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Rachel Clarke Sie wird "Satan" oder "Hitler" genannt: Ärztin berichtet von Beleidigungen durch Corona-Leugner

Coronavirus-Leugner: Ärztin wird als "Satan" und "Hitler" beleidigt
Krankenschwestern kümmern sich auf einer Intensivstation in London um einen Patienten, der sich mit dem Coronavirus infizierte
© Victoria Jones / PA Wire / DPA
In der Corona-Pandemie gehört Rachel Clarke zu denen, die an vorderster Front gegen das Virus kämpfen. Dafür sieht sich die englische Ärztin und Autorin oft Anfeindungen ausgesetzt.

In der Corona-Krise wird dem Gesundheitspersonal so viel öffentliche Wertschätzung entgegengebracht wie wohl noch nie zuvor. Auch wenn sich das nicht immer in guten Arbeitsbedingungen und angemessener Bezahlung zeigt – zumindest drücken Bürger und Politiker ihren Dank und ihre Anerkennung aus. Doch viele Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte kennen auch die Kehrseite: schlechte Behandlung, Verachtung, Beleidigungen. Auch und gerade während sie alles tun, um in der Pandemie so viele Leben zu retten wie möglich.

Von diesen Erlebnissen hat die englische Ärztin Rachel Clarke berichtet. Clarke arbeitet in einem Krankenhaus in Oxford und hat gerade ein Buch über ihre Erfahrungen im britischen Gesundheitssystem während der Pandemie veröffentlicht. Darin beschreibt sie auch, wie sie von Corona-Leugnern und Kritikern der Maßnahmen auf das Übelste beschimpft wurde – vor allem in den sozialen Netzwerken. "Ich wurde Hitler, Shipman (Harold Shipman war ein englischer Arzt und Serienmörder, Anm. d. Red.), Satan oder Mengele genannt", schreibt sie in einem Text für die englische Tageszeitung "The Guardian".

Ärztinnen bekommen Vergewaltigungs- und Morddrohungen

Clarke hat mehr als 180.000 Follower auf Twitter und ist dort seit Beginn der Pandemie sehr aktiv, um die User vor den Auswirkungen des Virus zu warnen. Dadurch zieht sie jedoch auch viel Kritik von sogenannten "Corona-Skeptikern" auf sich. Sie werfen ihr vor, bezahlt zu werden, um die Öffentlichkeit anzulügen. Andere Kolleginnen hätten Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhalten, berichtet Clarke. 

Yael Adler und Krankenhaus-Symbolbild

Die Ärztin stellt einen deutlichen Unterschied zu der Situation im Frühjahr des vergangenen Jahres fest. Damals habe eine andere Stimmung geherrscht, schreibt sie im "Guardian": "Während der ersten Welle wusste ich, dass die Öffentlichkeit hinter uns steht. Jetzt wirst du als Ärztin zur Zielscheibe." Sie wisse zwar, dass es sich dabei nur um eine kleine Minderheit handele. Gefühlt aber handele es sich bei den Usern, die das Gesundheitspersonal online beleidigen und bedrohen, um eine "Armee".

Coronavirus: Gesundheitspersonal erlebt Schicksale hautnah

Warum ihr und ihren Kollegen so viel Hass entgegenschlägt, ist für die Ärztin klar: "Wir sind nicht die Zeugen der Statistik, sondern der Menschen." Wo andere nur Infektionszahlen und Inzidenzen in den Medien sehen, erlebt Clarke täglich mit, wie Menschen gegen das Virus um ihr Leben kämpfen – und diesen Kampf nur allzu oft auch verlieren. "Wir machen aus der ungreifbaren Dimension der Hunderttausenden Toten Mütter, Väter, Schwestern und Brüder."

Die Dreistigkeit der Corona-Leugner kennt kaum Grenzen und beschränkt sich längst nicht nur auf den Diskurs im Internet. Auch im Alltag und an ihrem Arbeitsplatz müssen sich Mediziner damit auseinandersetzen. Am Silvesterabend versammelten sich Menschen vor einem Krankenhaus in London und skandierten: "Covid ist eine Lüge". Kürzlich stürmte eine Gruppe von Corona-Leugnern die Intensivstation eines englischen Krankenhauses, um einen schwer erkrankten Patienten mitzunehmen. Auch dort wurde das Personal beleidigt. In Deutschland machen Ärztinnen und Ärzte ähnliche Erfahrungen. Die Essener Notärztin Carola Holzner, die in den sozialen Medien als "Doc Caro" vor Corona warnt, berichtet ebenfalls von Morddrohungen.

Rachel Clarke will trotzdem weitermachen. Ende Januar ist ihr Buch "Breathtaking: Inside the NHS in a Time of Pandemic" in England erschienen, sie gibt Interviews und twittert neben ihrer Arbeit im Krankenhaus. Und auch ihre Kolleginnen und Kollegen fordert sie eindringlich auf, nicht klein beizugeben: "Die Wahrheit über die Zustände in unseren Krankenhäusern muss berichtet werden", schreibt sie. "Wenn wir ein paar Unwahrheiten widerlegen können, wenn wir den Ansturm der Falschinformationen verlangsamen, müssen wir vielleicht in Zukunft nicht mehr so  viele Hände von sterbenden Menschen halten."

Quellen: "Guardian" / "Ärztezeitung"

epp

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