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Übergewicht: "Die Muskeln sind weg, das Fett bleibt"

Viele Informationen über Übergewicht sind widersprüchlich. stern.de sprach mit einer Ernährungsmedizinerin über Ursachen, Therapien und warum sich Experten so oft nicht einig sind.

Frau Dr. Wiesner, der Anteil übergewichtiger Menschen in Deutschland wächst und wächst. Was werden die Folgen sein?
Unsere Generation wird jünger sterben als die unserer Eltern - und der Grund ist die steigende Zahl übergewichtiger Menschen. Heute haben bereits zwei von drei Erwachsenen Übergewicht, das sind 20 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. 23 Prozent der Deutschen leiden sogar unter krankhaftem Übergewicht, der so genannten Adipositas.

Ab wann wird Übergewicht zu einer Krankheit?


Wenn der so genannte Body-Mass-Index über 30 liegt. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn eine 1,70 Meter große Frau mehr wiegt als 85 Kilogramm, oder wenn ein 1,80 Meter großer Mann mehr wiegt als 100 Kilogramm. Diese Menschen haben eine Lebenserwartung, die 15 Jahre unter der von Normalgewichtigen liegt.

Woran leiden die Übergewichtigen?


Übergewicht ist beispielsweise eng gekoppelt mit Diabetes: 90 Prozent aller Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig, und auch Kinder bekommen inzwischen genauso oft den durch falschen Lebensstil ausgelösten Typ-2-Diabetes wie den angeborenen Typ 1-Diabetes. Außerdem Spätkomplikationen wie Beinamputationen oder Erblindung nehmen zu. Frauen, die unter krankhaftem Übergewicht leiden, erkranken außerdem viermal häufiger an Gebärmutterkrebs. Auch die Raten für Darm- und Prostatakrebs sind erhöht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen zu.

Warum sind die Quoten so rasant nach oben geschnellt?


Vereinfacht könnte man sagen: Unsere Umwelt passt nicht mehr zu unseren Genen. Unser Körper ist darauf programmiert, schnell Fettreserven anzulegen, wenn Nahrung da ist, damit er in mageren Zeiten davon zehren kann. Ein weiterer Aspekt ist sicher das Aufkommen der Low-Fat-Produkte. Es stimmt: Wenn man weniger als 25 Prozent der Kalorien über Fett aufnimmt, kann man abnehmen. Aber Low-Fat- Produkte enthalten sehr oft Stabilisatoren - und das sind meist kurzkettige Zuckerstoffe, die dick machen.

Was können Forscher gegen das Problem Übergewicht tun?


In der Forschung zum Thema Übergewicht sind wir heute da, wo wir beim Bluthochdruck vor 20 Jahren waren: Es gibt nur sehr wenige Medikamente, die wir in der Therapie einsetzen können. Zwei medikamentöse Therapien sind etabliert, ein drittes Mittel wird im nächsten Jahr auf den Markt kommen.

Warum wird dort nicht mehr geforscht?


Übergewicht wird in vielen Ländern nicht offiziell als Krankheit anerkannt - auch in Deutschland nicht. Das bedeutet, dass viele Krankenkassen eine Therapie nicht ohne weiteres übernehmen. Zwar ist eine Teilerstattung der Kosten möglich, aber das ist schwierig zu beantragen.

Das heißt, gesunde Ernährung ist der einfachste Weg für Menschen, die schlank werden wollen?
Die meisten Menschen denken ja beim Thema Übergewicht nur über die Energiezufuhr nach: Sie versuchen weniger zu essen. Für den Körper ist das eine Katastrophe; denn um an Energie zu kommen, baut er Muskelmasse ab. Sie können den Muskel weghungern und das Fett außen herum bleibt. Irgendwann verbraucht man im Ruhezustand kaum noch Energie. Wenn solche Patienten zu mir kommen, kann ich ihnen kaum mehr helfen - ich kann ja ihren Speiseplan nicht noch mehr zusammenstreichen.

Man muss also Sport treiben, um Kalorien zu verbrennen?


Sport dient nicht dazu, Gewicht abzubauen, sondern den Grundumsatz des Körpers zu erhöhen. Muskeln verbrennen nun einmal viel mehr Kalorien als Fettgewebe. Neue Studien deuten an, dass Muskeltraining womöglich sogar effizienter ist als Ausdauertraining wie Laufen oder Schwimmen, wenn man Übergewicht reduzieren will.

Was ist von Methoden wie Fett absaugen zu halten?


Fett absaugen hilft allenfalls kosmetisch - mehr als zwei Kilogramm lassen sich damit nicht beseitigen. Wenn man seinen Lebensstil nicht umstellt, kann es sogar gefährlich werden: Denn durch das Absaugen werden Zellen im Unterfettgewebe zerstört, an diesen Stellen kann sich also kein neues Fett anlagern. Stattdessen lagert es sich häufig im Bauchbereich an, und dort ist es besonders gefährlich: Es steigert beispielsweise das Herzinfarkt-Risiko.

Auffällig ist, dass sich die Expertenmeinungen zum Thema häufig widersprechen...
Wenn Sie im Internet nach dem Thema Übergewicht suchen, finden Sie so viele diffuse und teilweise haarsträubend falsche Informationen. Das liegt daran, dass Übergewicht von vielen Faktoren abhängt und jeder Mensch eine individuelle Strategie braucht, um dagegen anzukämpfen. Menschen, die es geschafft haben abzunehmen, stellen oft ihre Erfahrungsberichte ins Netz und sind dadurch auch sehr glaubhaft. Aber was für sie funktioniert hat, muss für andere noch lange nicht funktionieren.

Wo kann man sich denn überhaupt kompetent informieren?


Schon länger im Gespräch ist, dass spezialisierte Ärzte Schwerpunktpraxen für Übergewicht eröffnen sollen. Bei Veranstaltungen wie der "Rundum-Messe" können sich Betroffene austauschen und mit Experten ins Gespräch kommen. Am wichtigsten ist, dass man selbst aktiv wird und die Verantwortung für seine eigene Gesundheit übernimmt.

Susanne Wiesner arbeitet als Ernährungsmedizinerin am Franz-Volhard-Centrum für Klinische Forschung der Berliner Charité. Interview: Angelika Unger

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