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Video von Mai Thi Nguyen-Kim: Wie lange dauert die Krise? Youtuberin erklärt: "Corona geht gerade erst los"

Schon jetzt wird darüber diskutiert, wann die Ausgangsbeschränkungen wieder gelockert werden. Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erklärt in einem Video, wie lange das Coronavirus uns noch beschäftigen wird und warnt: "Wir brauchen viel Ausdauer."

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Ein Land, ja nahezu die ganze Welt im Ausnahmezustand: Schulen und Kitas sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, auch die Grenzen sind zu. Von sozialen Kontakten wird nicht mehr nur abgeraten, sie sind sogar zu einem Großteil verboten. Schon jetzt fragen sich viele, wie lange das so weitergehen soll und kann. Wie lange dauert die Corona-Krise noch? Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim gibt in einem Video auf Youtube schon im Titel die Antwort: "Corona geht gerade erst los."

In dem Video erklärt Nguyen-Kim, unter welchen Umständen die Coronavirus-Pandemie zumindest in Deutschland enden könnte, wie lange das dauern würde und welche Maßnahmen dafür nötig sind. Der 22 Minuten lange, wissenschaftlich fundierte Monolog wurde von Millionen Usern angesehen.

Nguyen-Kim, die auf ihrem Youtube-Kanal maiLab fast 700.000 Abonnenten regelmäßig wissenschaftliche Zusammenhänge erklärt und außerdem die WDR-Wissenssendung "Quarks" moderiert, macht in dem Video wenig Hoffnung auf eine baldige Normalisierung der Lage. "Ich fürchte, wir brauchen noch etwas Ausdauer. Ziemlich viel Ausdauer", sagt sie.

Coronavirus nur durch Herdenimmunität oder Impfstoff besiegbar

Anhand wissenschaftlicher Studien und Modellierungen zeigt die Journalistin und Chemikerin, wie schwierig es ist, die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen oder den Ausbruch des Virus zum Erliegen zu bringen. Für eine weitgehende Immunität in der Bevölkerung müssten sich 60 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Virus infizieren. Der Infizierungszeitraum muss hier aber über längere Zeit verteilt werden, um nicht das Gesundheitssystem mit zu vielen Schwererkrankten zu überlasten – das mittlerweile allgemein bekannte Abflachen der Kurve also.

Dabei handelt es sich bereits um die zweite Phase im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus, erklärt Nguyen-Kim. Phase eins war die versuchte Eindämmung des Coronavirus, zum Beispiel mit der Nachverfolgung von Infektionsketten und dem Isolieren von Infizierten. Dafür hat sich das Virus mittlerweile aber zu weit verteilt. Nun gehe es darum, Maßnahmen zu treffen, die Zahl der Infizierten vorerst gering zu halten – zum Beispiel mit sozialer Isolation. Das diese aber bereits nach Ostern wieder aufgehoben werden könnte, hält Nguyen-Kim für "realitätsferne Fantasie".

Wissenschaftsjournalistin Nguyen zum Coronavirus: "Es ist ein Marathon"

Und sie rechnet vor, warum. Entscheidend ist die Reproduktionszahl – also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter ansteckt. Hinzu kommt die Zahl der verfügbaren Intensivbetten, also die Kapazität des Gesundheitssystems. Mithilfe eines Onlinerechners zeigt Nguyen-Kim, dass die Reproduktionszahl zwischen 1,25 und 1,1 liegen müsste, damit die Krankenhäuser die Erkrankten auffangen können. Normalerweise geht man beim Coronavirus von einer Reproduktionszahl zwischen 2 und 3 aus. Vertraut man diesem Modell, sagt Nguyen-Kim, müssten die aktuellen Maßnahmen deutlich länger als ein Jahr aufrechterhalten werden: "Das geht nicht", dieser Plan sei "nicht durchhaltbar".

Die Alternative liege nun darin, die Zahl der Infizierten so weit zu drücken, dass eine Rückkehr zu Phase eins möglich ist: Die Infektionsketten müssen sich wieder nachvollziehen lassen, Infizierte müssen gezielt in Quarantäne gehen. Das reine Abflachen würde zu lange dauern, meint Nguyen-Kim und stellt ihre Zuschauer darauf ein, dass auch dann die Epidemie noch lange nicht überwunden ist: "Wir kommen damit lediglich in einen Zustand, mit dem sowohl unser Gesundheitssystem als auch unsere Wirtschaft funktionieren können. Also in einen Zustand, in dem wir so lange ausharren können, bis die Epidemie vorbei ist."

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"Es gibt keine Praxis, in der wir eine Herdenimmunität von 60 bis 70 Prozent erreichen könnten, ohne dass dabei unvorstellbare Schäden entstehen", sagt Nguyen-Kim. Die Epidemie werde erst mit einem Impfstoff enden, dessen Entwicklung aber noch mindestens ein Jahr dauern dürfte. Keine rosigen Aussichten also, die die Wissenschaftsjournalistin da ausmalt. Und dennoch macht Mai Thi Nguyen-Kim Mut zum Durchhalten: "Es ist ein Marathon. Aber ich kann auch nicht verstehen, wie Menschen 42 Kilometer laufen können – und trotzdem schaffen sie es."

epp

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