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Abnehmen: Was Diät-Pulver taugen

Erfunden wurden sie für die Behandlung schwer Übergewichtiger: Heute stehen Diät-Pulver in jedem Supermarkt. Doch lohnt es sich, dafür Geld auszugeben? Und kann jeder damit schnell abnehmen?

Von Hanno Charisius

Diätpulver werden oft mit Milch angerührt und wirken allein dank ihrer stark reduzierten Kalorienmenge

Diätpulver werden oft mit Milch angerührt und wirken allein dank ihrer stark reduzierten Kalorienmenge

Glaubt man der Werbung, dann ist nichts einfacher, als mithilfe dieser Diätdrinks abzunehmen, die uns regelmäßig im Vorabendprogramm des Fernsehens angepriesen werden. Es gibt Produkte, die versprechen nicht nur einen flachen Bauch, sondern auch noch gute Laune, ein starkes Immunsystem und jugendliches Aussehen. In den Spots sind es Frauen, die kein Gramm zu viel auf den Hüften haben, die freudestrahlend versprechen, dass die Pfunde sich geradezu verflüchtigen werden. Als wüssten sie, wovon sie reden.

Beim Zuschauer zu Hause sieht es vielleicht eher so aus: Nach dem langen Winter will das Kleid aus dem vorigen Sommer nicht mehr richtig passen, die Jeans muss auch eingelaufen sein, jedenfalls geht der Knopf nicht mehr zu, und Bikinis machen auch nicht so viel Spaß, wenn der Bauch über den Saum hängt. Keine Katastrophe, nichts, was Ein-paar-Wochen-an-sich-Halten nicht wieder ändern könnte. Aber wenn das so einfach wäre, dann gäbe es ja diese Werbung nicht, die Abhilfe verheißt in Form einer sogenannten Formula-Diät: industriell hergestellte, kalorienarme Nährstoffgemische, die als Riegel, Suppen oder Getränk eine oder vorübergehend auch alle Mahlzeiten eines Tages ersetzen sollen.

Sie heißen Slimfast, BCM, Almased, Optifast oder ähnlich. Dutzende verschiedene Produkte gibt es, die sich in der Zusammensetzung nicht groß voneinander unterscheiden, weil die deutsche Diätverordnung sehr klar vorgibt, was sie enthalten müssen. Was die Hersteller über diese Regeln hinaus in ihre Produkte mischen, ist meistens Geschmackssache.

Gemixt statt gekocht

Gewöhnlich sind es Pulver, die mit Wasser oder Magermilch zu einem Getränk verrührt werden, das eine Mahlzeit ersetzen soll. Bis zu viermal am Tag wird gemixt. Eine Tagesration muss wenigstens 800 und darf nicht mehr als 1200 Kilokalorien umfassen. Erfunden wurde die Pulverkur einst, um schwer übergewichtige Menschen mit einem Body-Mass-Index von über 30 zu therapieren. Inzwischen gibt es die Tütenkost in jedem Supermarkt, und sie wird als Mittel gegen ein paar ästhetisch störende Pfunde ebenso angepriesen wie als Waffe gegen Adipositas.

Aber egal, was die Werbung verspricht: Kein spezieller Inhaltsstoff zaubert das Fett weg, sondern allein durch die stark reduzierte Kalorienzahl funktionieren diese Produkte. "Im Grunde ist es egal, wie man die Energieaufnahme beschränkt", sagt Hans Hauner, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. Allerdings bergen Radikalmaßnahmen wie Crash-Kuren, Nulldiäten oder Fasten große Risiken. Denn sie zehren nicht nur an den Nerven, sondern auch an den Muskeln.

Fehlt es dem Körper an Eiweiß, beginnt er, seinen Bedarf aus der Muskelmasse und den Organen zu decken, was zu fatalen Komplikationen führen kann. "Durch Nulldiäten gab es in den 70er Jahren einige Todesfälle", erklärt Johannes Wechsler, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Ernährungsmedizin und Prävention am Krankenhaus Barmherzige Brüder in München. Deshalb schreibt der Gesetzgeber für Formula-Diäten einen relativ hohen Proteinanteil vor und legt auch fest, welche Mindestqualität das Eiweiß haben muss. Je nach Produkt stammt das Protein aus unterschiedlichen Quellen, etwa Milch, Molke, Lupine oder Soja. Die beigemengten Vitamine und Mineralstoffe sowie eine vorgeschriebene Menge essenzieller Fettsäuren sollen dem Körper alles Notwendige geben, damit er mit möglichst wenig Risiko die Fettreserven abbauen kann.

