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Covid-19-Pandemie Arzt fleht Patienten an: "Kommt gerade jetzt nicht mit jedem Scheiß in die Notaufnahme"

Arzt in der Notaufnahme
Schon im Normalfall stoßen Ärzte bei 24-Stunden-Diensten und in der Notaufnahme an ihre Grenzen (Symbolbild)
© upixa/iStock / Getty Images
Mittlerweile hat selbst die Bundeskanzlerin dazu aufgerufen, wann immer möglich zuhause zu bleiben. Trotzdem bevölkern kerngesunde Menschen die Notaufnahmen. Ein Arzt sagt: Das kann so nicht weiter gehen. 

Die größte Sorge einiger junger Menschen ist derzeit, sich zuhause zu langweilen. Moritz'* größte Sorge ist, während seiner Arbeit Patienten an dem Coronavirus sterben zu sehen. Eigentlich ist Moritz Augenarzt an einer Universitätsklinik. Er rechnet aber schon jetzt damit, dass er bald Patienten mit dem Coronavirus untersuchen muss. Denn im Notfall – und der trifft sehr wahrscheinlich ein – müssen alle Ärzte mithelfen. Zu seinem Job gehören 24-Stunden-Schichten, in denen er nachts in der Notaufnahme arbeitet. Vor den kommenden Wochen graut es ihm. Schon im Normalzustand schlafen die Ärzte während einer 24-Stunden-Schicht wenig bis gar nicht. Mit etwas Glück vier Stunden, sagt Moritz. Daran hat er sich gewöhnt. An was er sich nicht gewöhnen kann und will, sind Patienten, die mit unwichtigen Kleinigkeiten die Notaufnahme belasten. Den Ort, der gerade in den kommenden Wochen überlebenswichtig sein könnte.

Dass in die Notaufnahme nicht immer nur Notfälle kommen, kennen die Ärzte schon. "Aber ich dachte wenigstens jetzt, wenn selbst die Regierung darum bittet, das Haus nur für die dringlichsten Dinge zu verlassen, würde es besser werden", sagt Moritz.

Seine Stimme am Telefon klingt wütend, aber auch ein bisschen hilflos. "Ich kann es einfach nicht verstehen. Wir haben es doch jetzt schon so oft erklärt. Die Medien erklären es, die Politiker erklären es, das Krankenhauspersonal erklärt es: Bitte bleibt, wenn möglich, zuhause. Damit sind auch Routine-Untersuchungen beim Arzt gemeint oder Patienten, die mit absoluten Lächerlichkeiten die Notaufnahmen belasten."

Patienten mit Shampoo im Auge und Juckreiz im Genitalbereich

In seinem vergangenen 24-Stunden-Dienst kam zu Moritz eine Frau mit Shampoo im Auge. Ein andermal eine Patientin mit einem eingewachsenen Haar in der Augenbraue. 

"In den Dienst eines Kollegen eines anderen Fachbereichs ist mitten in der Nacht ein Pärchen mit Juckreiz im Genitalbereich gekommen", sagt Moritz. "Die Notaufnahme ist aber nicht für irgendwelche Problemchen gedacht, sondern für Notfälle. Gerade jetzt." 

Das Problem: Erkranken zu viele Menschen zeitgleich an dem Coronavirus, wird das kein Krankenhauspersonal in Deutschland stemmen können. Ärzte wie Moritz betonen, dass auch Menschen, die keine Symptome haben, infiziert sein können, ohne es zu merken. Sitzen diese Menschen in Wartezimmern, könnten sie womöglich Risikopatienten anstecken.  Doch anstatt Rücksicht zu nehmen und sich umsichtig und solidarisch zu verhalten, sind nicht nur die Innenstädte, sondern auch die Arztpraxen und Krankenhäuser weiterhin gut besucht – oft wegen Lappalien wie einem juckenden Augenlid.   

Desinfektionsmittelspender im Krankenhaus wurden abgeschraubt und mitgenommen

Moritz' Vorschlag an Patienten, die unsicher sind, ob sie etwas Ernstes haben könnten, lautet: Erst einmal abwarten. Einige Beschwerden würden sich schon nach wenigen Stunden von alleine bessern. "Wenn mitten in der Nacht jemand zu mir kommt und sagt, er wäre mit dem Gesicht auf dem Arm liegend aufgewacht und hätte schlecht sehen können – im Dunkeln – aber jetzt sei es schon wieder gut, weiß ich auch nicht weiter." 

Patienten, die mit vermeidbaren Untersuchungen die Kliniken belasten, rät er, von sich aus abzusagen. Denn viele Ärzte hätten dazu noch nicht die Erlaubnis erhalten. Daher finden in den Krankenhäusern noch immer zeitunkritische Kontrollen und Operationen statt. Und er hat noch eine andere Bitte: "Die Zeit, die jetzt auf das Personal zukommt, ist schwer genug. Die Patienten sollten nicht nur an sich denken. Einige haben in der Klinik sogar unsere Desinfektionsmittelspender aus den Toiletten abgeschraubt und mit nach Hause genommen. Andere kommen wegen einer bestimmten Untersuchung und schnauzen uns dann an, warum wir sie nicht auf das Coronavirus testen. Wieder andere erklären uns Ärzten, dass alles mit Corona nur Panikmache sei. Aber ich kann allen, die Zweifel haben, versichern: Das ist keine Panikmache. Wir können nur hoffen, dass die Patienten mitdenken. Nehmt Corona ernst und kommt gerade jetzt nicht mit jedem Scheiß in die Notaufnahme."

*Moritz heißt eigentlich anders. Sein vollständiger Name ist der Redaktion bekannt. 


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