Kaiserschnittgeburten Der goldene Schnitt


Madonna, Claudia Schiffer, Victoria Beckham - Promis wecken den Eindruck, dass Kaiserschnittgeburten schick sind. Tatsächlich wird auch in Deutschland jedes vierte Kind nicht mehr auf natürlichem Wege geboren. Die Gründe dafür sind jedoch ganz andere.
Von Jens Lubbadeh

Gaius Julius Cäsar, römischer Diktator und Namensgeber aller Kaiser, war angeblich der erste Mensch, der per Kaiserschnitt auf die Welt kam. Das behauptet der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere. Wahrscheinlich ist die Anekdote mehr Legende als Wahrheit, zumindest aber ist gesichert, dass der Kaiserschnitt im römischen Reich per Gesetz durch die "lex caesarea" vorgeschrieben war: Starb die Mutter kurz vor oder während der Geburt, sollten so wenigstens die Leichname der Mutter und des Kindes getrennt beerdigt werden können.

Die Zahl der Kaiserschnitte steigt stetig

War in der Antike der Kaiserschnitt nur bei Toten möglich, ist er heute ein relativ harmloser operativer Eingriff. Mit einem bis zu fünfzehn Zentimeter langen Schnitt öffnet der Arzt entweder unter Voll- oder, wenn es die Psyche und Konstitution der Mutter zulässt, unter Teilnarkose Bauchdecke, Gebärmutter und Fruchtblase. Dann werden das Kind sowie Plazenta und Eihäute der Gebärmutter durch die Öffnung entnommen.

Die Zahl der Kaiserschnitte in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen: Kamen 1994 noch 17 Prozent aller Kinder auf diese Weise zur Welt, wird heute mittlerweile jedes vierte Kind per Kaiserschnitt geboren.

Die Gründe sind vielfältig, einer jedoch ist eine Mär: Babys in den Industrienationen werden nicht immer schwerer und größer, wie beispielsweise Klaus Vetter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologe und Geburtshilfe, behauptet. Im Jahr 2006 wogen 37 Prozent aller Lebendgeborenen zwischen 3000 und 3500 Gramm und 30 Prozent zwischen 3500 und 4000 Gramm. Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass sich an diesen Verhältnissen in den vergangenen zehn Jahren so gut wie nichts geändert hat.

Ein Kaiserschnitt muss nicht unbedingt medizinisch begründet sein, beispielsweise wenn das Kind in der gefährlichen Steißlage liegt, sehr groß ist oder es sich um eine komplizierte Zwillingsgeburt handelt. Er kann auch auf Wunsch der Mutter erfolgen. Weil der "Wunschkaiserschnitt" aber zurzeit als Kassenleistung in der Diskussion ist, wird in sehr vielen Kaiserschnitt-Fällen eine medizinische Indikation vorgebracht - meist lautet sie: Angst vor Geburtsschmerzen. "Für die Krankenkassen ist es schwer zu überprüfen, ob wirklich eine pathologische Angst bei der Mutter gegeben ist", sagt Edith Wolber vom Bund deutscher Hebammen. Möglicherweise werde sie von vielen Ärzte vorgeschoben, damit die Krankenkassen die Kosten der Operation übernehmen.

Die Ärzte fürchten Regressforderungen

Für Ärzte und Krankenhausträger hat der Kaiserschnitt eine Reihe handfester Vorteile: Im Gegensatz zu einer natürlichen Geburt mit all ihren Unwägbarkeiten ist der Kaiserschnitt eine terminlich und logistisch planbare Operation. Außerdem kostet er doppelt soviel wie eine natürliche Geburt - bei geringerem personellen Aufwand - und spült daher mehr Geld in die leeren Krankenhauskassen. "Unter der Hand hört man", so Edith Wolber, "dass sich eine geburtshilfliche Abteilung erst dann rentiert, wenn rund 30 Prozent der Geburten per Kaiserschnitt erfolgen."

