HOME

Corona-Epidemie: Grafik zeigt, warum Kontaktsperren gegen Covid-19 so wichtig sind

Mindestens 1,5 Meter Abstand halten und Kontakte außerhalb der Familie meiden: Muss die strenge Kontaktsperre wegen des Coronavirus wirklich sein? Ja, sagen Forscher der Max-Planck-Gesellschaft - sie zeigt demnach bereits erste Erfolge.

Kontaktsperre gegen Covid-19

Freunde treffen in Zeiten von Corona? Das geht - aber bitte nur virtuell

dpa

Großveranstaltungen fallen weg, der Familienbesuch zu Ostern auch und vor die Tür darf man nur aus triftigem Grund: Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus in Deutschland bedeuten große Einschnitte für die Bevölkerung. Doch angesichts steigender Fallzahlen dürfte bei einigen Menschen die Frage nach der Sinnhaftigkeit der strengen Vorgaben aufkommen. Stand heute - 9. April - gibt es in Deutschland 113.000 nachgewiesene Infektionen.

Dennoch gibt es erste Anzeichen, dass die strengen Vorgaben Wirkung zeigen. So hat sich der Zeitraum, in dem sich die Fallzahlen verdoppeln, im Laufe der vergangenen Woche deutlich verlängert und liegt nun bei rund 16 Tagen. Je länger dieser Zeitraum andauert, desto besser, denn ein steigender Verdopplungswert deutet auf eine entschleunigte Ausbreitung des Erregers hin.

Auch Forscher der deutschen Max-Planck-Gesellschaft (MPI) haben errechnet, wie effektiv die aktuellen Anti-Corona-Maßnahmen sind. Auf Basis einer Modellrechnung sind sie zu dem Schluss gekommen: Die getroffenen Maßnahmen wirken - auch wenn die Fallzahlen aktuell noch steigen. Demnach hat vor allem die seit dem 22. März geltende Kontaktsperre die Ausbreitung des Virus enorm ausgebremst. 

In Deutschland wurde das öffentliche Leben im Laufe des März in drei Schritten zurückgefahren. Damit ging die Bundesregierung einen etwas schonenderen Weg als beispielsweise China, das die besonders stark betroffene Region Hubei praktisch von heute auf morgen abriegelte.

Die Einzelmaßnahmen im Überblick: 

  • 8. März: Erste Einschnitte bei öffentlichen Großveranstaltungen, Fußballspiele finden ohne Zuschauer statt
  • 16. März: Schulen und Kindergärten werden geschlossen, ebenso wie viele Geschäfte
  • 22. März: Per Beschluss der Bundesregierung werden die Bürgerinnen und Bürger angehalten, Kontakte zu anderen Menschen außerhalb des eigenen Hausstands "auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren". In der Öffentlichkeit sollen Menschen einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten. Gastronomiebetriebe werden geschlossen. (Die vollständigen Maßnahmen können Sie hier noch einmal nachlesen)

Die MPI-Forscher errechneten, wie sich die einzelnen Maßnahmen voraussichtlich auf die Zahl der Neuinfektionen ausgewirkt haben und zeichneten die unterschiedlichen Entwicklungen in einer Grafik nach (siehe Grafik unten). Ohne jegliche Maßnahmen wäre die Zahl der Neuinfektionen demnach stark angestiegen (grauer Strich). Die Einschränkungen bei Großveranstaltungen und die Schließung von Kitas und Schulen flachten die Kurve laut MPI-Berechnung deutlich ab. Doch erst die Kontaktsperre brachte demnach die erhoffte Trendwende: Laut Modell führt sie dazu, dass die Anzahl an Neuinfektionen absinkt.

"Wir sehen eine klare Wirkung der Kontaktsperre vom 22. März, und natürlich den Beitrag von jeder einzelnen Person", sagt Viola Priesemann, Forschungsgruppen-Leiterin am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. "Unsere Gesellschaft kann wirklich stolz darauf sein, dass sie diese Wende geschafft hat." Die Zahl der Neu-Infektionen wachse in Deutschland seit dem vergangenen Wochenende deutlich langsamer.

Dabei ist zu beachten: Modellrechnungen sind keine exakte Wissenschaft und unterliegen gewissen statistischen Schwankungen. Sie sind auch keine Prognose, sondern zeigen mögliche Szenarien auf, die unter bestimmten Voraussetzungen auf Basis von Berechnungen wahrscheinlich eintreffen. Bezogen auf die aktuelle Situation bedeutet das: Es müssen sich auch wirklich alle Menschen an die Kontaktsperre halten, damit die Berechnung nicht auf falschen Annahmen beruht.

200.000 Corona-Fälle ohne Maßnahmen

Die Forscher haben ebenfalls ein Worst-Case-Szenario entwickelt. "Unsere Modellrechnung zeigt, dass wir inzwischen rund 200.000 bestätigte Infektionen hätten, wenn es etwa bei den milden Beschränkungen vom 8. März geblieben wäre, ganz zu schweigen davon, wenn es gar keine Maßnahmen gegeben hätte", so Priesemann.

Auch wenn die Berechnungen positive Signale senden - ein Grund zur Entwarnung sind sie nicht. "Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden, sind wir wieder ganz am Anfang", sagt Viola Priesemann. "Wir sehen ganz klar: Die Fallzahlen in zwei Wochen hängen von unserem Verhalten jetzt ab." Der Notbetrieb muss laut Berechnung der Forscher daher noch etwa zwei Wochen anhalten, in denen soziale Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden.

Lockerung in zwei Wochen?

Werden die Regeln in den kommenden zwei Wochen weiterhin befolgt, könnte es laut MPI im besten Szenario nur noch wenige Hundert Neuinfektionen am Tag geben. Dies könnte dazu führen, dass die Virus-Eindämmung wieder in die Phase des sogenannten Containments eintritt: Kontaktpersonen von Infizierten können aufgespürt und gezielt isoliert werden. "Vorsicht" sei dann zwar immer noch geboten, so Priesemann, "aber hoffentlich mit deutlicher weniger Einschränkungen".

Infektion bei Hund und Katze: Wie gehe ich mit meinem Haustier um?

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich in der Corona-Krise zuletzt vorsichtig optimistisch. Nach Ostern sollen die Ministerpräsidenten der Länder zusammenkommen, um über eine Lockerung einzelner Anti-Corona-Maßnahmen zu beraten. Weitgehende Lockerungen lehnte Spahn jedoch zunächst ab. Auch was die Infektionszahlen angehe, zeigte er sich hoffnungsvoll: Er sei vorsichtig optimistisch, dass der jetzt zu erwartende Gipfel bei der Zahl der Infektionen nicht zu groß sein werde.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte zuletzt jedoch vor einer zu frühen Lockerung der Maßnahmen in Europa - die Lage sei nach wie vor "besorgniserregend".

Quellen: Max-Planck-Gesellschaft / Johns-Hopkins-University

ikr

Wissenscommunity