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Erste Hilfe am Unfallort: Hauptsache handeln!

Viele scheuen sich, bei einem Unfall Erste Hilfe zu leisten - aus Angst, etwas falsch zu machen. Dabei ist es am schlimmsten, überhaupt nichts zu tun. Tipps, mit denen Sie Ihr Wissen auffrischen.

Von Marion Martin

Im Straßengraben liegt ein verbeultes Auto, der Fahrer sitzt noch am Steuer. Geht es ihm gut? Ist er verletzt? Womöglich bewusstlos? Auf den ersten Blick ist das nicht zu erkennen. Weit und breit ist aber niemand anderes zu sehen, der hier eingreifen könnte. Was tun? Dieses Szenario ist für viele ein Alptraum. "Etwa 80 Prozent derer, die nicht helfen, sondern vorbeifahren oder -gehen, haben Angst, etwas falsch zu machen und fürchten die damit verbundenen juristischen Konsequenzen", sagt Peter Sefrin, Bundesarzt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). "Das gilt übrigens leider auch für Unfälle innerhalb der Familie."

Dabei kann nur belangt werden, wer gar nichts macht. Juristen nennen das unterlassene Hilfeleistung. "Wenn jemand Erste Hilfe leistet, ist er automatisch versichert. Schließlich will er etwas Gutes tun. Das gilt auch für Sachschäden, die dabei entstehen. Etwa wenn dabei seine Kleidung beschädigt wird", erklärt Sefrin.

Jeder ist also dazu verpflichtet, im Notfall zu helfen. Können Sie das als Helfer nicht, weil Sie sich selbst in Gefahr bringen würden, haben Sie immer noch die Möglichkeit, Hilfe zu rufen - telefonisch unter 112 und 110. Diese Notfallrufnummern sind ohne Vorwahl und auch per Handy zu erreichen. Vorher sollten Sie jedoch schnell die Unfallstelle absichern - im Idealfall mit einem Warndreieck, sodass nachkommende Autofahrer rechtzeitig ausweichen können. In der Stadt empfehlen Experten einen Abstand von 50 Metern, auf Landstraßen sollten es 100 und auf der Autobahn 200 Meter sein.

Erst Hilfe rufen, dann Erste Hilfe leisten

Nachdem Sie die Unfallstelle gesichert haben, setzen Sie den Notruf ab. Dabei ist entscheidend, dem Rettungsdienst mitzuteilen, wo genau sich der Unfall ereignet hat - auf der Autobahn etwa, in welcher Fahrtrichtung -, und wie viele Verletzte vor Ort sind. Wichtig: Nicht auflegen! Das Telefonat beendet grundsätzlich der Rettungsdienst, nie der Helfer vor Ort. So können die Spezialisten alles Nötige erfragen, falls der Anrufer in der Aufregung etwas Wichtiges vergisst.

Sobald die Rettungskräfte informiert sind, können Sie sich den Beteiligten am Unfallort zuwenden und Erste Hilfe leisten. "Dazu gehört auch, eine körperlich unversehrte Person zu betreuen. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene reagieren oft sehr emotional. Allein, dass jemand in der Nähe bleibt, bewirkt sehr viel", weiß DRK-Arzt Sefrin aus Erfahrung. "Es senkt nachweisbar die Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin und damit auch den in Extremsituationen erhöhten Blutdruck."

Wunden schnell versorgen

Offene Wunden müssen so schnell wie möglich versorgt werden, damit der Verletzte nicht verblutet oder einen lebensbedrohlichen Schock infolge des Blutverlustes erleidet. Haben Sie kein steriles Verbandsmaterial zur Hand, können Sie die Wunde mit einem frischen Taschentuch abdecken.

Blutet die Wunde sehr stark, halten Sie zunächst, wenn möglich, den betroffenen Körperteil des Verletzten hoch - das vermindert den Blutverlust - und legen dann einen Druckverband an, um die Blutung zu stillen. Dafür bedecken Sie die Wunde erst mit einer keimarmen Wundauflage, verbindet sie, legen dann eine Kompresse direkt auf die Wunde und binden diese fest mit ein. Als Kompresse eignet sich alles, was keine Flüssigkeit aufsaugt und Druck ausübt, etwa eine ungeöffnete Mullbinde, ein Brillenetui, eine Getränkeflasche, was auch immer greifbar ist.

