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Eckart von Hirschhausen: Warum Bewegung glücklich macht

Die deutsche Sprache braucht ein positives Gegenstück zum Teufelskreis, findet Eckart von Hirschhausen. Sein Vorschlag: Glücksspirale. Das Wort beschreibt die wunderbaren Erfahrungen von Menschen, die mit regelmäßigem Sport anfangen.

Von Eckart von Hirschhausen

"Tief bewegt sein ist was Schönes, besser ist sich selbst bewegen." Wolf Biermann

Als ich den Autor des Bestsellers "Die Glücksformel", Stefan Klein, einmal im persönlichen Gespräch fragte, was er denn nach Kenntnis der gesamten Studien zum Thema Glück an seinem eigenen Leben geändert habe, antwortete er: "Ich beweg mich mehr!" Das hat mich überzeugt. Überhaupt bin ich davon überzeugt, dass tief in mir drin ein Marathonläufer schläft. Allerdings sehr fest. Eigentlich bin ich sehr sportlich, ich komm nur so selten dazu. Also praktisch die vergangenen 20 Jahre jetzt nicht so konkret, war einfach keine Zeit dafür. Aber im Kern bin ich immer noch der Sportler, der ich vor 20 Jahren streng genommen auch schon nicht war. Dabei hatte ich als Kind bereits die optimale Voraussetzung zum Bewegungskünstler. Ich bekam orthopädisches Turnen verordnet und Einlagen. Denn ich litt unter Plattfüßen. So wie meine gesamte Geschwisterschar. So meinte es jedenfalls der Orthopäde per Blickdiagnose festzustellen.

Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind immer fasziniert war von diesem kleinen dicken Mann, der eingeklemmt in einem Sessel mit Rollen saß und mit einem Geschick, das jahrelange Übung verriet, mit einmal den Fuß am Boden abstieß, von seinem Schreibtisch direkt zur Untersuchungsliege rollte und zu stehen kam. Also der Sessel, nicht etwa er. Dann schaute er zwei Sekunden auf unsere gesammelten Füße, murmelte "ja, damüssenwanochmawasmitEinlagen..." und glitt mitten in diesem Satz mit einem Satz - oder besser gesagt mit einem Rollkommando - wieder zum Schreibtisch, ohne irgendeinen Muskel oberhalb des Unterschenkels für diese zwei Meter Wegstrecke unnötig belastet zu haben. Obwohl ich als Kind natürlich noch nicht wusste, wie man Facharzt für Orthopädie wird, hatte ich intuitiv erfasst, dass dies unmöglich ein Fachmann für den Bewegungsapparat sein konnte.

Böse Zungen behaupten, wenn jeder Deutsche sich nur zehn Minuten morgens etwas dehnen, strecken und muskulär wecken würde, könnte man mindestens die Hälfte der Rückenschmerzen und Orthopäden in die Tonne kloppen. Aber wer will das schon? Der große Haken an allen Appellen, seinen Arsch hochzubekommen, ist: Er macht sich so gern breit. Wenn man nicht ausgerechnet in den Spiegel schaut, bekommt man das eine ganze Weile gar nicht so mit. Lange vor der Verkalkung der Herzkranzgefäße steht die Gesäßverkalkung. Der Harvard-Dozent Tal Ben-Shahar hat eine sehr einleuchtende Theorie dafür, wann man sein Verhalten ändert: wenn das Ziel attraktiv ist und der Weg dahin. Spaß ohne Ziel wird fade, Ziele ohne Spaß auch. Auch kein nachgeplappertes "Der Weg ist das Ziel" macht es, sondern die Mischung. Denn etwas, was einen nicht auch im Tun glücklich sein lässt, lässt man ganz schnell wieder sein. Der Psychologe und Philosoph Ben- Shahar hat dafür eine sehr schöne Metapher. Er trainierte für einen Athletikwettkampf und ernährte sich in dieser Zeit bewusst gesund. Aber er versprach sich in der Zeit der Askese: Wenn der Wettkampf vorbei ist, gehe ich in mein liebstes Hamburger-Restaurant und esse so viele Burger, wie ich kann. Er machte das Rennen, ging am nächsten Tag zum Fast-Food-Provider und merkte dort, direkt vor der Kasse, dass er eigentlich gar keine Lust darauf hatte, so etwas wieder zu essen.