Es gibt noch einen weiteren Grund für die Zunahme der Kaiserschnitte: Angst vor der natürlichen Geburt - aber nicht bei der Mutter, sondern bei den Ärzten. Wie in den USA schon seit Jahren üblich, haben auch hierzulande Geburten immer öfter ein juristisches Nachspiel. Junge Eltern ziehen vor Gericht, um Ärzte und Hebammen zu verklagen. Dabei müssen die Klagegründe nicht unbedingt gravierende Kunstfehler bei der Geburt sein, die womöglich schwer wiegende Folgen für das Kind oder die Mutter nach sich ziehen.

Von geschäftstüchtigen Anwälten ermunterte Eltern klagen heute schon, wenn eine Geburt etwas anders verläuft als geplant. Edith Wolber berichtet von einem Paar, das ein gesundes Kind bekam und dennoch die Hebamme anzeigte: Weil die Geburt sehr viel länger dauerte als vom Arzt vorausgesehen. Aus Angst vor Regressforderungen greifen Ärzte daher besonders gern zum Messer - denn noch ist kein Fall bekannt, bei dem nach einem Kaiserschnitt geklagt wurde.

Immer mehr Promis gebären per Kaiserschnitt und wecken den Eindruck, dass diese Art der Entbindung möglicherweise heute auch einfach schick sei. Der Schein trügt, zumindest was Deutschland angeht. Zwar berichtet Edith Wolber von Privatkliniken, in denen die Kaiserschnittrate unter den Geburten mittlerweile hundert Prozent beträgt, doch Petra Kolip, Professorin am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Uni Bremen, konnte keinen Trend bei Müttern zum Kaiserschnitt erkennen: Bei einer Umfrage mit 1339 Frauen, die 2004 per Kaiserschnitt entbunden hatten, fand sie heraus, dass nur zwei Prozent der Frauen einen Wunschkaiserschnitt wollten. "Fast alle Frauen waren der Meinung, dass Kinder möglichst auf natürlichem Wege zur Welt kommen sollten", sagte Kolip in einem Interview mit der Wochenzeitung "Zeit".

Folgen des Kaiserschnitts noch nicht genau erforscht

Dennoch spiegelt sich im Gebärverhalten auch ein wenig der Zeitgeist, glaubt Edith Wolber. Deutschlands Mütter werden immer älter: Im Jahr 2006 waren sie bei ihrer ersten Geburt im Durchschnitt zwischen 30 und 34 Jahren alt. "Das sind meist Frauen, die schon Karriere gemacht haben und vom Berufsleben her getrimmt sind auf Leistung", sagt Wolber. "Die wollen dann auch die Geburt total managen."

Dass der Kaiserschnitt schonender ist als die natürliche Geburt, haben Studien inzwischen widerlegt. "Eine Schädigung des Beckenbodens und eine anschließende Inkontinenz sind nicht durch die vaginale Geburt bedingt, sondern eine mögliche Folge der Schwangerschaft selbst", sagt Wolber.

Womöglich hat die Operation sogar Folgen für Mutter und Kind. Wie die genau aussehen, darüber streiten Wissenschaftler noch. Belegt ist, dass Kaiserschnittkinder in den ersten Tagen mehr Wasser in der Lunge haben, weil es nicht durch die Wehenmassage und beim Durchgang durch den engen Geburtskanal herausgedrückt wurde. "Viele Kaiserschnittkinder haben Atemprobleme in den ersten Tagen", berichtet Wolber.

Gegner des Kaiserschnitts vermuten psychische Folgen bei Mutter und Kind - allerdings sind diese Vermutungen schwer zu beweisen. Das Fehlen der natürlichen Geburtserfahrung könnte die Mutter-Kind-Bindung schwächen. Beim Kaiserschnitt werden der Mutter prägende Glückserlebnisse nach dem schmerzhaften Geburtsvorgang vorenthalten. Kaiserschnittkinder stehen unter dem Verdacht, ängstlicher und unruhiger zu sein, weil sie nicht den "struggle for life" durchgemacht haben.

Trotz all dieser Bedenken werden Kinder das Licht der Welt vielleicht in Zukunft nur noch durch den Schnitt erblicken. Denn, so Edith Wolber, heutzutage lernen angehende Ärzte in der Ausbildung die vaginale Geburt gar nicht mehr richtig.


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