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Appell: Diese Menschen sind Corona-Risikopatienten – und sie fordern: Bleibt zu Hause!

Sie wollen leben, haben schon mehrfach um ihr Leben kämpfen müssen.  Sie sind chronisch krank oder alt. Für sie alle ist das Virus besonders gefährlich. Im stern sprechen Menschen, die zur Corona-Risikogruppe gehören. Mit einem eindringlichen Appell. 

Von Anette Lache

Mandy Geierhos, 45, IT-Consultant, und Isabelle, 9, Schülerin, aus Friedberg in Bayern

Mandy Geierhos und ihre Tochter Isabelle

Mandy Geierhos, 45, IT-Consultant, und Isabelle, 9, Schülerin, aus Friedberg in Bayern

"Ich habe im Moment definitiv Angst um unsere Tochter. Noch viel mehr als sonst. Isabelle ist mit einem schweren Herzfehler zur Welt gekommen, sie hat nur eine Herzkammer, die rechte. Sie hat drei schwere Operationen am offenen Herzen hinter sich, war dabei an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Der Herzfehler konnte durch die Eingriffe soweit korrigiert werden, dass sie leben kann. Infektionen können für sie tödlich sein, egal ob sie eine Grippe oder Scharlach bekommt oder sich mit Corona infiziert. Wenn irgend etwas kursiert, haben wir sie schon immer zu Hause gelassen oder noch mehr aufgepasst und desinfiziert. So leben wir seit mehr als neun Jahren. Trotzdem empfinden wir das Corona-Virus als besonders bedrohlich. Auch, weil es noch keinen Impfstoff gibt. Schon kurz bevor die Schulen in Bayern geschlossen wurden, haben wir unsere Tochter aus der Schule genommen, sie wurde glücklicherweise unbürokratisch freigestellt, weil sie zur Risikogruppe gehört. Sie ist seither zu Hause. Und ich arbeite jetzt im Homeoffice und gehe nur noch zum Einkaufen raus. 

Isabelle hat ein Herz gemalt

Die neunjährige hat ihren Appell auf ein Herz gemalt: "Danke, dass ihr für mich zu Hause bleibt."

Auch wenn ich Isabelle nicht mitnehme in den Supermarkt, riskant für sie ist es trotzdem: Dort sieht ja niemand, dass ich ein Kind habe, das der Risikogruppe angehört. Die Leute rücken einem auf die Pelle, sie halten den Abstand nicht ein, der so wichtig wäre. Sie husten einen an - statt zu Hause zu bleiben. Sie niesen in die Hand und fassen dann in die Gemüsekiste oder an die Käsepackungen. Schon am Desinfektionsgerät am Eingang laufen viele einfach vorbei, es interessiert sie nicht, dass dort vielleicht auch Menschen einkaufen, die zur Risikogruppe gehören oder Angehörige haben, die besonders gefährdet sind. Das macht meinen Mann und mich wütend.  Wir fühlen uns in die Enge gedrängt, wir müssen auch wegen dieser Ignoranz und Gedankenlosigkeit noch mehr aufpassen.

Und ich habe auch wirklich Angst davor, dass bei Kindern wie Isabelle Herz-OPs irgendwann nicht mehr stattfinden können, weil in den Krankenhäusern gar nicht mehr alle Menschen versorgt werden können. Dass diese Kinder deshalb sterben könnten. Es ist ein Albtraum.

Die Leute sollten endlich ihr Hirn einschalten und merken, dass sie andere mit ihrem Verhalten extrem gefährden, die Zahl der Erkrankten immer schneller anwachsen lassen. Die Ausgangsbeschränkung in Bayern halte ich deshalb für richtig, es geht offenbar nicht anders. Leider. Ich würde mir mehr Solidarität mit Familien wie uns wünschen. Ich kann nur sagen: Bleibt zu Hause. Auch für uns."

Die Risikogruppe

Die Risikogruppe

Das Robert-Koch-Institut warnt fast täglich: Schwere Krankheitsverläufe werden vor allem in der Corona-Risikogruppe beobachtet. So zählen allein sieben Millionen Menschen mit Diabetes mellitus zu den durch das Virus besonders Gefährdeten. Und auch die 300 000 bis 500 000 Kinder und Erwachsene mit angeborenem Herzfehler, die laut Bundesverband Herzkranke Kinder e.V. in Deutschland leben.


