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Kinder mit Aids: HIV-positiv, traumatisiert und übersehen

Hunderttausende Kinder in Asien sind durch Aids Waisen geworden oder selbst infiziert. Das Sarnelli Haus in Thailand bietet einigen medizinische Versorgung und ein neues Leben. Nun soll in Asien mehr für HIV-positive Kinder getan werden.

Von Michael Lenz, Nong Khai

Es ist ein Wunder, dass Ghee im September 1999 zur Welt kam. Seine aidskranke Mutter wollte ihn eigentlich abtreiben, der Schwangerschaftsabbruch schlug jedoch fehl. Gleich nach der Geburt überließ die Mutter Ghee seinem Großvater und machte sich auf und davon. Ghee ist HIV-positiv. Der alte Mann war überfordert. Er bat das Sarnelli Haus um Hilfe.

Jawm war zwölf Jahre alt, als der jüngere Bruder ihres Vaters sie vergewaltigte. Ihr inzwischen verstorbener Onkel war HIV-positiv. Mitte 2003 wurde auch Jawm krank. Diagnose: Aids, Tuberkulose und bakterielle Infektion. Die Mutter lieferte sie im Sarnelli Haus ab und ging mit ihrem neuen Ehemann nach Malaysia, um dort zu arbeiten. Die sehr kranke Jawm ist scheu, gefühlsbetont, neigt zu Depressionen.

Ta-Dam wurde als Achtjährige an einen Taxifahrer verkauft, bevor ihre Eltern an Aids starben. Der Mann missbrauchte das Mädchen, misshandelte sie und infizierte sie mit HIV. Als Mitarbeiter des Sarnelli Haus Ta-Dam im Jahr 2001 fanden, war sie einem furchtbaren psychischen und körperlichen Zustand. Heute geht Ta-Dam zu Schule. Ta-Dam bedeutet auf Deutsch "schwarze Augen". Die schönen schwarzen Augen des Mädchens sind nun von "Grauem Star" befallen - Ta-Dam sieht nur noch schemenhaft.

Neues Leben für 62 Kinder in Thailand

Drei Kinder, drei Schicksale. Missbraucht, ausgegrenzt, allein gelassen, HIV-positiv. Zusammen mit 62 anderen Kindern haben Ghee, Jawm und Ta-Dam im Sarnelli Haus (www.sarnelli.org), einem Heim für aidskranke Kinder in Nong Khai am Ufer des Mekong, Schutz, medizinische Versorgung und ein neues Leben gefunden. Jedes der Kinder hat ähnlich traumatische Erlebnisse machen müssen. Sie alle sind HIV-positiv. Das von Michael Shea, einem Pater vom Orden der Redemptoristen, gegründete Heim ist die einzige Einrichtung für Kinder mit Aids im Isan, dem bitterarmen Nordosten Thailands.

Tabus überwinden und finanzielle Unterstützung sichern

Kinder mit Aids und Aidswaisen sind die von der Öffentlichkeit und der Aidspolitik übersehene Betroffenengruppe. Das zu ändern ist das Ziel einer Konferenz internationaler Kinder- und Aids-Organisationen wie Unicef und UNAids sowie Vertreter von Regierungen asiatischer Länder, die am Freitag in Hanoi zu Ende geht. "Wir brauchen mehr kollektive und effektive Kampagnen, damit unsere Kinder ein besseres Leben haben können", forderte Vietnams stellvertretender Premierminister Pham Gia Khiem am Mittwoch in seiner Eröffnungsrede. Pham Gia Khiem sagte: "Kinder sind die Zukunft der Welt."

Anupama Rao Singh, Unicef-Direktor für die Ostasien, klagt, Kinder seien bisher "nicht auf dem Radar" der Aids-Kampagnen gewesen. "Das kann nicht länger hingenommen werden", sagte Rao Singh und fügte hinzu: "Wir haben jetzt die Chance, diesen Status Quo durch eine enorme Beschleunigung der Maßnahmen zu verändern und wir müssen diese Chance nutzen." Wesentlich für wirksame und erfolgreiche Vorbeugungskampagnen sei die Überwindung "religiöser und kultureller Tabus", die Helfer und Eltern gleichermaßen daran hinderten, offen über Sexualität zu sprechen, sagte der Unicef-Experte. Es fehle aber auch an finanziellen Mittel für Aufklärung als auch die medizinische Versorgung der betroffenen Kinder.

Rund 15 Millionen Kinder weltweit sind Aids-Waisen

Nach Angaben von Unicef hatten bis Ende 2005 in Ostasien und den pazifischen Ländern 450.000 Kinder einen Elternteil oder beide Eltern durch Aids verloren. Hunderttausende leben mit ihren kranken oder sterbenden Eltern. Mehr als 30.000 Kinder in der Region sind als HIV-positiv gemeldet, 11.000 wurden erst im vergangenen Jahr mit dem Virus infiziert. In den meisten Ländern gibt es jedoch keine umfassenden Testmöglichkeiten. Die wirkliche Zahl wird daher um ein Vielfaches höher liegen, warnt Unicef-Sprecherin Shantha Bloemen.

Zudem lebten Millionen von Kindern und jungen Erwachsenen in Ländern wie China, Indonesien, Thailand oder Papua Neuguinea jeden Tag mit dem Risiko, sich mit dem Aids-Virus anzustecken. Aids ist nach Angaben von UNAids weltweit die Haupttodesursache von jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren. Die Zahl der Aids-Waisen schätzt die Aidshilfeorganisation der Vereinten Nationen weltweit auf 15 Millionen.

Dank moderner Medikamente können die Kinder mit HIV leben

Im Sarnelli Haus wächst die Zahl der Kinder stetig. Erst am vergangenen Wochenende wurde ein 13 Jahre altes Mädchen mit Aids und Tuberkulose in das Heim gebracht. "Sie ist nur noch Haut und Knochen", sagt Uwe Köther, ein Deutscher in Nong Khai, der zusammen mit anderen in Thailand lebenden Deutschen das Sarnelli Haus unterstützt. Die Kleine wird jetzt mit antiretroviralen Aids-Medikamenten behandelt und muss sich einer langwierigen Tuberkulosetherapie unterziehen.

Das Sarnelli Haus finanziert sich ausschließlich aus Spenden und Patenschaften. Finanzielle Hilfe von der Regierung gibt es nicht. Eigene Fischteiche, Hühner und Schweine sowie ein Gemüsegarten stellen die Grundversorgung sicher. Aber Reis und andere Nahrungsmittel müssen gekauft werden und schlagen mit umgerechnet 450 Euro monatlich zu Buche.

Im Garten des Hauses sind die bunten buddhistischen Grabmäler der Kinder zu sehen, die an Aids gestorben sind. Die Verbrennungsstätte neben den Gräbern ist in den letzten drei Jahren kalt geblieben - dank moderner Aids-Medikamente können die Kleinen mit ihrer HIV-Infektion leben. Pater Shea hat nun ein neues Ziel, auch wenn das Geld hinten und vorne nicht reicht: "Jetzt müssen wir uns um die Ausbildung der Kinder kümmern."

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