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Coronavirus An die Maschine oder nicht? Das Für und Wider der Beatmungstherapie

Beatmen - oder lieber nicht? Diese Frage stellen sich viele Ärzte und Patienten.
Beatmen - oder lieber nicht? Diese Frage stellen sich viele Ärzte und Patienten.
© Jochen Tack/ / Picture Alliance
Beatmungsgeräte gelten in der Corona-Krise als essenziell für die Behandlung von Patienten. Gleichzeitig birgt die Therapieform eine Reihe von Nebenwirkungen. Was bedeutet das für Patienten und Ärzte?

Die Diskussion darüber, wer beatmet werden sollte und wer nicht, flammt in der Corona-Krise immer wieder auf. Die Sorge ist weiterhin groß, dass Beatmungsplätze in den Krankenhäusern knapp werden könnten, wenn sich die Ausbreitung beschleunigt. Auch aus diesem Grund haben Fachgesellschaften Empfehlungen für Ärzte herausgegeben, was im Notfall als Kriterium herangezogen werden darf - und was nicht. Experten raten Risikopatienten, schon vorher anzusetzen.

Das Corona-Virus, aber auch die Behandlung kann sich bei Menschen ganz unterschiedlich auswirken. "Eine Gebrauchsanweisung für alle Fälle kann es nicht geben", sagt Guido Michels. Er ist Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin am St. Antonius-Hospital in Eschweiler. Jeder Einzelfall müsse für sich bewertet werden. Was Michels damit meint, wird deutlich beim Blick auf schwere Krankheitsverläufe.

Wenn das Virus eine schwere Lungenentzündung auslöst, gelangt unter Umständen durch die Entzündung zu wenig Sauerstoff ins Blut. Patienten werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. Das birgt Risiken. Über die Schläuche etwa kann zusätzlich zu der Viruserkrankung eine bakterielle Infektion in der Lunge entstehen. Eine zweite Lungenentzündung sozusagen. Das Risiko ist höher bei Patienten, deren Körper durch Vorerkrankungen ohnehin geschwächt sind.

Beatmungsgeräte sind kein Garant fürs Überleben

Zudem kann durch zu viel Druck im Rahmen der Beatmung die Lungenstruktur platzen. Auch der hohe Sauerstoffanteil, mit dem die Patienten beatmet werden, könnte das Lungengewebe schädigen. Die Muskulatur des Zwerchfells, der Hauptatemmuskel, kann sich abbauen. "Alle Komplikationen beziehungsweise Nebenwirkungen der maschinellen Beatmung sind mit einer erhöhten Mortalität assoziiert", sagt Michels. Mit Beginn der künstlichen Beatmung müsse darum direkt auch die Entwöhnung bedacht werden.

Das Deutsche Ärzteblatt berichtet unter Berufung auf eine britische Studie, dass nur jeder dritte Patient, der in Großbritannien auf der Intensivstation beatmet wurde, lebend entlassen werden konnte. Auch andere Studien zeigen, dass die Beatmungsgeräte längst kein Garant für Überleben sind. Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Die Entscheidung darüber, ob Risiken oder Nutzen überwiegen, sei nicht schwarz-weiß, sagt Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Empfehlungen der Fachgesellschaften dürften nur als Hintergrundinformation für die Diskussion im Einzelfall dienen - und nicht "als Check-Liste". Schlussendlich entscheide der Arzt, welche Therapie er anbiete und welche nicht.

"Viele wollen jetzt nicht über Tod und Sterben nachdenken"

Eine Behandlungsmöglichkeit ist laut Frank Heimann, Vorsitzender des Bundesverbands der Pneumologen und Schlaf- und Beatmungsmediziner, auch die nicht-invasive Beatmung. "Das wird unter den Beatmungsspezialisten diskutiert. Die Gefahr, die Lunge zu schädigen, ist bei dieser Methode geringer." Diese Form der Beatmung sei allerdings mit einem höheren Personalaufwand verbunden, weil der Patient häufig wach sei. Manche befürchteten auch mehr Tröpfchenproduktion und dadurch eine größere Ansteckungsgefahr.

"Für Corona ist die nötige Datengrundlage, um verlässliche Aussagen treffen zu können, gerade erst im Entstehen", sagt Heimann. In der Behandlung spielten darum derzeit die Erfahrungen des Beatmungsteams sowie die verfügbaren Ressourcen eine besonders große Rolle.

Radbruch rät Menschen und besonders Risikopatienten dazu, sich im Voraus Gedanken darüber zu mache, was sie sich in der akuten Situation wünschen und ob sie beatmet werden wollen. Zum Beispiel mithilfe einer Patientenverfügung oder eines Notfallbogens. Der legt fest, welche Behandlungen im Notfall vorzunehmen sind und welche nicht. Radbruch beobachtet häufig Widerstand gegen diese Auseinandersetzung in Seniorenheimen: "Viele wollen jetzt nicht über Tod und Sterben nachdenken."

Angst vor der Luftnot

"Wenn man so einen Notfallplan hätte, wäre das eine große Hilfestellung in den Kliniken", sagt Michels. Der Notfallmediziner schlägt darum vor, dass regionale Palliativnetzwerke gemeinsam mit Senioren- und Pflegeheimen diese Notfallpläne entwickelten. Für jeden Bewohner könne so geklärt werden, wie im konkreten Ernstfall vorgegangen werden soll. Menschen, die zum Beispiel nicht beatmet werden wollen, könnten dann palliativ versorgt werden.

Corona-Patienten, die keine Aussicht mehr auf eine Heilung haben, litten vor allem unter Luftnot, sagt Radbruch. "Das löst oft Angst aus." Hinzu kämen Verwirrtheit, Unruhe und Husten, teilweise Durchfall. Manche Patienten klagen über Muskelschmerzen, "wie bei einer starken Grippe, wo einem der ganze Körper wehtut". 

In der palliativen Versorgung wird mit Morphin gegen die Beschwerden vorgegangen. Die Patienten spüren dann keine Luftnot mehr. Beatmungspatienten im Krankenhaus würden mit Medikamenten in einem künstlichen Koma gehalten und verspürten ebenfalls keine Luftnot. "Ersticken muss in Krankenhäusern niemand. Und auch in den Pflegeheimen nicht", versichert Michels. 

Radbruch hat sich bei einzelnen Pflegeheimen erkundigt, wie mit Corona erkrankte Menschen dort gestorben sind. Sie seien nicht erstickt, habe man ihm berichtet. Anders könne das bei Menschen sein, die nicht medizinisch versorgt würden und zum Beispiel zuhause sterben.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wünschen sich Menschen vor allem schmerzfrei, gut versorgt, nah am Gewohnten, sozial eingebunden und selbstbestimmt zu sterben. Die Befragung wurde im Rahmen der Studie "Auf ein Sterbenswort" durchgeführt, die am 23. April veröffentlicht werden soll.

Diese Wünsche kennt auch Radbruch aus seiner Arbeit. Er leitet das Zentrum für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus in Bonn sowie die Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Dort dürfen Menschen, die im Sterben liegen, unbegrenzt Besuch empfangen. So habe es auch die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin für die Corona-Patienten auf den Intensivstationen empfohlen - unter Einhaltung der Schutzvorkehrungen. "Wichtig ist vor allem, dass man den Menschen die Chance gibt, vorher zu äußern, was sie sich für den Notfall wünschen", sagt Radbruch. 

Anne Pollmann/DPA/cf

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