Bei mehreren Verletzten gilt: Als erstes wird derjenige mit den schwersten Verletzungen versorgt, dann die anderen. Um sich selbst vor Krankheiten zu schützen, die über das Blut oder andere Körperflüssigkeiten übertragen werden, sollten Helfer dabei nach Möglichkeit Gummihandschuhe tragen.

Bewusstlose auf die Seite drehen

Ist der Verletzte bewusstlos, also nicht ansprechbar, hat aber einen regelmäßigen Herzschlag und atmet, sollte der Helfer ihn in die stabile Seitenlage bringen. In dieser Position kann der Verunglückte nicht ersticken. Denn bei Bewusstlosigkeit fallen einige Körperfunktionen aus und so kann es passieren, dass die Zunge in den Rachen rutscht und die Atemwege versperrt. "Falls der Verletzte sich übergeben hat, sollte zudem sichergestellt werden, dass kein Erbrochenes im Mundraum bleibt", sagt DRK-Bundesarzt Sefrin.

Mit der richtigen Technik können selbst weniger kräftige Personen einen deutlich schwereren Verletzten in die stabile Seitenlage bringen.

Keine Scheu vor Wiederbelebung

Eine Herz-Lungen-Wiederbelebung ist nur nötig, wenn das Herz des Unfallopfers nicht mehr schlägt. "Dass ein Ersthelfer tatsächlich jemanden reanimieren muss, ist aber äußerst selten", sagt Peter Sefrin. "Bei häuslichen Unfällen kommt das schon häufiger vor, oder wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet." Der Wechsel von Herzmassage und Beatmung ist zwar effektiver als eine reine Herzmassage. Da viele Menschen sich aber scheuen, einer fremden Person so nahe zu kommen, oder befürchten, sich mit einer Krankheit anzustecken, können Helfer die Beatmung auch weglassen. "Meist befindet sich noch eine gewisse Menge Sauerstoff im Blut, die den Patienten mithilfe einer Herzmassage am Leben hält, bis der Rettungsdienst vor Ort ist. In dicht besiedelten Gebieten ist das innerhalb von sieben Minuten der Fall", sagt Sefrin.

Selbst wer sich nicht an alle Details der einzelnen Techniken erinnert, handelt intuitiv richtig. "Natürlich ist Erste Hilfe aber noch effektiver, wenn die Intuition mit Fachwissen unterfüttert wird", sagt Peter Sefrin. Die meisten haben einen Erste-Hilfe-Kurs belegt, als sie den Führerschein gemacht haben. Das ist oft viele Jahre her. Sefrin verweist auf eine Studie der Universität Würzburg, die ergeben habe, dass die meisten Teilnehmer zwei Jahre nach dem Kurs schon wieder 50 Prozent des Inhalts vergessen hätten. Entsprechend groß sei die Unsicherheit.

"Außerdem verändern neue wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder die Verhaltensempfehlungen. Zum Beispiel raten wir inzwischen davon ab, bei einer Vergiftung dafür zu sorgen, dass sich der Verletzte übergibt." Das sei in dieser Situation nicht nur zusätzlicher Stress für den Körper, sondern berge auch die Gefahr, dass Giftstoffe in die Lunge gelangen, erklärt Sefrin. Da der Notarzt in der Regel relativ schnell vor Ort ist, sei es sicherer, auf ihn zu warten.

Ähnlich verhält es sich mit Verbrennungen. "Bis vor einigen Jahren sollten sie prinzipiell gekühlt werden. Heute gilt das nur noch für kleine Wunden an den Extremitäten", sagt der Bundesarzt. "Bei größeren Wunden am Oberkörper aber besteht die Gefahr, dass der Patient auskühlt. Das ist viel gefährlicher als die Verbrennung." Um immer auf dem aktuellsten Stand zu sein, empfiehlt Sefrin, in regelmäßigen Abständen einen Erste-Hilfe-Kurs zu belegen.

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