Zu den Menschen mit einem höheren Risiko für einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf gehören laut Institut:

  • Ältere. Das Risiko steigt ab 50 bis 60 Jahren stetig an. 
  • Menschen mit Grunderkrankungen wie zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Atmungssystems, der Leber und der Niere sowie Krebserkrankungen. Und zwar unabhängig vom Alter.
  • Ältere mit einer oder mehreren Grunderkrankungen. Das Risiko ist für sie ist noch höher, als wenn nur ein Faktor (Alter oder Grunderkrankung vorliegt)
  • Menschen mit unterdrücktem Immunsystem (etwa aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht, oder wegen Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr unterdrücken, wie zum Beispiel Cortison). 
Getty Images

Samantha Rebholz, 25, Verwaltungsfachangestellte, aus Hessigheim in Baden-Württemberg

"Vor vier Jahren wurde ich lungentransplantiert, ich muss seither Immunsuppressiva nehmen, damit meine Lunge nicht abgestoßen wird. Das hat zur Folge, dass mein Immunsystem runtergedrückt ist, ich wesentlich anfälliger bin für Infekte. Manchmal reicht schon, dass jemand in meiner Nähe einen leichten Schnupfen oder Husten hat und ich stecke mich an. Meine Grunderkrankung ist Mukoviszidose. Ich gehöre auf jeden Fall zur Risikogruppe, wenn nicht gar zur Hochrisikogruppe. Wenn ich mich mit dem Corona-Virus infizieren und eine Lungenentzündung bekommen würde, dann wäre ich wahrscheinlich auf ein Intensivbett angewiesen.

Es gibt so viele Menschen, die zur Risikogruppe gehören, auch Diabetiker, Herzkranke, Krebspatienten. Und trotzdem laufen die Leute draußen herum und husten in die Gegend, niesen in die Hand und fassen dann an die Türklinken, die wir ja auch anfassen müssen. Leute, die das Virus womöglich in sich tragen. Man kann sich leider überhaupt nicht darauf verlassen, dass sich in dieser Krise alle verantwortungsbewusst verhalten. Offenbar nehmen einige diese Seuche immer noch nicht ernst genug und haben nicht auf dem Schirm, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Vor ein paar Tagen noch habe ich eine Gruppe von acht Jugendlichen beim Biertrinken gesehen. So etwas regt mich auf.

Ich habe für mich die Konsequenzen gezogen. Ich gehe noch spazieren, alles andere erledigt meine Familie für mich. Mein Freund bleibt auch weg, um mich nicht zu gefährden.  Er arbeitet im Krankenhaus. Wir leben im Internetzeitalter, man ist ja nicht isoliert, nur weil man nicht in Cafés und Kneipen sitzen kann. Man kann mit seinen Freunden auch skypen, über Facetime, WhatsApp oder Mail kommunizieren.

Ich würde mir wünschen, dass alle möglichst oft zu Hause bleiben,  damit der Spuk möglichst rasch vorbei ist. Nicht nur uns mit dem höheren Risiko für einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf wäre damit geholfen."

Samantha Rebholz hat Mukoviszidose. Ihr wurde deshalb eine Lunge transplantiert

Samantha Rebholz hat Mukoviszidose. Ihr wurde deshalb eine Lunge transplantiert

Dr. Egon Hohenberger, 68, Arzt und Notfallmediziner aus Querfurt in Sachsen-Anhalt

"Ich gehöre auch zur Risikogruppe. Ich bin knapp 70, habe Herz-Kreislauf-Probleme und seit mehr als 25 Jahren Diabetes.  Bei meinen Vorerkrankungen kann das Virus einfach leichter angreifen. Da kann es entscheidend sein, ob jemand nur einen halben Meter weit weg von mir steht oder zweieinhalb Meter, und die Leute sich auch ansonsten an die Regeln halten.

Ich bin seit fünf Jahren in Rente, arbeite aber noch mehrmals im Monat als Notfallmediziner. Bis Ostern habe ich erst einmal alle Dienste ausgesetzt. Zum Selbstschutz. Und an den Stadtratssitzungen werde ich ebenfalls nicht mehr teilnehmen. 

Was mir besonders schwer fällt, ist, dass ich meine Enkel nicht zu mir nehmen kann. Meine Tochter könnte meine Unterstützung gebrauchen. Sie weiß nicht, wo sie hin soll mit den Kindern, nachdem Kita und Schule geschlossen sind.  Aber weil ich zur Risikogruppe gehöre, hat sie entschieden, mir die Kinder nicht nach Querfurt zu bringen. Die Entscheidung ist richtig.

Wenn ich jetzt auf Facebook Kommentare lese wie "Haltet die Klappe in der Politik" oder "Panikmache", dann ärgert mich das. Es müsste eigentlich selbstverständlich sein, die Kontakte draußen auf ein Minimum zu reduzieren, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Die Vorgaben von Seiten der Politik werden uns ja nicht gemacht, um uns zu ärgern, sondern haben einen extrem ernsten Hintergrund. Und deshalb sollten sich auch alle an die Regeln halten, sie nicht ignorieren oder versuchen zu umgehen. Für Menschen wie mich, die Vorerkrankungen haben, kann das überlebenswichtig sein. Das sollten die Leute bedenken.

Wahrscheinlich wird man diejenigen, die die Vorgaben ignorieren oder unterlaufen, am Ende nur über drastische Geldstrafen erreichen. Vielleicht wachen sie dann endlich auf."

Dr. Egon Hohenberger

Egon Hohenberger ist Diabetiker und leidet an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung

Daniel Kaltenecker, 35, Fleischereifachverkäufer aus München

"Als ich vor knapp drei Jahren an Leukämie erkrankt bin, musste mein Körper einige heftige Kämpfe mit den Inhaltsstoffen der Chemotherapie austragen. Dadurch ist mein Immunsystem immer noch stark geschwächt und anfälliger für Bakterien und Viren.  Ganz schlecht wäre es, jetzt eine Lungenentzündung zu bekommen, sie wäre im schlimmsten Fall tödlich für mich.

