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Coronavirus Intensivmediziner: Geplante Lockdown-Lockerungen kommen zu früh

Corona Intensivstation
Pflegekraft auf einer Covid-19-Intensivstation
© Bernd Wüstneck / DPA
Intensivmediziner Gernot Marx kritisiert die seiner Ansicht nach zu frühen Lockdown-Lockerungen von Bund und Ländern. Seine Sorge: Die Maßnahmen könnten den Weg in eine dritte Welle bahnen.

Aus Sicht der deutschen Intensivmediziner kommen die von Bund und Ländern verabredeten Öffnungsschritte in der Corona-Pandemie drei Wochen zu früh. Das Risiko sei hoch, dass durch die Virusmutation der R-Wert über 1,2 steigt "und wir wieder in ein exponentielles Wachstum geraten", warnte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, im Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

"Die Sorge ist, dass wir deutlich steigende Zahlen an Neuinfektionen – und damit mit einem zeitlichen Versatz von zehn bis 14 Tagen – an Intensivpatienten mit Covid-19 haben werden, also in eine dritte Welle rutschen", sagte Marx. Er verwies auf generell bereits jetzt wieder steigende Infektionszahlen, einen Anteil der britischen B.1.1.7-Mutante von inzwischen 46 Prozent unter den positiven Tests und einen R-Wert von 1,01 bereits ohne die neu beschlossenen Lockerungen.

Es müsse unbedingt verhindert werden, dass viele Menschen jetzt noch kurz vor der Impfung an Covid-19 erkranken – mit leider häufigen Langzeitfolgen, hob der Divi-Präsident hervor. "Ich rechne damit, dass wir durch die beschlossenen Öffnungsszenarien deutlich steigende Zahlen von Neuinfektionen erleben werden – und dann auch vermehrt Intensivpatienten mit Covid-19", sagte Marx, dieses Mal im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

"Auch wenn der Lockdown grundsätzlich verlängert wurde, sind diese Beschlüsse ein Strategiewechsel in Richtung Öffnung – und das auch schon vor dem 1. April", betonte der Divi-Präsident. Vergangene Woche hatte er eine Lockdown-Verlängerung bis Anfang April gefordert. Hintergrund sind Prognosen der Fachgesellschaft, wonach frühe Lockerungen, je nach Impftempo und Ausbreitung der ansteckenderen Varianten, zu einer erneut hohen Belastung der Intensivstationen führen könnten.

Schlimmes Szenario denkbar

Im schlimmsten Szenario war von einer nicht mehr zu bewältigenden Zahl von 25.000 zu versorgenden Covid-19 Patienten die Rede. Zum Höhepunkt der zweiten Welle lagen rund 6000 Betroffene auf Intensivstationen. "In welchem Umfang die Beschlüsse die Intensivstationen belasten könnten, wird in unsere Modellrechnungen einfließen – dazu können wir aber erst kommende Woche Zahlen vorlegen", erläuterte Marx von der Uniklinik Aachen.

"Wir hätten uns drei weitere Wochen Zeit für das Umsetzen der Impfstrategie gewünscht", so der Experte.

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Der Divi-Präsident appellierte an die Menschen, nun beim Verhalten nicht nachlässig zu werden: "Bitte halten Sie die Regeln zu Abstandhalten, Hygiene, Maskentragen und Lüften weiter ein. Man sollte auch weiter Kontakte vermeiden, auch wenn jetzt das ein oder andere erlaubt ist. Bitte lassen Sie sich impfen, auch mit AstraZeneca!"

Auf die Frage, in welchem Umfang es überhaupt zu Lockerungen kommen könnte, sagte Marx: "Die beschlossenen Maßnahmen sind relativ komplex. Es ist zu früh zu beurteilen, in welchem Umfang Lockerungen tatsächlich möglich sein werden angesichts des Fallzahlenanstiegs, der bereits eingesetzt hat."

Ziel: 300.000 Impfungen am Tag

Als richtig wertete Marx die Beschlüsse zum Impfen und Testen. "Wir erhoffen uns, dass es gelingt, zeitnah schneller zu impfen in Deutschland. Das ist der Weg, die Pandemie gemeinsam zu bewältigen. Die Hausärzte einzubeziehen, wäre ein Durchbruch." Optimal wären aus Sicht der Divi 300.000 Impfungen pro Tag, das ist ungefähr gut ein Drittel mehr als in den vergangenen Tagen.

"Eine deutlich umfangreichere Teststrategie könnte ebenfalls dazu beitragen, Infektionsherde schneller zu erkennen, zum Beispiel an Schulen und Arbeitsstätten", so Marx. Dies werde aber vermutlich noch einige Vorbereitung brauchen.

Der Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Deutschland wird angesichts weiter hoher Infektionszahlen grundsätzlich bis zum 28. März verlängert. Allerdings soll es je nach Infektionslage viele Öffnungsmöglichkeiten geben. Das haben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länder-Ministerpräsidenten am Mittwoch in mehr als neunstündigen Verhandlungen beschlossen. Vereinbart wurde eine stufenweise Öffnungsstrategie mit eingebauter Notbremse: Führen in einer Region einzelne Lockerungen zu einem starken Anstieg der Infektionszahlen, werden dort automatisch alle schon erfolgten Erleichterungen wieder gestrichen.

ikr DPA AFP

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