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Handel mit Körperteilen: Jim Rogers gründete Discounter des Organhandels - und wurde zum Multi-Millionär

Wer seinen toten Körper spendet, hilft der Wissenschaft und spart Beerdigungskosten. Doch Firmen wie Science Care machen Gewinn mit den Toten. Sie scheuen sich nicht, Todkranke im Hospiz anzuwerben.

Science Care führte standardisierte und zertifizierte Umgangsweisen mit den Leichenteilen ein (Symbolfoto).

Science Care führte standardisierte und zertifizierte Umgangsweisen mit den Leichenteilen ein (Symbolfoto).

Auf 55 Seiten definierte die Firma Science Care im Jahr 2008 einen aggressiven Expansionsplan. Effiziente Rohstoffausbeute und Ertragssteigerung sollten die Firma groß machen. Es ging aber nicht um Erzabbau, sondern um den Verkauf von menschlichen Leichen. Der Firmengründer Jim Rogers verdiente Millionen an Science Care. Und 2016 verkauften die Gründer ihr Unternehmen an eine milliardenschwere Private-Equity-Firma - der Kaufpreis ist unbekannt. Aber den wichtigsten Vermögenswert der Firma kennt man: Es sind schriftliche Bestätigungen von mehr als 100.000 Personen, dass sie ihre Körper nach den Tod an Science Care spenden werden.
Jim Rogers erfand ein System, um potenzielle Spender zu überzeugen. Zugleich führte er industrielle Standards ein, nach denen Science Care den Umgang mit Leichenteilen organisierte. Das war eine Art von Perfektion, wie sie der Leichenhandel zuvor nicht kannte. Science-Care-Gründer Jim Rogers hatte ein direktes Vorbild in Sachen Qualitätssicherung und Effizienz: McDonald's. "Es ging um Qualität", sagte Qualitätssicherungsdirektor John Cover in einem Interview. "Wenn du einen Big Mac bekommst, schmeckt er wie ein Big Mac, egal ob du in Louisiana oder San Francisco bist." In einer Folge der Serie "The Body Trade" zeichnet Reuters Investigativ den Aufstieg von Science Care nach.

Die Halswirbelsäule kostet 300 Dollar, den Vorderarm mit Hand und Ellbogen gibt es für 250 Dollar.

Die Halswirbelsäule kostet 300 Dollar, den Vorderarm mit Hand und Ellbogen gibt es für 250 Dollar.

Neuer Markt entdeckt

Mit ihrem Body-McDonalds-Imperium stießen die Gründer in eine Marktlücke. Der Markt der Organspenden, in dem es um Transplantationsorgane geht, ist streng reguliert. Für die Frage der Körperspenden zu wissenschaftlichen oder medizinischen Zwecken gibt es dagegen kaum Regularien. Einmal gespendet, kann der Körper beliebig verwertet werden. Der Trick von Science Care Inc. bestand darin, mit aggressiven Vertretermethoden den Markt der Körperspende aufzumischen, in dem es zuvor recht betulich zuging.

Den Spendern wird suggeriert, mit ihrer Spende dem wissenschaftlichen Fortschritt zu dienen. "Wir haben diese romantische Idee, dass die Welt besser wird, wenn wir unseren Körper spenden", sagte der Rechtsexperte Ray Madoff zu Reuters. "Sie sehen nicht, wie Firmen diese Körper benutzen, um ihren Profit zu steigern."

Die Reuters-Reporter sprachen auch mit der Angehörigen Gail Williams-Sears. Die Krankenschwester sagte ihnen, weder sie noch ihr Vater wussten, dass die Firma vor allem auf Gewinn aus ist. "Ich erinnere mich an nichts in dem Schreiben, was verriet, dass sie den Körper verkaufen würden", sagte sie. "Ich dachte, sein Körper würde für die Forschung genutzt und nicht um Gewinn zu machen."

Gail Williams-Sears ahnte nicht, dass der Körper ihres Vaters industriell verwertet würde.

Gail Williams-Sears ahnte nicht, dass der Körper ihres Vaters industriell verwertet würde.

Der Rohstoff muss gesichert werden

Laut Gründer Rogers ist die Beschaffung der Körper "der Motor des gesamten Unternehmens": Während Universitäten darauf warten, dass Menschen ihren Körper spenden, hat das Unternehmen ein Netz von Beziehungen zu Bestattungsunternehmen, Hospizen und Krankenhäusern aufgebaut – um so Angehörige und Kranke gezielt ansprechen zu können.

Der Lohn der Arbeit: Science Care sammelte im Jahr 2016 von Spendern 5000 Körper ein - mit steigender Tendenz. Da das Unternehmen systematisch die Einwilligungen von Lebenden sammelt, baut sich langsam eine gewaltige Spenderbasis auf. Staatliche Einrichtungen bemerken bereits den Rückgang an Körperspenden. Science Care fischt den Markt leer.