Regelmäßig Sport treiben ist reine Gewöhnungssache

Warum gibt es eigentlich im Deutschen kein Gegenstück zum Teufelskreis? Dass eine schlechte Angewohnheit zur nächsten negativen Erfahrung führt - dafür haben wir ein häufig verwendetes Wort. Und jeder weiß auch, wie schwer es ist, aus dem Teufelskreis auszusteigen. Dahinter steckt einfach, dass wir Gewohnheitstiere sind, und das hat mit dem Teufel gar nicht so viel zu tun. Die gleiche Beharrlichkeit können wir auch mit positiven Eigenschaften an den Tag legen. Nur gibt es dafür noch keinen etablierten Begriff. Mein Vorschlag lautet: Glücksspirale. Fängt jemand an, sich regelmäßig zu bewegen, wird ihn die neue Tätigkeit die ersten Tage kaum Überwindung kosten, denn die Motivation ist ja noch hoch. Dann meldet sich der innere Schweinehund deutlicher, aber sind nach drei Wochen die neuen Muster gelernt, wird er in seine Schranken gewiesen. Dann muss der neue Sportler seinen Körper nicht mehr zwingen, laufen zu gehen, denn der fordert es von allein ein. Er freut sich darauf, kommt wie ein Hund mit wedelndem Schwanz an die Haustür und will raus (der Vergleich hinkt heftig, aber Sie wissen hoffentlich, was gemeint ist). Mit dem Einüben des Laufens passieren andere wundersame Dinge. Ein Freund, der seit Jahren geraucht hatte, erzählte mir völlig überrascht, dass er durch das Joggen komplett das Bedürfnis verlor, sich eine Zigarette anzuzünden. Er musste es sich nicht abgewöhnen, er hörte auf, ohne es groß zu bemerken. Von ganz allein. Ein Effekt der Glücksspirale.

Dafür muss das Laufen an sich aber schon Freude machen. Ich habe nie verstanden, wie Menschen ernsthaft über Kilometer im Auto fahren können, um dann in einem Fitnessstudio auf ein Laufband zu gehen, auf einen Apparat, der dafür sorgt, jedes Fortkommen zu verhindern, während man sich die Seele aus dem Leib läuft. Seltsam seelenlos. Und so absurd. Vor allem, wenn die Geräte auch noch vor einer Wand stehen, sodass es aus der Warte eines Unbeteiligten so aussieht, als würde der Betroffene - oder wie nennt man Leute, die so etwas machen? Der Schweiß-Betropfende geht auch - nichts sehnlicher erstreben, als direkt gegen die Wand zu laufen, indes der fahrbare Untergrund ihn daran hindert. Statt selbst aufs Laufband zu gehen, hatte ich laufend die Fantasie, was wohl Außerirdische denken würden, wenn sie aus Versehen in einem Fitnessstudio landen würden.

Männer laufen Marathon, weil sie keine Kinder kriegen können

Genug intellektuell distanziert; ich laufe nämlich gern. In Berlin. Um den Schlachtensee. Denn dort gibt es keine Abkürzung. Und deshalb läuft man da automatisch die Runde zu Ende. So wie um die Hamburger Alster, nur kürzer. Ein Gruß an die Leser in Köln, Österreich und in der Schweiz. Ihr habt sicher auch Eure Lieblingslaufstrecke - aber den Schlachtensee habt ihr nicht. Da wurden schon ganze Schweinehunde geschlachtet. In Runden. Am Stück und eben nicht in Scheiben. "In meinem Blut werfen die Endorphine Blasen", singt Judith Holofernes von der Band Wir sind Helden in ihrem Song "Nur ein Wort" - in grober Verkennung der medizinischen Grundlagen. Als Mutter sollte sie wissen, dass der Körper beim Platzen der Fruchtblase unter der Geburt Endorphine ausschüttet, um mit körpereigenem Rausch den Schmerz erträglich zu machen, aber auch dann mehr im Hirn als im Blut. Weil Männer keine Kinder kriegen können, laufen sie Marathon. Und lange bevor Endorphine im Blut Blasen werfen, tut das die Haut an der Achillesferse. So viel zu hohlen Holofernes-Versen.

Das "Runner's High" ist ein Mythos, der viel bewegt hat. Ein ungeahntes Glücksgefühl nach 30 Kilometern wird einem versprochen. Das Fiese daran: Man muss die 30 Kilometer am Stück laufen. Ich hab es mit Salamitaktik probiert - von Glücksrausch keine Spur. Die Geburt eigener Kinder und ein Marathon verschaffen starke Glücksmomente. Hinterher. Währenddessen würde man als Außenstehender das nicht vermuten, allein schon wegen des Gesichtsausdrucks. Dabei geht es einem im Kopf beim Laufen eigentlich gut - man kommt ja sonst zu nix. Laufen und gleichzeitig Sorgen machen, das geht schlecht. Auch Telefonieren ist unvorteilhaft, höchstens auf Nummern, wo zurückgestöhnt wird. Aber dann doch lieber eigene Runden drehen als Warteschleifen. Wer laufend an etwas denken muss, geht am besten Laufen, da hört das auf. "The best way to still your mind is to move your body", sagt die geniale New Yorker Tanzlehrerin Gabrielle Roth. Wenn du zur Ruhe kommen willst, beweg dich.

