Vier Himmelsrichtungen, vier Lebensphasen

Es gibt vier Durchgänge in der Schwitzhütte, die den vier Himmelsrichtungen gewidmet sind. Der Süden steht für die Kindheit, der Norden für die erwachsene Klarheit, der Westen ist dem Jugendalter und dem Loslassen gewidmet und der Osten schließlich symbolisiert das Empfangen und den Neubeginn. Nach jeder Runde werden die Decken am Eingang angehoben und es kommt Luft hinein.

Lars lädt uns ein, Gebete zu sprechen – in Dankbarkeit für die schönen Erinnerungen aus unserer Kindheit. Ich weiß nicht, an wen wir diese Gebete richten, niemand hier erwähnt einen Gott. Aber ich spreche mit, erzähle von meinen Eltern, meiner Oma und meiner besten Freundin, die neben mir wohnte. Erzähle von der Freiheit meiner Kindheit und dem Gefühl, innig geliebt zu werden. Ich höre meine Stimme in der Dunkelheit, unsere Gebete reihen sich aneinander, werden zu einem Ganzen. Und wenn ich am Anfang noch zaghaft im Reden war, ist die Scheu bald vergessen. Dieser Raum ist auf eine wunderbare Weise urteilsfrei, die Dunkelheit macht mich unbeschwert und mutig.

Klare Gedanken in der Schwitzhütte

Das Öffnen des Eingangs ist jedes Mal wie eine Erlösung. Seit ich denken kann, verabscheue ich Hitze, selbst der norddeutsche Sommer ist mir jedes Jahr zu warm. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass ich mich auf den Weg zu diesem Ort gemacht habe, um nun stark schwitzend im Dunkeln zu sitzen. Die Frage nach dem „Warum“ kann ich eigentlich nicht beantworten – während ich allerdings meinen Kopf immer wieder auf die feuchte Erde drücke, um wenigstens etwas Luft zu bekommen, stellt sie sich mehrfach.

Schwitzhütte
Einige Stunden glühen die Steine im offenen Feuer, bevor sie in die Schwitzhütte getragen werden.
© privat

Die Hitze ist fast unerträglich. Sie führt jedoch dazu, dass sich meine Gedanken klären. Wenn ich spreche, fließen die Sätze einfach heraus: Ich habe schlichtweg keine Energie, meine Worte abzuwägen, sie umzustellen und zu überdenken. Ich gebe sie ab an den dunklen Raum, an die Präsenz der anderen, an die glühenden Steine. Ich gebe sie ab und fühle mich leichter.

Die Fremden neben mir

Es überrascht mich, wie natürlich es sich anfühlt, meine persönlichsten Erfahrungen und Ängste mit diesen vollkommen fremden Menschen zu teilen. Die meisten von ihnen sind deutlich älter als ich, sie haben andere Leben geführt, jeder hat seine eigenen Kämpfe ausgefochten und Glücksmomente erfahren. Und doch merke ich in diesem Moment, dass mir kein Mensch fremd sein muss. Dass wir im Grunde die gleichen Ängste teilen, dass wir alle uns Liebe und ein Leben in Frieden wünschen.

Mit dem Gefühl tiefer Verbundenheit krieche ich nach vier Stunden auf allen Vieren aus der Hütte. Gras klebt überall an meinem Körper, vermutlich auch in meinem Gesicht. Wie ich aussehe, kann ich nur ahnen. Im Licht des Feuers sehe ich die lächelnden Gesichter und zerzausten Frisuren der anderen und denke, dass wir vielleicht noch nie authentischer wirkten.

Schwitzen und loslassen

Die Schwitzhütte scheint in diese Zeit zu passen, in der sich immer mehr Menschen nach innerer Ruhe und Einkehr sehnen. Der Zustand liegt irgendwo zwischen Wachsein und Träumen, zwischen Meditation und Ekstase. In der Hitze tauchen Gedanken und Gefühle auf, die im Alltag schnell verdrängt werden. Sie ist unnachgiebig und ehrlich. 

In diesen Stunden wirkt es fast absurd, dass wir einander seit Monaten kaum noch umarmen, dass wir Masken tragen und unsere Großeltern nich besuchen dürfen. Und doch das ist das die Realität, die wir annehmen müssen. Unsere Gebete erzählen manchmal von dieser ungewöhnlichen Zeit, von Gefühlen der Isoliertheit und einer gesellschaftlichen Spaltung. Und wenn auch die Hütte diese Probleme nicht lösen wird, so hat sie uns doch einen Raum gegeben, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen – manch einer konnte sie vielleicht sogar loslassen. 


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