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Hebammen fürchten um Existenz Geburtshilfe meist nur noch "teures Hobby"


Für freiberufliche Hebammen ist es vielfach nicht mehr lukrativ, Kindern auf die Welt zu helfen. Niedrige Geburtspauschalen und steigende Haftpflichtprämien machen ihnen zu schaffen.

Marit Richter hebt den vier Tage alten Matti vorsichtig von seinem Wickeltisch und streicht ihm über den Kopf. Wenige Sekunden später schwebt das Neugeborene durch die Luft, eingewickelt in ein rotes Tuch. Die Hebamme hält ihn mit einer digitalen Waage, deren Haken die Enden des Tuches zusammenhält. "2980 Gramm", freut sie sich. "Der Kleine isst gern und viel."

Richter ist eine von rund 17.500 freiberuflichen Hebammen in Deutschland. Zwischen drei und vier Frauen betreut sie im Monat in Teilzeit. Ihnen steht sie während der Schwangerschaft zur Seite und unterstützt sie nach der Geburt ihrer Kinder - wie die Familie Fischer mit ihrem kleinen Sohn Matti aus dem Dorf Harsum bei Hildesheim. Richter beantwortet den frischgebackenen Eltern Fragen zum Stillen, pudert dem Neugeborenen den entzündeten Nabel und tastet den Bauch der Mutter ab. Kindern hilft die Hebamme kaum mehr auf die Welt, sie konzentriert sich auf die Vor- und Nachsorge.

Stundenlohn unter zehn Euro

"Geburten würden mich finanziell ruinieren", sagt Richter. "Das Geld, das die Krankenkassen uns freiberuflichen Hebammen für eine Geburt geben, reicht vorne und hinten nicht aus." Der durchschnittliche Stundenlohn einer Hebamme liege bei rund 7,50 Euro, hat Ursula Fietz vom niedersächsischen Hebammenverband ausgerechnet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Haftpflichtprämien seit Jahren steigen.

Eine Erhöhung der Geburtspauschale werde es frühestens ab 2012 geben, sagt Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband, der zentralen Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Berlin. Der Berufsstand der Hebamme sei nicht leicht zu überblicken: "Viele Hebammen arbeiten in Teilzeit oder nebenberuflich und in der Geburtenphase sehr zeitintensiv." Momentan erstelle das Bundesgesundheitsministerium ein Gutachten zu den Arbeitsbedingungen von Hebammen. Auf Grundlage dieser Ergebnisse werde dann im Herbst mit den Hebammen verhandelt.

Bundesweite Demos geplant

Doch schon vorher will Marit Richter zusammen mit anderen Hebammen für eine höhere Geburtspauschale protestieren: am 5. Mai, dem Internationalen Hebammentag. Dann fährt Richter nach Hannover und will ihrem Ärger Luft machen, auf einer der vielen Demonstrationen der Hebammenverbände in ganz Deutschland.

"Bessere Arbeitsbedingungen" lautet eine der zentralen Forderungen der Verbände. Denn auch die angestellten Geburtshelferinnen in deutschen Krankenhäusern klagen - zu viele Geburten seien es pro Kopf. "Eine Hebamme muss sich um drei Frauen gleichzeitig kümmern, die in den Wehen liegen", sagt Fietz vom Hebammenverband. Die Geburtspauschalen für die Krankenhäuser lege ein wissenschaftliches Institut fest, erläutert Hanno Kummer von Verband der Ersatzkassen in Niedersachsen. "Für einen möglichen Personalschlüssel sehen wir uns nicht in der Verantwortung."

Beate Fischer hat ihren Sohn Matti in einer Geburtsklinik zur Welt gebracht. "Ich habe mich dort wohlgefühlt", sagt sie. "Aber Frau Richter hätte ich auch gern an meiner Seite gehabt." Kindern auf die Welt helfen möchte auch die Hebamme gern wieder. "Schließlich ist dies das Herzstück unseres Berufs." Doch eines ist Marit Richter noch wichtiger: "Ich möchte nicht, dass Geburten mein teures Hobby sind."

Anja Hübner, DPA DPA

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