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Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Tatsache oder Trugschluss: Schadet es den Augen, zu nah am Fernseher zu sitzen?

Die Warnung dürfte fast jeder aus seiner Kindheit kennen: Setz Dich nicht zu nah vor den Fernseher, das ruiniert die Augen! Tatsache oder Trugschluss? Was meinen Sie?

Von Lea Wolz

Zu nahes am Fernseher sitzen strengt die Augen an, schädigt sie aber nicht nachhaltig.

Zu nahes am Fernseher sitzen strengt die Augen an, schädigt sie aber nicht nachhaltig.

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? stern.de nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe. Zuerst lassen wir Sie, die Leser, darüber abstimmen. Auf der nächsten Seite finden Sie die Auflösung des Mythen-Checks.

Schadet es den Augen, wenn man zu nah am Fernseher sitzt?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob es tatsächlich schlecht für die Augen ist, wenn man zu nah am Fernseher sitzt.

Zu nahes am Fernseher sitzen strengt die Augen an, schädigt sie aber nicht nachhaltig.

Zu nahes am Fernseher sitzen strengt die Augen an, schädigt sie aber nicht nachhaltig.

"Sitz nicht zu nah am Fernseher, das ist schlecht für die Augen", diesen Satz dürften viele als Kind schon einmal gehört haben. Doch was ist dran an der angeblichen Gefahr? Und schädigt zu viel Fernsehen wirklich die Sehkraft?

Augenarzt Christian Ohrloff, ehemaliger Direktor der Uni-Augenklinik Frankfurt am Main und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Augenheilkunde, gibt Entwarnung: "Wer zu nah am Fernseher sitzt, ruiniert nicht seine Augen. Allerdings kann sich dadurch ein bereits bestehender Sehfehler bemerkbar machen." So könne eine bereits vorhandene Kurzsichtigkeit bei Kindern etwa der Grund sein, dass sie näher an den Fernseher rücken.

Dasselbe ist bei Vielsehern der Fall. Auch hier können sich bestehende Sehschwächen auswirken, wenn jemand zu lange fernsieht. Die Augen müssen sich dann anstrengen und ermüden schneller. Wird der Sehfehler beim Arzt entdeckt, wird er schnell dem Fernsehkonsum zugeschrieben - auch wenn er schon zuvor vorhanden war. So erhält der Mythos Nahrung. "Aber das Fernsehen macht die Augen nicht kaputt, Sehnerv und Sinneszellen werden dadurch nicht nachhaltig geschädigt", sagt Augenexperte Ohrloff.

Gegen müde Augen hilft Abwechslung

Woher kommt dann aber der Mythos? "Als die ersten Fernseher aufkamen, wurde bereits vor den Strahlen gewarnt", sagt der Frankfurter Augenarzt. Ähnlich sei zu beobachten gewesen, als sich die ersten Computer verbreiteten. "Auch hier wurde alarmiert, dass die Augen durch die Strahlung Schaden nehmen."

Obgleich das nicht der Fall sei, sind die Ansprüche ans Sehen tatsächlich gestiegen, sagt Ohrloff: "Wer lange am Computer arbeitet oder fernsieht, schaut aus einem konstanten Abstand immer auf denselben Bereich." Das strengt die Augen an, die Muskulatur wird einseitig belastet. Der starre Blick führt auch dazu, dass die Liedschläge seltener sind als üblich. Blinzelt man zu wenig und ist die Raumluft durch die Klimaanlage oder die Heizung noch trocken, werden die Augen schnell rot und brennen.

Gegen müde Augen empfiehlt Augenarzt Ohrloff vor allem Abwechslung: "Wer am Computer arbeitet, sollte alles zwanzig Minuten mal in die Ferne sehen." Wer kann, darf auch gerne den Raum verlassen. Denn ein Blick in die Natur entspannt, Tageslicht ist zudem eine Wohltat für unsere Augen. Gegen trockene Heizungsluft hilft Stoßlüften, reicht das nicht, kann man einen Luftbefeuchter installieren oder die Augen mit zusätzlicher, künstlicher Tränenflüssigkeit versorgen. Ganz wichtig auch: "Der Bildschirm muss richtig aufgestellt sein", sagt Ohrloff. Heißt: "Vom Monitor darf durch ungünstige Beleuchtung kein Licht reflektiert werden und die Augen blenden."

Fazit:

Zu nah am Fernseher zu sitzen, ruiniert also nicht die Augen. Nicht ganz so eindeutig ist ein anderer Zusammenhang: "Es gibt Hinweise darauf, dass nahes Lesen in jungen Jahren die Kurzsichtigkeit fördert", sagt Ohrloff. Das legen etwa große epidemiologische Studien in China nahe. Mit einem besseren Zugang zu Schulen nimmt dort die Zahl der kurzsichtigen Kinder seit Jahren zu.

Welcher Mechanismus dahinter steckt, ist nicht ganz klar. Einer Theorie zufolge beeinflusst der intensive Anpassungsvorgang an das Nahsehen das Wachstum des Augapfels. Dieser wird länger, der Brennpunkt der Linse gerät so vor statt auf die Netzhaut. Alles, was man in der Ferne sieht, wird unscharf. Doch Augenarzt Ohrloff warnt vor übertriebener Sorge: "Gelegentliches nahes Lesen ist kein Drama. Erst wenn ein Kind sich immer zu nah über das Blatt beugt, sollten Eltern einschreiten."

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