Interview zur Krebsstudie "Strahlung ist als Erklärung unrealistisch"

Ein Studie zeigt, dass Kinder umso häufiger an Leukämie erkranken, je näher sie an einem Kernkraftwerk wohnen. Bevor nun aber Taten folgen, wird die Studie zunächst von der Strahlenschutzkommission geprüft. stern.de sprach mit deren Leiter Wolfgang-Ulrich Müller.

Herr Müller, Sie werden die aktuelle Studie prüfen. Wie werden Sie dabei vorgehen?

Zunächst werden wir die Originaldaten ansehen. Ich bin aber sicher, dass da keine handwerklichen Fehler gemacht wurden. Wir werden uns in erster Linie Gedanken darüber machen, welche Ursachen für das Ergebnis infrage kommen.

Warum zweifeln Sie daran, dass Strahlung die Ursache ist?

Zunächst muss man sagen, dass in der Studie nur die Entfernung zum Atomkraftwerk eine Rolle spielte, nicht aber die Strahlendosis. Man müsste eigentlich für jeden einzelnen Standort die Strahlendosis ermitteln. Das ist aber ungeheuer schwierig. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Strahlendosis, die von Kernkraftwerken ausgeht, so niedrig ist, dass sie in der normalen Strahlung eigentlich völlig untergeht. Es gibt einige Gebiete, etwa in China oder Indien, in denen die natürliche Strahlenexposition deutlich höher ist, aber keine Häufung von Krebsfällen auftritt. Leukämiecluster gibt es außerdem auch an Standorten, an denen nie ein Kernkraftwerk gebaut wurde.

Strahlung scheidet also aus?

Nein, wir werden die Strahlung nicht von vornherein ausschließen. Wir werden Schätzungen darüber machen, wie hoch die Strahlung sein müsste, um die zusätzlichen Krebsfälle zu erklären. Vermutlich ist sie aber als Erklärung unrealistisch. Ich befürchte, es wird eher darauf hinauslaufen, dass es viele verschiedene Faktoren sind, die zu diesem erhöhten Risiko führen.

Zum Beispiel?

Vieles kann eine Rolle spielen, zum Beispiel die massiven Hochspannungsleitungen der Kernkraftwerke. Es gibt auch Hypothesen, die besagen, Leukämie hätte sozioökonomische Ursachen, komme also häufiger in einkommensschwachen Familien vor. Auch virale Infektionen stehen als Ursache zur Debatte. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Leukämiefälle vor allem auf dem Land häufen. Wir werden diesen Dingen nachgehen.

Was ist ionisierende Strahlung?

Geht es um Atommeiler, ist häufig von radioaktiver Strahlung die Rede. Experten sprechen jedoch von ionisierender Strahlung. Nach der Definition des Bundesamtes für Strahlenschutz fallen darunter sowohl elektromagnetische Strahlen (wie Röntgen- und Gammastrahlung) als auch Teilchenstrahlung (wie Alpha-, Beta- und Neutronenstrahlung). Ionisierende Strahlung besitzt genügend Energie, um Atome und Moleküle zu ionisieren, das heißt aus elektrisch neutralen Atomen und Molekülen positiv und negativ geladene Teilchen zu erzeugen.

Manche sagen, das strahlenbiologische Wissen der Experten sei längst nicht gesichert. Wo gibt es noch Forschungsbedarf?

Wie Strahlung im mittleren und hohen Dosisbereich wirkt, darüber wissen wir gut Bescheid. Es gibt umfangreiche Daten über die Folgen der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und über die Strahlenbelastung von Radiologen in den 20er und 30er Jahren. Im Bereich niedriger Strahlung tappen wir aber tatsächlich noch etwas im Dunkeln.

Woran liegt das?

Wegen statistischer Schwankungen ist es kaum möglich nachzuweisen, wie niedrige Strahlung auf den Menschen wirkt. Man darf nicht vergessen, dass es ja auch eine natürliche Strahlung gibt. Die liegt bei etwa einem Milli-Sievert pro Jahr, variiert aber stark. In manchen Gegenden liegt sie bei zwei, in anderen nur bei einem halben Milli-Sievert pro Jahr. Im Schwarzwald etwa ist sie deutlich höher als in der Norddeutschen Tiefebene. Das hängt mit der Gesteinszusammensetzung zusammen, und unter anderem damit wie viel Radium im Boden ist. Auch die Höhe spielt eine Rolle. Je höher eine Gegend liegt, desto stärker ist die kosmische Strahlung.

Ein bisschen ionisierende Strahlung ist also normal?

Ja, ein Drittel der Strahlen, die pro Jahr auf uns einwirken, kommen sogar aus unserem eigenen Körper. Dafür ist in erster Linie Kalium 40 verantwortlich, ein Stoff, der noch aus der Entstehungsphase der Erde übrig geblieben ist. In praktisch allen Lebensmitteln findet man davon Spuren. Weil die Halbwertszeit bei über einer Milliarde Jahren liegt, haben wir noch lange etwas davon. Wegen dieser natürlich vorhandenen Strahlung ist es schwer, die Wirkung niedriger Strahlendosen - wie der eines Kernkraftwerks - zu analysieren.

Wie kann denn aber die Wissenslücke für den niedrigen Strahlungsbereich geschlossen werden?

Es ist klar, dass epidemiologische Studien hier an ihre Grenzen stoßen. In einem Bereich von zehn bis 20 Milli-Sievert kann Epidemiologie keine Antworten mehr geben. Wir müssen in Zukunft versuchen, die strahlenbiologischen Mechanismen zu erklären.

Wie kann das aussehen?

Man kann Zellkulturen im Brutschrank untersuchen und beobachten, wie die Zellen auf eine geringe Strahlendosis reagieren. Manche Zellen reparieren sich selbst, andere sterben ab. Wir hoffen, dass wir alle diese Mechanismen in der Zukunft besser verstehen werden und dann auf das tatsächliche Risiko niedriger Strahlendosen schließen können.

Wie lange wird das dauern?

Da muss man schon mit einem Zeitraum von 20 Jahren rechnen. Das hängt aber auch davon ab, ob genügend Fördergelder zur Verfügung stehen. In den vergangenen Jahren ist die Strahlenforschung eher stiefmütterlich behandelt worden.

Interview: Claudia Wüstenhagen

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