So wenig wie man beim Sex den Sinn des Lebens infrage stellt, ist auch Sport an sich schon geil und befreiend zugleich. Kein Grübeln, keine To-do-Liste außer: weiterlaufen! Ein Läuferspruch lautet: "Es ist egal, wie oft du aufgibst, solange deine Beine weiterlaufen." Irgendwann sind die Beine auf Autopilot und melden ans Großhirn "det läuft" - worauf sich dieses mit Freude in einen mentalen Kurzurlaub verabschiedet und runterfährt. Nelson Mandela wusste in der Gefangenschaft von der Wichtigkeit der Bewegung aus tiefster Erfahrung. "Sport lässt Anspannung verschwinden, und Anspannung ist der größte Feind der Seelenruhe." Uns ist der afrikanische Weg zur Seelenruhe durch Laufen wahrscheinlich auch näher als der asiatische des Stillsitzens. Und nicht nur, weil wir nackt lieber wie ein schwarzer Läufer aussehen würden als wie ein bleicher Buddha mit Bauchansatz. Laufen ist Meditation. Zum Laufen braucht man keinen Kopf, das hat Klaus Störtebeker eindrücklich genug bewiesen.

Sport wirkt antidepressiv

Wer öfter läuft, dem wachsen sogar neue Hirnzellen. Körperliches Training erzeugt nachweislich ein natürliches Antidepressivum, das "VGF nerve growth factor inducible protein" - also eine Art Dünger für den Kopfsalat. Wer läuft, findet übrigens auch im Alter leichter nach Hause, denn VGF schützt vor Alzheimer und anderen Formen des mentalen Abbaus. Auf welchen Wegen Sport der Seele auf die Sprünge hilft, darüber streiten sich die Gelehrten noch: über die Erwärmung des Körpers, die Endorphine, den Botenstoff Serotonin oder schlicht über das wachsende Selbstwertgefühl? Im schlimmsten Fall trifft alles zu! Fest steht, dass Sport antidepressiv wirksam ist. Selbstwirksam. Denn sobald ich mich bewege, habe ich das Gefühl: Wenn ich will, kann ich etwas bewegen. Und wenn ich es selbst bin. Depression ist gelernte Hilflosigkeit. Hunde, die ohne Grund Stromstöße bekommen und ihnen in ihrem Käfig nicht ausweichen können, ergeben sich ganz schnell in ihr Schicksal. Selbst wenn sie dann eine Bewegungsmöglichkeit bekommen, bleiben sie in ihrem Käfig hocken - denn sie haben gelernt, dass das Leben ohnehin keinen Sinn hat. Depressive bewegen sich wenig. Keine Lust zu irgendwas. Dabei gibt es kein Medikament, das so unmittelbar die Stimmung heben kann, wie selbst ins Schwitzen zu kommen. Und ich meine jetzt nicht die Sauna. "Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen", sagt der geschätzte Kabarettkollege Horst Evers. Wenn Muskeln weinen, lacht das Hirn!

Bei leichten Depressionen sind Bewegung und Licht genauso wirksam wie Medikamente und auf der Couch auf Besserung warten - vor allem sind die Nebenwirkungen der Aktivität erwünscht. In der Zeit, als es noch keine Medikamente gab, hatten die alten psychiatrischen Kliniken oft eine Landwirtschaft angegliedert, in der jeder nach Kräften mithelfen musste. Als es endlich spezielle Antidepressiva gab, wurden die "Verwahranstalten" geschlossen und in den 1960er Jahren oft in "hochmoderne" Krankenhäuser umgewandelt. Es schossen Betonsilos aus dem Boden und der Fortschritt über das Ziel hinaus. Man meinte, den Körper völlig ausblenden zu können, wenn Psychotherapie und Tabletten nur gut eingesetzt würden. So ist der Bewegungsmangel auf psychiatrischen Stationen an vielen Stellen bis heute ein großes Problem, das oft durch Personalmangel noch verschärft wird. Dabei könnten viele Kliniken sofort ihre Behandlungserfolge deutlich verbessern, wenn sie ab und an den Fahrstuhl sperren ließen und jeder die Treppe benutzen müsste.

Die VGF-Forscher wollen jetzt Medikamente entwickeln, die genauso stimmungsaufhellend sein sollen wie Bewegung. Denn fieserweise sind Mäuse, die sich nicht bewegen, aber VGF bekommen, ebenfalls besser drauf. Laufen als Tablette? Fitness als Infusion? "Mit der Identifizierung von VGF haben wir einen Mechanismus entdeckt, durch den körperliche Aktivität antidepressive Wirkungen erzeugt", sagte Ronald Duman von der Yale University in "Nature", einer der renommiertesten Fachzeitschriften. Nennen Sie mich altmodisch, aber ich glaube weiter, dass Bewegen in der Natur das Beste ist - egal, was "Nature" dazu sagt! Ich bin dann mal weg...

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