Durch die Corona-Epidemie bin ich soweit verunsichert, dass ich die Wohnung eigentlich gar nicht mehr verlassen möchte. Ich gehe nur noch vor die Türe, wenn ich zum Arzt muss oder meine Lebensmittelvorräte ausgegangen sind. Man kann ja im Moment nicht normal einkaufen, weil offenbar jeder denkt, er muss für die nächsten acht Jahre Klopapier und Nudel einkaufen. Die Supermärkte sind überfüllt, die Schlangen an den Kassen lang. Die Menschen halten den so wichtigen Abstand nicht ein. Eine Schutzmaske wäre toll, aber die bekommt man nirgendwo mehr. Weil sich die Leute, die sie eigentlich nicht brauchen, damit eingedeckt haben. Und immungeschwächte Menschen wie ich stehen ohne da.

Ich würde mir wünschen, dass die Leute endlich das machen, was ihnen gesagt wird. Dass sie nur rausgehen, wenn es wirklich sein muss. Dass sie Abstand halten. Denn damit schützen sie nicht nur sich selbst, sondern auch Menschen wie mich mit einer Vorerkrankung. Ich möchte nicht immer weiter eingesperrt bleiben, nur weil die Leute unvorsichtig sind, sich nicht an die Regeln halten. Und das ist doch auch unsere einzige Chance, dass die Zahl der Kranken nicht ins Unermessliche steigt. Wenn unser Krankenhaussystem abstürzt, weil es irgendwann viel mehr Kranke gibt als Ärzte und Pfleger, dann werden immer mehr Menschen in Lebensgefahr geraten. Ich mag Angela Merkel nicht, aber sie hat eine gute Ansprache gehalten, und auch sie hat gesagt:  Bleiben sie zu Hause.  

Die Leute, die alles ignorieren, meinen, alles besser zu wissen, sollten endlich mal anfangen nachzudenken."

Daniel Kaltenecker kämpfte gegen Leukämie. Bis heute ist sein Immunsystem geschwächt

Daniel Kaltenecker kämpfte gegen Leukämie. Bis heute ist sein Immunsystem geschwächt

Kenth Joite, 29, berentet, und seine Frau Jacqueline, 23, Sozialversicherungsfachangestellte, aus Steinenbronn bei Stuttgart

"Ich lebe mit nur einem halben Herzen. Man nennt meinen Herzfehler DORV – Double Outlet Right Ventricle. Ich bin so auf die Welt gekommen. Ich war in meinem Leben schon unzählige Male im Krankenhaus, so auch vor kurzem wieder. Ich hatte wieder einen Eingriff an der Lunge, weil ich ständig Blut gehustet habe. Das alles ist die Folge meiner Grunderkrankung. Auch meine Frau Jacqueline gehört zu den Menschen, für die das Corona-Virus sehr gefährlich ist. Sie hat Mukoviszidose, einer Stoffwechselerkrankung, die Lunge und Organe schädigt. Wir sind beide zur Zeit ziemlich eingeschränkt, Freunde und Verwandte kaufen für uns ein, verpackte Lebensmittel. Wir haben das Glück, dass wir in der aktuellen Situation so gut wie gar nicht raus müssen. Nur mit dem Hund sind wir noch unterwegs. Ich arbeite normalerweise ehrenamtlich für einen Rettungsdienst, demnächst wollte ich mich in einem Projekt des Bundesverbandes Herzkranke Kinder e.V. engagieren. Das ruht jetzt alles erst mal. Meine Frau und ich haben keine Panik, aber wir sind sehr, sehr vorsichtig geworden.

Joite Kenth und seine Frau Jacqueline gehören beide zur Risikogruppe

Joite Kenth und seine Frau Jacqueline gehören beide zur Risikogruppe

In Baden-Württemberg, wo wir leben, gibt es besonders viele Corona-Fälle. Trotzdem haben wir in letzter Zeit immer noch Jugendliche auf dem Bolzplatz oder Kinder auf dem Spielplatz gesehen. Und als ich vor zwei Wochen noch selbst im Supermarkt gewesen bin, kloppten sich die Leute ums Klopapier, drängelten vor den Kassen und husteten quer durch den Laden.  Und sie tatschten auch Obst und Salat an und legten dann die Sachen wieder zurück in die Kisten. Mit diesem fahrlässigen Handeln gefährden sie nicht nur ältere Menschen, sondern eben auch jüngere mit schweren chronischen Erkrankungen. 


Für Menschen wie uns wäre es wichtig, dass die Leute möglichst viel zu Hause bleiben und Abstand halten, wenn sie rausgehen. Ich würde mir wünschen, dass sich alle an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, an die Regeln und Verbote halten, die Lage endlich ernst nehmen. Sie ist nämlich ernst. Und ich habe eigentliche keine Lust, mein Leben durch leichtsinnige, gedankenlose Leute noch mehr gefährden zu lassen."

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