In klinischen Studien an schwer Übergewichtigen haben Formula-Diäten bereits mehrfach ihre Wirksamkeit bewiesen: 13 Kilogramm in vier Wochen sind möglich. Für Hans Hauner sind die Präparate in der Behandlung seiner Patienten dennoch nicht unbedingt Mittel der ersten Wahl. "Wir versuchen, das Problem durch Umstellung der Ernährung mit konventionellen Lebensmitteln in den Griff zu bekommen", sagt er. So lernen die Betroffenen gleich, langfristig ihre Ess- und Lebensgewohnheiten zu ändern. Allerdings räumt er ein, dass für viele seiner Patienten die schnellen Anfangserfolge eine gute Motivationshilfe seien. Und: "Die Pulvermahlzeiten werden erstaunlich gut toleriert."

Ärztlichen Rat einholen

Das funktioniere deshalb so gut, weil durch die Umstellung des Stoffwechsels auf Fettverbrennung chemische Bausteine entstehen, die den Hunger dämpfen, erklärt Johannes Wechsler, der an der Entwicklung des Optifast-Programms mitgearbeitet hat. "Unsere Patienten sind drei Monate lang ohne Hunger." Das jedoch können nicht alle Erfahrungsberichte in den einschlägigen Internetforen bestätigen. Bei schwerem Übergewicht wird nach zwölf Wochen reiner Pulvernahrung auf Mischkost umgestellt. Erst wird eine Tüte durch eine leichte Mahlzeit ersetzt, dann zwei und manchmal erst nach einem Jahr wird auch die letzte tägliche Tütenration abgesetzt. Allerdings sind selbst die spektakulärsten Erfolge schnell dahin, wenn die Patienten nach der Pulverphase ihre vorherigen Essgewohnheiten wieder aufnehmen.

Optifast unterscheidet sich von den meisten anderen Produkten durch ein umfassendes Begleitprogramm für die Nutzer. "Grundsätzlich sind unsere Patienten in eine Gruppentherapie eingebunden", sagt Wechsler. Ernährungsberater, Psychologen und Physiotherapeuten komplettieren den ganzheitlichen Ansatz, der in dieser Weise nur in Kliniken zu realisieren ist.

Besser langsam abnehmen

Wer es ernst meint und nicht nur eine Hosengröße abnehmen will, sondern wirklich mit Übergewicht zu kämpfen hat, sollte auch bei Pulvern aus dem Supermarkt, dem Reformhaus oder der Apotheke nicht auf einen Arztbesuch verzichten. Denn die Nebenwirkungen der verringerten Energiezufuhr können erheblich sein. Gerade wenn man zu wenig trinkt, kann es zu Schwindel und Herzrhythmusstörungen kommen. Menschen mit Nieren- oder Leberleiden, Diabetiker, Schwangere und Normalgewichtige sollten die Finger ganz von den Mixturen lassen. Hauner: "Bei einem BMI über 30 sollte nach meiner Sicht zumindest einmal eine ärztliche Untersuchung vorgesehen sein, da die Erfahrung zeigt, dass ein nicht kleiner Teil der Betroffenen medizinische Probleme hat."

Zwar wurden die Formula-Diäten geschaffen, um schwerwiegendere Probleme zu lösen als ein paar überschüssige Pfunde im Frühjahr. Doch weder Wechsler noch Hauner raten strikt davon ab, die Pulverkur kurzzeitig auch dafür anzusetzen. "Bei gesunden jungen Menschen spricht im Grunde nichts dagegen", sagt Hauner, wegen der drastischen Energiereduzierung sei es aber ratsam, es unter ärztlicher Aufsicht zu machen. "Grundsätzlich gilt: Je langsamer man Gewicht abnimmt, desto kleiner ist das Risiko."

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