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Tatsache oder Trugschluss: Entgiftet der Körper in der Sauna?

Im Winter zwängen wir uns freiwillig nackt in winzige, überheizte Holzhütten, um zu schwitzen. Wozu? Angeblich wird der Körper in der Sauna "Schlacken" und "Gifte" los. Doch funktioniert das wirklich?

Von Lydia Klöckner

In der Sauna verlieren wir Flüssigkeit. Aber werden wir dabei auch Gifte los?

In der Sauna verlieren wir Flüssigkeit. Aber werden wir dabei auch Gifte los?

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Trägt Saunieren zur Entgiftung bei?

Die Auflösung

Warum zwängen sich Menschen nackt in eine winzige, vollkommen überheizte Holzhütte? Was bringt sie dazu, bei aberwitzigen Temperaturen minutenlang regungslos auf einem Handtuch zu sitzen, bis ihnen aus allen Poren Schweiß tropft? Richtig: Weil Schwitzen gut tut - und angeblich sogar gesund ist: Saunieren "entgifte" den Körper und befreie ihn von überflüssigen "Schlacken", predigen Wellness-Gurus. Aber ist das wirklich wahr? Spült Schweiß die Schadstoffe aus dem Körper?

So entgiftet der Körper

Die Begriffe "Gift" und "Schadstoffe" sind recht unkonkret. In der Regel ist damit alles gemeint, was den Stoffwechsel beeinträchtigen und Krankheiten hervorrufen oder sonstige Schäden im Körper anrichten kann. Dazu zählen nicht nur die üblichen Verdächtigen Alkohol und Nikotin, sondern auch Substanzen, die wir täglich über die Nahrung zu uns nehmen: Viele Fischsorten sind mit Schwermetallen belastet, auf Gemüse und Obst lagern sich oft Pestizide ab, und scharf angebratenes Fleisch kann mit krebserregenden Chemikalien belastet sein.

Trotzdem müssen sich gesunde Menschen keine Sorgen machen - ihr Organismus entledigt sich der unerwünschten Stoffe nämlich normalerweise ganz von selbst, noch bevor sie zur Gefahr werden können. Leber und Nieren verfügen über ein ausgeklügeltes Selbstreinigungssystem, das Gifte in harmlosere Stoffe umwandelt oder dafür sorgt, dass sie mit dem Urin ausgeschieden werden. In der Leber gibt es zum Beispiel eine Art "Erste-Hilfe"-Enzyme - die sogenannte Alkoholdehydrogenasen (ADH) - die Akohol zu Essigsäure umwandeln, die für den Körper weniger bedenklich ist.

Von Schadstoffen befreit sich der Körper also nicht über die Haut, sondern in erster Linie über die Harnwege. Dabei wird er zwar längst nicht alles los: Vor allem fettlösliche Schwermetalle wie Quecksilber können sich im Fettgewebe anreichern und bei zu hoher Konzentration zu chronischen Vergiftungen führen. Bei moderatem Fischkonsum besteht diese Gefahr allerdings nicht. Wer sich dennoch vor "Schadstoff-Depots" im Körper fürchtet, sollte lieber überflüssige Pfunde abbauen, anstatt in die Sauna zu gehen. Dass Hitze körpereigene Fettpolster schmelzen und die darin enthaltenen Gifte verschwinden lässt, ist nämlich ein Irrglaube.

Schweiß dient der Kühlung

"Schwitzen entgiftet nicht. Dass die Hitze Schadstoffe aus dem Körper entfernt, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage", erklärt Martin Schaller, Dermatologe an der Uniklinik Tübingen. "Schweiß besteht zu 99 Prozent aus Wasser. Der Rest setzt sich aus Salzen, Aminosäuren sowie geringe Mengen Harnstoff und Fettsäuren zusammen - aber nicht aus Giften."

Schwitzen dient auch gar nicht der Entgiftung. Der Schweiß hat vielmehr die Aufgabe, uns vor Überhitzung zu schützen. Damit unsere Organe arbeiten können, brauchen wir nämlich eine möglichst konstante Körpertemperatur. Steigt sie zu stark an, sondern Drüsen in unserer Haut Schweiß ab, der sich als dünner Film auf die Haut legt. Verdunstet die Flüssigkeit, tritt ein Kühlungseffekt ein und die Körpertemperatur sinkt wieder auf ein gesundes Niveau.

Sauna könnte vor Erkältungen schützen

Wer das Sauna-Bad als eine Art Tiefenreinigung betrachtet, liegt also falsch. Auch die verbreitete Annahme, dass der Wechsel zwischen Hitze und Abkühlung das körpereigene "Abwehrsystem trainiere", ist nicht bewiesen. Eine Studie aus dem Jahr 1990 deutet aber darauf hin: Ein Forscherteam der Universität Wien bat 25 Probanden, sechs Monate lang regelmäßig in die Sauna zu gehen. Die 25 Teilnehmer aus der Kontrollgruppe sollten in dieser Zeit auf Saunabesuche verzichten. Die Wissenschaftler beobachteten derweilen, wie sich der Gesundheitszustand der beiden Gruppen entwickelte. Das Resultat: In der zweiten Hälfte des Experiments litten die Saunagänger nur noch halb so häufig unter Erkältungen wie die anderen. Folgestudien, die den Effekt bestätigen, gibt es allerdings nicht.

Wie gesundheitsfördernd Saunieren wirklich ist, ist aus wissenschaftlicher Perspektive ungewiss. Wer sich im Winter trotzdem am liebsten in die wohlige Wärme verkriechen möchte, sollte sich dadurch aber nicht abhalten lassen: Was das seelische Wohlbefinden steigert, kommt auch dem Körper zugute. Und beim Stressabbau hilft das Hitze-Bad ebenfalls.

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