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Gefährliche Keime: Was ein Undercover-Putzer im Krankenhaus erlebte

Krankenhäuser suchen dringend Putzkräfte. Doch die Einweisung ist mitunter mangelhaft, die Keimgefahr wird nicht ernst genommen. Der erschütternde Bericht eines Undercover-Putzmanns.

Von Sherif Hafzalla

Der Journalist Sherif Hafzalla heuerte als Reinigungskraft in einem Berliner Krankenhaus an

Der Journalist Sherif Hafzalla heuerte als Reinigungskraft in einem Berliner Krankenhaus an

Wer als Reinigungskraft im Krankenhaus arbeiten will, muss nicht lange suchen. "Vorkenntnisse wünschenswert, aber nicht zwingend erforderlich", solche Sätze finden sich häufig in den Stellenanzeigen. Bei meinen Anrufen bekomme ich öfter zu hören: "Wir suchen dringend. Wenn Sie wollen, können Sie schon nächste Woche anfangen." Ich habe früher gekellnert, Tresen, Küchen und auch Klos geputzt. Das qualifiziert mich offenbar ausreichend. An einem großen Berliner Klinikum erhalte ich einen Vertrag über eine 30-Stunden-Woche, 9 Euro 80 pro Stunde, Mindesttarif für Gebäudereiniger.

Die theoretische Einweisung an einem Montagmorgen im März braucht eine halbe Stunde. Zwei Büromitarbeiterinnen blättern vor meinen Augen einen dicken Aktenordner mit Bildern und wenig Text durch. Sehr anschaulich, denke ich, wenn es nur nicht so schnell gehen würde. Bald stapeln sich die Informationen in meinem Kopf, alles klingt wichtig: Der Wischmopp-"Achterschwung" wird mir gezeigt. Lappen dürfen nur einmal in den Eimer getaucht werden. Büros, Patientenzimmer und –bäder sind in einer bestimmten Reihenfolge zu reinigen. Der Farbencode: rot, blau, gelb. Gelbe Lappen für Waschtische, blaue für sonstige Oberflächen, rote nur für Toiletten. "Wie man die putzt, wissen Sie ja, oder?" Ich will es genau wissen und bekomme die Reihenfolge erklärt. Komisch: die Stellen, die man beim Klogang anfasst, erwähnen sie gar nicht – Spülknopf und Klobürste.

Reinigungstücher müssen eigentlich nach spätestens zwei Quadratmetern entsorgt werden.

Reinigungstücher müssen eigentlich nach spätestens zwei Quadratmetern entsorgt werden. Wann er wechseln sollte, fragte Sherif Hafzalla seine Kollegin. Die Antwort: "So oft du willst."

Eine Stunde später laufe ich mit Martyna (Name geändert, Anm. der Red.) , einer Polin, auf der Notaufnahme mit – Gruppenleiter Thomas, der mich eigentlich hätte einarbeiten sollen, hat offenbar keine Zeit. Martynas Wortschatz ist begrenzt, ihr Erklärungswillen auch. Ich frage sie, wie oft ich die Lappen wechseln soll: "So oft du willst." Ich beiße mir auf die Lippen. Aus einer Vorschulung am Uniklinikum Münster weiß ich: Reinigungstücher müssen nach spätestens zwei Quadratmetern geputzter Fläche entsorgt werden, weil sie dann kaum noch Schmutz aufnehmen, oder aber sofort, wenn man Blut oder menschliche Ausscheidungen damit aufgewischt hat. Aber auch sie selbst wechselt offenbar eher nach Lust und Laune, nimmt auch mal den gleichen Lappen für mehrere Zimmer her. Türklinken, die als gefährliche Keimschleudern im Krankenhaus gelten, ignoriert sie. Dabei ist ihr Dienstausweis mit einer farbigen Plakette versehen. Das bedeute, so erklärt sie, dass sie eine Hygieneschulung absolviert habe. Sie dürfe auch Räume reinigen, in denen sich Patienten mit multiresistenten Keimen aufhalten. 

Zeitnot und zu wenig Material

Solche Zimmer dürfe ich nicht betreten, hatte man mir erklärt - und sie nur in Schutzkleidung. An zwei Türen der Notaufnahme hängen Warnschilder. Infektionsgefahr. Ins erste geht sie allein, ohne Schutzkleidung, um einen Sack vollgekotete Windeln zu entsorgen. Er wandert sofort in den Müllsack. Eigentlich hätte sie ihn von außen desinfizieren und doppelt verpacken müssen, habe ich gelernt. Beim zweiten Infektionszimmer weist sie mich an, ihr zu helfen. Der Raum ist leer, die Krankenliege mit einem frischen Laken bezogen. Schutzkleidung liegt nicht bereit. Während Martyna um die Liege herum wischt, putze ich das Waschbecken, ein Dreiminuten-Job. Nach Ende meines ersten "Ausbildungstages" habe ich das Gefühl, niemand hier nimmt die Keimgefahr im Krankenhaus ausreichend ernst.

Mehrfach drüberwischen und Druck ausüben - nur so werden Bakterien beim Putzen zuverlässig entfernt.

Mehrfach drüberwischen und Druck ausüben - nur so werden Bakterien beim Putzen zuverlässig entfernt.


An Tag zwei werde ich Ayfer zugeteilt, angeblich eine der besten Reinigungskräfte des Hauses, so preist sie mir Gruppenleiter Thomas an. Ayfer ist zuständig für die Untersuchungstrakte der Röntgen-, MRT- und Ultraschalldiagnostik, ein verwinkeltes Revier, das insgesamt rund 100 Untersuchungszimmer, Umkleideräume, Wartezimmer, Büros, Kaffeeküchen, Toiletten, Flure und Treppenhäuser umfasst. Die Hälfte davon muss bis neun Uhr morgens sauber sein, wenn die ersten Patienten kommen. Ayfer spricht kaum Deutsch, ihre freundlichen Anweisungen beschränken sich auf "Machst du hier...". Sie arbeitet noch flüchtiger als Martyna, wechselt noch seltener Tücher und Möppe. Wie sollte sie auch? 20 wurden ihr an der Ausgabe zugeteilt. Ich errechne, dass sie für die 1120 Quadratmeter ihres Reviers jedoch 56 bräuchte, weil man alle 20 Quadratmeter wechseln soll. An diesem Arbeitsmaterial fehlt es also auch. Irgendwann fällt mir auf: Das Wasser in Ayfers blauem Eimer schäumt nicht. Als ich sie darauf anspreche, erklärt sie: "Das Desinfektionsmittel macht alles stumpf. Sieht nicht schön aus." Alles klar?

Nach drei Tagen Einarbeitung habe ich genug gesehen. Wenigstens werde ich mit meinem lückenhaften Wissen nicht gleich auf die Menschheit losgelassen: Mein eigenes Revier ab kommender Woche wäre ein Archiv. Aber ich kündige vorher.

Bei der Einarbeitung wird auch erklärt, wie die Toilette zu putzen ist.

Bei der Einarbeitung wird auch erklärt, wie die Toilette zu putzen ist. Allerdings: Die Stellen, die man beim Klogang anfasst, – Spülknopf und Klobürste - finden gar keine Erwähnung 



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