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Dabei geht die Firma rechtlich korrekt und medizinisch sauber vor. Unsauber wirkt allein, wie die Spender über den Tisch gezogen werden. "Die Familien wissen einfach nicht, dass ein Körper einen ungeheuren Wert hat", sagte Rob Montemorra, ehemaligen Leiter der Abteilung für Betrug im Gesundheitswesen des FBIs. "Da verdient jeder Geld, außer den Menschen, die das Rohmaterial liefern."

"Unser Geschäft baut auf persönlichen Beziehungen", sagte der Gründer Rogers. "Ich fand heraus, welche Bestattungsunternehmen und Hospizen, welche Sozialarbeiter und welche Geistlichen in einem Büro im Flur eines großen Krankenhauses für uns empfänglich sind."

Spenden spart Geld

Die Ansprache von Kranken und Angehörigen ist streng geregelt. Sie werden auf zwei Ebenen bearbeitet. Zuerst kommt der Altruismus: Die Spende kommt der medizinischen Wissenschaft und so letzten Endes auch anderen Kranken zugute. Die zweite Argumentationsebene ist pragmatischer: Die gute Tat spart der Familie viel Geld. In den USA kostet eine normale Beerdigung etwa 7000 Dollar. Auch wenn das Geld vorhanden ist, kann es bei einer Spende besser genutzt werden, etwa für die Ausbildung eines Enkels.

Sind die Betroffenen arm, ist die kostenlose Beseitigung des Leichnams eine große Erleichterung. In vielen Orten der USA gibt es so etwas wie ein staatliches Armenbegräbnis nicht. Die Leichen werden dann Ewigkeiten gekühlt, während die Gemeinde versucht, irgendwo einen entfernten Verwandten aufzustöbern, der die Kosten übernehmen könnte. Science Care hingegen lässt die ungenutzten Körperreste einäschern und übergibt danach die Urne kostenfrei an die Familie.

Hospize sind eine Goldgrube

Kevin Lowbrera ist ein ehemaliger Angestellter, der Spender überzeugen sollte. Sein bestes Jagdrevier waren Hospize. "Wir wussten, dass ein Hospiz für uns eine Geldmaschine ist", sagte Lowbrera. "Das sind Menschen am Rande des Todes. Nach der finanziellen Belastung durch die Pflege am Lebensende sind sie dankbar für eine Alternative wegen der Beerdigung."

Die Körperernte funktioniert aber auch über eine Zusammenarbeit mit Bestattungsunternehmen. Merkt der Bestatter, dass eine Familie sich keine Beerdigung leisten kann, bringt er die Körperspende ins Spiel. Die kostenlose Einäscherung senkt die Kosten des Begräbnisses, zudem erhält der Bestatter eine Provision.

Eine typische Spenderin im Wartestand ist die Rentnerin LouJean McLendon - alt, krank und mit geringem Einkommen. Als der Händler ihr Auto wegen ausstehender Zahlungen zurückforderte, verabschiedete sie sich von der Idee einer Begräbnisversicherung. Für McLendon macht die Körperspende Sinn. "Es ist eine Tatsache, dass es mich nichts kostet", sagte McLendon zu Reuters. "Wer kann mir etwas Besseres bieten?"

Auf die Idee hat sie eine Freundin gebracht. Trotz der anrüchigen Geschäftsidee hat Science Care zufriedene Kunden. In einer Erklärung sagte Gründer Rogers, dass inzwischen die meisten Spender von Freunden und Familie weiterempfohlen werden.

Ein komplettes Bein bringt 1300 Dollar, ein Hand nur 250.

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Über 6000 Dollar Erlös pro Leiche

Im Plan von 2008 gibt es eine detaillierte Kostenkalkulation. Damals erlöste jeder Körper 6.392 Dollar und versprach einen Reingewinn von 677,55 Dollar pro Leiche. Der Nettoertrag pro Spender soll sich seitdem gesteigert haben. Ein Problem bleibt für Science Care: Inzwischen tummeln sich andere aggressive Firmen in diesem Markt. Im September 2009 verließen drei Top-Angestellte die Firma, um ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Inzwischen ist die Abspaltung ein großer Mitbewerber. Im folgenden Rechtsstreit gab der Anwalt der drei Manager unumwunden zu: "Das Geschäft, menschliches Körpergewebe zu vermitteln, ist einfach sehr lukrativ."

Die ganze Geschichte gibt es hier auf Englisch: The Body Trade. Cashing in on the donated dead. How an American company made a fortune selling bodies donated to science. John Schiffman und Brian Grow